Welchen Einfluss hatte der Sturm und Drang auf die frühen Entstehungsphasen des Faust-Stoffes, und wie unterscheidet sich der klassische Goethe in seiner Gestaltung von diesem Einfluss?
Klassik Prosawerk Abitur

Welchen Einfluss hatte der Sturm und Drang auf die frühen Entstehungsphasen des Faust-Stoffes, und wie unterscheidet sich der klassische Goethe in seiner Gestaltung von diesem Einfluss?

Musteraufsatz · Johann Wolfgang von Goethe
Sophie Hartmann
6 Min. Lesezeit · 7. May 2026

Als Goethe in den frühen 1770er Jahren den Faust-Stoff aufgriff, brannte in ihm das Feuer des Sturm und Drang. Das Resultat dieser wilden Schaffensphase kennen wir heute als Urfaust. Er entstand zwischen 1772 und 1775, blieb aber lange verschollen und wurde erst 1887 wiederentdeckt. Damals lehnte sich eine junge Generation von Dichtern lautstark gegen die kühle Vernunft der Aufklärung auf. Sie feierten das grenzenlose Gefühl, das schöpferische Genie und den unbedingten Willen des Einzelnen. Die alte Legende vom Gelehrten, der für ultimatives Wissen einen Pakt mit dem Teufel schließt, passte perfekt in diese rebellische Zeit. Goethe nutzte das historische Volksbuch als Sprungbrett, um die tiefsten Sehnsüchte seiner eigenen Generation auszudrücken.

Faust als Sturmgeist: die frühe Konzeption

Im Urfaust spüren wir sofort das ungestüme Pathos eines zerrissenen Menschen. Faust ist kein ruhiger Denker. Er ist ein Rebell. Er erstickt in der Enge seiner Studierstube und verzweifelt an den Grenzen der menschlichen Erkenntnis. Sein berühmter Monolog bringt diese Frustration auf den Punkt: Er hat Philosophie, Juristerei, Medizin und Theologie studiert, steht aber am Ende „so klug als wie zuvor“ (Faust I, Vers 358). Dieser Moment trifft genau den Nerv der Epoche. Das etablierte Buchwissen ist tot und wertlos. Was wirklich zählt, sind das lebendige Gefühl und die unmittelbare Erfahrung der Natur. Die Sprache spiegelt diese innere Unruhe wider. Sie ist abrupt, voller starker Bilder und geprägt von kurzen, geradezu herausgeschleuderten Versen. Formal ist das eine klare Kampfansage an jede strenge, klassizistische Ordnung.

Auch die berühmte Gretchentragödie atmet den Geist des Sturm und Drang. Sie ist im Urfaust bereits fast vollständig ausgearbeitet. Hier prallen Welten aufeinander: die reine, unbändige Leidenschaft auf der einen Seite und die gnadenlosen Zwänge der Gesellschaft auf der anderen. Das unschuldige Mädchen geht an einer kalten, moralisierenden Welt zugrunde. Fausts Schuld an Gretchen steht roh und unkommentiert im Raum. Es gibt noch keinen tröstenden Rahmen, der diese Tragödie abmildert. Die Schuld wiegt erdrückend schwer.

Der klassische Umbau: Ordnung, Rahmen und Theodizee

Jahre vergingen. Goethe reiste nach Italien (1786–1788) und veränderte sich tiefgreifend. Als er in den 1790er und 1800er Jahren die Arbeit an Faust. Eine Tragödie wieder aufnahm, hatte er sein wildes Jugendideal hinter sich gelassen. Die Weimarer Klassik prägte nun sein Denken. Er suchte nach Harmonie, nach einer klaren Form und der Versöhnung von Gefühl und Verstand. Diese neue, reifere Haltung formte den Text massiv um.

Der genialste Schachzug des klassischen Goethe ist der Prolog im Himmel. Im Urfaust fehlte er völlig. Jetzt schließen Gott und Mephistopheles eine Wette über Fausts Seele ab. Plötzlich steht das gesamte Drama in einem gewaltigen, kosmischen Rahmen. Fausts Fehler, seine Verzweiflung und sein Scheitern sind kein sinnloses Chaos mehr. Sie werden Teil eines großen, göttlichen Plans. Die zentrale Botschaft lautet nun: „Es irrt der Mensch, solang er strebt.“ Das Streben nach Höherem adelt den Menschen, selbst wenn er dabei Fehler macht. Diese Perspektive ist durch und durch klassisch. Sie gibt dem Leiden einen Sinn, ohne es zu verharmlosen.

Auch der Pakt mit Mephistopheles wird philosophisch viel tiefer gefasst. Faust schließt keinen simplen Teufelspakt mehr ab, bei dem er seine Seele für Reichtum oder Macht verkauft. Er geht eine Wette ein. Er wettet, dass er niemals einen einzigen Augenblick so vollkommen finden wird, dass er ihn bitten möchte zu verweilen (Vers 1699–1702). Das ist ein existenzphilosophisches Experiment: Kann ein Mensch, der immer weiter sucht und strebt, überhaupt jemals absolute Erfüllung finden? Diese intellektuelle Schärfe zeigt deutlich die Handschrift des reifen Goethe.

Sprache und Form als Spiegel des Wandels

Den Wandel vom rebellischen Jüngling zum klassischen Meister sieht man auch an der äußeren Form. Der Urfaust poltert noch in freien Rhythmen und im derben Knittelvers vor sich hin. In Faust I hingegen nutzt Goethe ganz bewusst eine breite Palette an Versmaßen. Er setzt den holprigen Knittelvers gezielt für die verstaubte Gelehrtenwelt ein. Für lyrische, gefühlvolle Momente wählt er den fließenden Madrigalvers. An besonders erhabenen Stellen greift er zum Blankvers. Diese metrische Vielfalt ist keine Willkür, sondern höchste, kalkulierte Kunst. Sie beweist den ordnenden, strukturierenden Geist der Klassik.

Kontinuität und Spannung

Man darf den Faust aber nicht einfach in zwei saubere Hälften – hier Sturm und Drang, da Klassik – zerschneiden. Goethe hat seine wilden Jugendtexte nicht weichgespült oder zensiert. Er hat sie vielmehr in eine gewaltige, neue Architektur eingebaut. Die innere Zerrissenheit Fausts, sein grenzenloser Übermut und die bittere Schuld an Gretchen bleiben voll erhalten. Sie verlieren nichts von ihrer emotionalen Wucht. Der klassische Goethe rahmt diese Ausbrüche lediglich ein und gibt ihnen eine neue Bedeutungsebene. Er löscht das Feuer nicht, er fasst es in einen Kamin. Genau diese knisternde Spannung zwischen rebellischem Ausbruch und ordnender Form macht Faust I zu einem der faszinierendsten Werke der Weltliteratur.

Prüfungswissen: Häufige Fragen

Frage: Welchen Einfluss hatte der Sturm und Drang auf die frühen Entstehungsphasen des Faust-Stoffes, und wie unterscheidet sich der klassische Goethe in seiner Gestaltung von diesem Einfluss?

Antwort: Der Sturm und Drang prägte die früheste Fassung des Werks, den sogenannten Urfaust, fundamental. In dieser Phase stand das Ideal des Originalgenies im Mittelpunkt. Goethe entwarf Faust als einen leidenschaftlichen Rebellen, der die starren Grenzen der akademischen Wissenschaft verachtet und nach unmittelbarer, emotionaler Erfahrung strebt. Das rationale Buchwissen der Aufklärung wird als tot und nutzlos entlarvt. Formal drückt sich dieser rebellische Geist in einer ungestümen, oft derben Sprache und dem Gebrauch von freien Rhythmen sowie dem Knittelvers aus. Auch die Gretchentragödie ist stark vom Sturm und Drang geprägt: Sie kritisiert die heuchlerische Moral der Gesellschaft, die das natürliche Gefühl unterdrückt und das unschuldige Mädchen in den Ruin treibt. Fausts Schuld bleibt hier roh, ungelöst und absolut.

Der klassische Goethe hingegen, geprägt durch seine Italienreise und die Ideale der Weimarer Klassik, suchte nach Maß, Form und einer übergeordneten Ordnung. Er verwarf das Material seiner Jugend nicht, sondern bettete es in einen neuen, philosophischen Rahmen ein. Der wichtigste Unterschied zeigt sich in der Hinzufügung des Prologs im Himmel. Dadurch wird Fausts wildes, fehlerhaftes Streben nicht mehr als bloße Rebellion verstanden, sondern als Teil eines göttlichen Plans legitimiert („Es irrt der Mensch, solang er strebt“). Aus dem naiven Teufelspakt des Volksbuchs machte der klassische Goethe eine komplexe existenzielle Wette um den Moment höchster Erfüllung. Formal bändigte er den Text durch den gezielten, kunstvollen Einsatz verschiedener Versmaße. Der entscheidende Unterschied liegt also in der Perspektive: Der Sturm und Drang zeigt das ungefilterte, tragische Scheitern des Individuums an der Welt, während die Klassik dieses Scheitern in eine kosmische Ordnung integriert und dem menschlichen Streben einen versöhnlichen Sinn verleiht.

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