Warum schließt Faust den Pakt mit Mephistopheles, und welche Bedingung knüpft er an die Wette?
Wer den Pakt begreifen will, muss zuerst Fausts tiefe innere Zerrissenheit am Anfang des Dramas verstehen. Heinrich Faust ist ein brillanter Universalgelehrter. Er hat Philosophie, Medizin, Jura und Theologie studiert. Das bittere Fazit seiner jahrelangen Mühen? Er erkennt, dass er eigentlich nichts weiß. Dieses krachende Scheitern an den Grenzen des menschlichen Verstandes stürzt ihn in eine massive existenzielle Krise. Die reine Wissenschaft reicht ihm nicht mehr. Er greift zur Magie, beschwört die Geisterwelt und sucht verzweifelt nach einem direkten Zugang zur wahren Wirklichkeit. Er will spüren, was die Welt im Innersten zusammenhält.
Die himmlische Vorgeschichte: Eine kosmische Wette
Lange bevor Faust und Mephistopheles überhaupt aufeinandertreffen, spannt Goethe einen gewaltigen theologischen Bogen. Im Prolog im Himmel schließen Gott und der Teufel eine Wette ab. Mephistopheles prahlt damit, den treuen Diener Faust mühelos vom rechten Weg abbringen zu können. Gott hält gelassen dagegen. Er ist sich sicher, dass ein guter Mensch in seinem dunklen Drange sich des rechten Weges wohl bewusst ist. Der Teufel bekommt also quasi von höchster Stelle die Erlaubnis, Faust zu verführen. Der irdische Pakt ist folglich nur ein Teil eines viel größeren, kosmischen Spiels. Fausts unsterbliche Seele steht auf dem Spiel – völlig ohne sein Wissen.
Prüfungsfrage: Warum schließt Faust den Pakt mit Mephistopheles, und welche Bedingung knüpft er an die Wette?
Diese zentrale Frage lässt sich in zwei klaren Schritten beantworten, die für jede Klausur entscheidend sind.
Die Motivation: Faust schließt den Pakt aus absoluter Verzweiflung und dem radikalen Drang nach Entgrenzung. Als Mephistopheles in der Studierstube auftaucht, hat Faust den absoluten Tiefpunkt erreicht. Der Erdgeist hat ihn eiskalt abgewiesen, ein Selbstmordversuch lag greifbar nah. Faust leidet unerträglich unter der Begrenztheit des menschlichen Daseins. Er glaubt nicht einmal, dass der Teufel ihm wirklich helfen kann. Mephistopheles lockt mit grenzenlosem Genuss, Reichtum und weltlicher Macht. Faust verachtet diese oberflächlichen Freuden. Er will das totale Erleben, den Schmerz und das Glück der gesamten Menschheit spüren. Er nutzt den Teufel schlichtweg als Werkzeug, um aus seinem staubigen Gelehrtenleben auszubrechen.
Die Bedingung: Faust dreht den Spieß um und verwandelt den klassischen Teufelspakt in eine Wette. In der Szene Studierzimmer II legt er die genauen Spielregeln fest. Der Teufel gewinnt Fausts Seele nur dann, wenn er ihm einen Moment verschafft, der so vollkommen ist, dass Faust ihn für immer festhalten möchte. Fallen die Worte „Verweile doch! du bist so schön!“ (Faust I, Studierzimmer II, v. 1700), darf Mephistopheles ihn auf der Stelle holen. Faust ist felsenfest davon überzeugt, dass dieser Fall niemals eintreten wird. Sein innerer Antrieb ist rastlos. Kein irdischer Genuss, kein flüchtiger Moment kann seinen unendlichen Durst nach Erkenntnis jemals stillen. Er wettet also nicht auf ein bestimmtes Ereignis, sondern auf seinen eigenen, ewig strebenden Charakter.
Zwei Ebenen eines fatalen Bündnisses
Auf den ersten Blick sehen wir hier einen klassischen Teufelsbund. Mephistopheles dient Faust im Diesseits und kassiert dafür im Jenseits dessen Seele. Schaut man genauer hin, offenbart sich ein tiefgründiges philosophisches Experiment. Goethe wirft eine gewaltige Frage auf: Muss ein Mensch, der unermüdlich sucht, irrt und Grenzen sprengt, am Ende zwangsläufig moralisch scheitern? Oder rettet ihn genau dieses unstillbare Streben? Mephistopheles nennt sich selbst einen „Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“ (Faust I, Studierzimmer II, v. 1335 f.). Der Teufel fungiert als notwendiger Motor. Ohne seine dunkle Energie würde Faust in seiner Depression verharren und niemals zur Tat schreiten.
Der Preis der Grenzüberschreitung
Faust reicht dem Teufel nicht die Hand, weil er plötzlich böse Absichten hegt. Er handelt aus einem tiefen Schmerz über die Fesseln der menschlichen Natur. Die Vernunft hat versagt, die Wissenschaft ist am Ende. Jetzt soll die Magie die Türen zur echten Welt aufstoßen. Faust sucht die Totalität des Lebens. Er ahnt zu diesem Zeitpunkt noch nicht, welchen furchtbaren Preis andere für seinen Egoismus zahlen müssen. Sein rücksichtsloser Drang nach Selbstverwirklichung zieht eine blutige Spur der Verwüstung nach sich. Wie zerstörerisch dieser Weg wirklich ist, zeigt sich wenig später in der erschütternden Gretchentragödie. Das unschuldige Mädchen wird zum ultimativen Opfer seines grenzenlosen, rücksichtslosen Strebens.
