Wie setzt Lessing den Blankvers als formales Mittel ein, und welche Wirkung erzeugt die Verssprache im Vergleich zur Prosa auf Ton und Aussage des Stücks?
Aufklärung Prosawerk Abitur

Wie setzt Lessing den Blankvers als formales Mittel ein, und welche Wirkung erzeugt die Verssprache im Vergleich zur Prosa auf Ton und Aussage des Stücks?

Musteraufsatz · Gotthold Ephraim Lessing
Sophie Hartmann
4 Min. Lesezeit · 13. August 2026

Als Lessing 1779 Nathan der Weise veröffentlichte, traf er eine bewusste Formentscheidung: Er schrieb das Stück in Blankversen — also in ungereimten fünfhebigen Jamben — und machte es damit zum ersten bedeutenden deutschen Drama in dieser Versform. Diese Wahl war kein Zufall, sondern ein ästhetisches und inhaltliches Programm.

Was ist der Blankvers, und woher kommt er?

Der Blankvers besteht aus einem Vers mit fünf Jamben (also zehn bis elf Silben, im Wechsel von unbetonter und betonter Silbe) — ohne Endreim. Lessing kannte die Form aus dem englischen Drama, wo sie seit Shakespeare die Bühnensprache des ernsthaften Stücks geprägt hatte. Im deutschen Theater dominierte bis dahin der strenge Alexandriner (zwölfsilbiger Vers mit fester Zäsur), wie ihn das Barockdrama verwendete. Dieser Vers wirkt oft feierlich-starr, fast deklamatorisch. Lessing dagegen sucht eine andere Qualität: Beweglichkeit bei gleichzeitiger Würde.

Natürlichkeit durch Rhythmus

Der fünfhebige Jambus folgt dem natürlichen Sprachrhythmus des Deutschen enger als der Alexandriner. Sätze können über Versenden hinweg fließen (Enjambement), Pausen fallen nicht zwingend auf die Versmitte, und die Figuren können sich unterbrechen, fragen, stocken — all das, ohne dass der Vers zusammenbricht. In den langen Dialogszenen zwischen Nathan und dem Tempelherrn oder in Nathans Ringparabel gewinnt diese Eigenschaft besonderes Gewicht: Die Sprache wirkt durchdacht, nicht aber deklamiert.

Die Ringparabel in III/7 ist dafür das deutlichste Beispiel. Nathan — ein jüdischer Kaufmann in Jerusalem zur Zeit der Kreuzzüge, der für seine Weisheit und Güte bekannt ist — antwortet dem muslimischen Sultan Saladin auf die Fangfrage, welche der drei abrahamitischen Religionen die wahre sei, nicht mit einer direkten Aussage, sondern mit einem Gleichnis. Der Blankvers gibt dieser Erzählung eine ruhige, gleichmäßige Dichte: Keine Reimzwänge lenken ab, kein Versmaß zwingt zur Kürzung. Die Geschichte vom Vater, der seinen drei Söhnen je einen Ring hinterlässt — weil er nicht wählen kann und will — entfaltet sich in einem Atemzug, der dem Nachdenken entspricht, nicht dem Pathos.

Vers als Mittel der Charakterisierung

Lessing nutzt den Blankvers auch zur Differenzierung seiner Figuren. Der Patriarch von Jerusalem, der religiösen Fanatismus und Machtanspruch verkörpert, spricht in denselben Versen wie Nathan — doch seine Sätze fallen kurzer, schroffer, befehlsartiger. Die Form bleibt dieselbe, der Gebrauch unterscheidet die Charaktere. Nathan hingegen dehnt seine Verse aus, arbeitet mit Parenthesen, Fragen, die er sich selbst stellt, mit vorsichtiger Umformulierung. Sein Denken ist im Sprechen sichtbar.

Vergleich: Was wäre gewonnen oder verloren mit Prosa?

Prosa hätte das Stück näher an das bürgerliche Trauerspiel gerückt, das Lessing selbst in Emilia Galotti (1772) in ungebundener Sprache geschrieben hatte. Dort ist die Prosa Ausdruck von Enge, Druck, politischer Bedrängnis. In Nathan der Weise soll aber kein solcher Druck herrschen — das Stück ist ein dramatisches Gedicht, wie Lessing es im Untertitel selbst nennt. Die Versform hebt die Handlung aus dem Alltäglichen, ohne sie ins Heroische zu überhöhen. Sie signalisiert: Hier wird nicht verhandelt oder geklagt, hier wird gedacht.

Prosa hätte außerdem die meditativeren Passagen — Nathans innere Abwägungen, Rechas Schwärmerei, die großen Schlussszenen der Erkennung — in eine Sprache gekleidet, die dem Inhalt weniger gerecht wird. Das Erhabene ohne Pomp, das Lessing anstrebt, ist im Blankvers leichter erreichbar als in Prosa.

Form als Aussage

Lessings Formwahl ist selbst ein aufklärerisches Argument. Der Blankvers steht zwischen den Extremen: Er ist weder die strenge, hierarchisierende Form des Barockverses noch die formlose Unmittelbarkeit der Prosa. Er ist geordnet, aber frei — gemessen, aber nicht starr. Das ist dieselbe Balance, die Lessing inhaltlich anstrebt: eine Vernunft, die nicht kalt doziert, und eine Humanität, die nicht sentimental schwärmt. Die Form denkt mit.

Wissenstest
Teste dein Wissen zu Nathan der Weise
Multiple-Choice · automatisch ausgewertet
Test starten →