Welche Funktion erfüllt die Figur der Marthe Rull, und wie trägt ihr hartnäckiges Beharren auf Gerechtigkeit zur Dramatik des Stücks bei?
Klassik Prosawerk Abitur

Welche Funktion erfüllt die Figur der Marthe Rull, und wie trägt ihr hartnäckiges Beharren auf Gerechtigkeit zur Dramatik des Stücks bei?

Musteraufsatz · Heinrich von Kleist
Sophie Hartmann
4 Min. Lesezeit · 20. July 2026

Heinrich von Kleists Lustspiel Der zerbrochne Krug (1808) dreht sich um einen einzigen Verhandlungstag vor dem Dorfgericht in Huisum. Im Mittelpunkt steht Richter Adam, der selbst der Täter ist: Er hat in der Nacht zuvor das Zimmer der jungen Eve Rull heimlich aufgesucht, wurde von ihrem Verlobten Ruprecht überrascht und beim überstürzten Abgang durch das Fenster beschädigt er den alten Familienkrug. Nun muss Adam über eine Tat urteilen, die er selbst begangen hat. Klägerin ist Marthe Rull, Eves Mutter und Besitzerin des zerbrochenen Kruges.

Wer ist Marthe Rull?

Marthe ist eine energische, bürgerlich-kleinbürgerliche Frau, deren Identität eng mit dem Besitz des Kruges verknüpft ist. Das Gefäß ist für sie kein beliebiger Gegenstand — es ist Familienerbstück und Symbol eines bescheidenen, aber ehrbar gelebten Lebens. Dass der Krug zerstört wurde, empfindet sie als persönlichen Angriff, als Verletzung ihrer Würde. Diese subjektive Aufladung des Schadens macht sie zur unermüdlichen Klägerin.

Die dramaturgische Funktion: Motor der Handlung

Ohne Marthe Rull gäbe es schlicht keine Gerichtsverhandlung und damit kein Stück. Kleist platziert sie als treibende Kraft, die das Verfahren erst erzwingt. Ihr Auftritt zu Beginn des Prozesses ist aufschlussreich: Sie schildert den Krug in einer langen, detailreichen Rede, die auf den ersten Blick komisch wirkt, weil sie exzessiv über ein zerbrochenes Gefäß klagt. Tatsächlich aber ist diese Ausführlichkeit dramaturgisch präzise kalkuliert — je länger Marthe spricht, desto länger muss Adam improvisieren, desto mehr Zeit bleibt ihm, sich selbst zu belasten.

Kleist lässt Marthe dabei nie wirklich naiv erscheinen. Sie weiß, was sie will: einen Schuldigen benennen, öffentlich Recht bekommen, ihre Familie rehabilitieren. Diese Zielstrebigkeit ist es, die den korrupten Richter Adam unter Druck setzt. Adam kann das Verfahren verzögern, ablenken und manipulieren — aber Marthes Beharren macht jede dieser Strategien nur kurzlebig. Ihr Hartnäckigkeit ist eine Art passiver Unerbittlichkeit, die den Lügengespinst des Richters systematisch zerstört.

Gerechtigkeit als Eigensinn

Interessant ist, dass Marthes Gerechtigkeitssinn keineswegs abstrakt oder idealistisch ist. Sie kämpft nicht für ein Prinzip, sondern für ihren Krug, ihren Ruf, ihre Familie. Dieser bodenständige, fast sture Eigensinn unterscheidet sie von Figuren der Klassik, die Gerechtigkeit als moralische Kategorie vertreten. Marthe ist pragmatisch: Ihr geht es um Wiedergutmachung und Genugtuung, nicht um Wahrheit an sich.

Genau darin liegt die dramatische Ironie: Marthe kämpft für ein kleines, persönliches Recht — und fördert dabei ungewollt eine Wahrheit zutage, die weit über ihren Krug hinausgeht. Sie deckt einen korrupten Amtsträger auf, ohne das überhaupt zu beabsichtigen. Die Gerechtigkeit, die sie im Kleinen einfordert, produziert im Großen eine systemische Entlarvung.

Marthe und Adam: ein asymmetrisches Kräfteverhältnis

Kleist inszeniert das Verhältnis zwischen Marthe und Adam als strukturell asymmetrisch: Adam besitzt institutionelle Macht, Marthe hat keine. Und doch ist es Marthe, die durch bloße Sturheit und die Unausweichlichkeit ihres Anliegens die Oberhand behält. Jedes Mal, wenn Adam das Verfahren in eine andere Richtung zu lenken versucht, bringt Marthes nächste Replik oder ihr erneutes Bestehen auf Klärung das Geschehen zurück auf den Kern. Dieser Mechanismus erzeugt eine charakteristische Spannung: Der Mächtige ist der Schwächere, die scheinbar Ohnmächtige die eigentliche Triebkraft.

Komik und Ernst

Kleist nutzt Marthe auch als komische Figur — ihre umständlichen Reden und ihre buchhalterische Genauigkeit beim Aufzählen der Schäden provozieren Lachen. Doch diese Komik hat eine ernste Kehrseite: Das Publikum lacht über jemanden, der schlicht Recht bekommen will. Diese Ambivalenz ist typisch für Kleists Lustspiel, das die Grenzen des Komischen immer wieder verschiebt und in dem das Lachen oft auf Kosten der moralisch Überlegenen geht — eben auf Kosten von Marthe, die letztlich im Recht ist.

Wissenstest
Teste dein Wissen zu Der zerbrochne Krug
Multiple-Choice · automatisch ausgewertet
Test starten →