Der zerbrochne Krug — Inhaltsangabe
Das Lustspiel Der zerbrochne Krug ist ein analytisches Drama in einem Akt, das Kleist später in dreizehn Auftritte gliederte; in heutigen Ausgaben wird es häufig in mehrere Akte unterteilt. Die Handlung spielt an einem einzigen Vormittag in dem fiktiven niederländischen Dorf Huisum bei Utrecht, vermutlich im späten 17. Jahrhundert. Als dramatischer Text kennt das Werk keine Erzählinstanz; die Figuren treten unmittelbar auf und enthüllen sich durch Dialog und Handlung. Der Ton ist komödiantisch, zugleich satirisch-bissig: Kleist treibt das Verfahren der schrittweisen Entlarvung mit ironischer Schärfe voran, während die Hauptfigur Adam sich in immer neue Lügen verstrickt.
Erster Akt
Die Komödie beginnt am frühen Morgen in der Gerichtsstube von Huisum. Der Dorfrichter Adam sitzt verletzt auf einem Stuhl und versucht, seine Wunden zu verbinden. Sein Schreiber Licht, ein scharfsinniger und nicht ganz uneigennütziger Mann, der insgeheim selbst auf das Richteramt schielt, betritt den Raum und mustert Adam mit unverhohlener Neugier. Adam wirkt zerschlagen: Sein Gesicht ist zerkratzt, ein Stück Fleisch fehlt an der Wange, und auch die Perücke, das Standessymbol des Richters, ist verschwunden. Auf Lichts bohrende Fragen reagiert Adam ausweichend und tischt eine erste, holprige Erklärung auf: Er sei am Morgen aus dem Bett gestürzt, habe sich am Ofen gestoßen und so seine Verletzungen davongetragen. Licht hört aufmerksam zu, bohrt nach und macht damit von Anfang an deutlich, dass er den Worten seines Vorgesetzten kein Wort glaubt.
Die Lage spitzt sich zu, als Licht eine beunruhigende Nachricht überbringt: Aus Utrecht ist Gerichtsrat Walter angekündigt, der die ländlichen Gerichte revidieren soll. Bereits in einem Nachbarort habe er den dortigen Richter wegen Unregelmäßigkeiten suspendiert; einer der Beamten habe sich gar das Leben genommen. Adam wird sichtlich nervös, denn auch seine Amtsführung dürfte einer genauen Prüfung kaum standhalten. Während er hektisch nach einer Ersatzperücke sucht und seine zweite, ebenfalls beschädigt, in unklaren Umständen verloren gegangen ist, klopft es bereits an der Tür. Walter tritt ein, ein höflicher, aber unbestechlich wirkender Beamter, der sich rasch einen Überblick verschafft. Er kündigt an, dem heutigen Gerichtstag persönlich beizuwohnen, um Adams Amtsführung zu beobachten. Adam bleibt nichts übrig, als sich notdürftig zu fassen und das Verfahren zu eröffnen.
In den Saal treten die Parteien des Tages: Frau Marthe Rull, eine resolute, redegewandte Witwe, hält die Scherben eines zerbrochenen Krugs in den Händen und fordert lautstark Gerechtigkeit. Begleitet wird sie von ihrer Tochter Eve, deren Verlobtem Ruprecht Tümpel, einem jungen Bauern, sowie Veit Tümpel, dessen Vater. Frau Marthe klagt: In der vergangenen Nacht sei jemand in Eves Kammer eingedrungen und habe bei der Flucht den wertvollen Krug zerschlagen, ein Familienerbstück, dessen Bilderfolge sie ausführlich und mit komischer Genauigkeit beschreibt. Sie verdächtigt Ruprecht, den jungen Verlobten, der jedoch heftig protestiert und seinerseits behauptet, in der Kammer einen anderen Mann überrascht zu haben. Eve schweigt auffällig, wirkt verstört und weicht jedem Blick aus, was den ohnehin nervösen Adam zusätzlich aus der Ruhe bringt.
Zweiter Akt
Die eigentliche Verhandlung nimmt Fahrt auf, und Adam gerät zunehmend in Bedrängnis. Walter sitzt schweigend dabei und verfolgt jedes Wort. Adam versucht das Verfahren in jene Richtung zu lenken, die ihn selbst entlastet, und drängt darauf, Ruprecht möglichst rasch als Täter zu überführen. Doch Walter besteht auf einer ordnungsgemäßen Vernehmung der einzelnen Zeugen. Frau Marthe schildert in einem berühmten Monolog die Geschichte ihres Krugs, der die Übergabe der Niederlande an Philipp von Spanien zeigte; die epische Breite ihrer Klage steht in komischem Kontrast zum eigentlichen Schaden und führt zu wiederholten Versuchen Walters und Adams, sie zur Sache zurückzubringen.
Dann wird Ruprecht befragt. Er schildert seine Sicht: Am Vorabend habe er Eve besuchen wollen, sei jedoch auf den Tag darauf vertröstet worden. Misstrauisch sei er später zur Kammer zurückgekehrt und habe von draußen Stimmen gehört. Beim Eintreten habe er einen Mann in der Kammer überrascht, der durchs Fenster zu fliehen versuchte. Er habe nach ihm geschlagen, mit der Türklinke geworfen und ihn in der Dunkelheit nicht erkannt; die ganze Sache sei in einem Tumult geendet, bei dem auch der Krug zu Bruch gegangen sei. Er beteuert seine Unschuld am Eindringen, beschuldigt aber Eve, ihm untreu geworden zu sein. Eve, von Adam und der ganzen Situation eingeschüchtert, schweigt weiter beharrlich. Ihr Schweigen wird zum Rätsel, das die Spannung trägt: Sie weiß offenkundig mehr, als sie sagen will, und ihr verzweifelter Blickwechsel mit Adam deutet bereits an, dass dieser sie unter Druck gesetzt hat.
Adam versucht mehrfach, die Befragung abzubrechen oder Eve einzuschüchtern. Er beschwört sie heimlich, von gewissen Dingen lieber zu schweigen, und droht ihr im Flüsterton mit Konsequenzen für Ruprecht, sollte sie reden. Eve, in einem inneren Konflikt zwischen Liebe zu Ruprecht, Sorge um ihn und Angst vor Adams Drohungen, ringt sichtbar mit sich. Walter, dem die merkwürdige Befangenheit des Richters nicht entgeht, schaltet sich ein und ermahnt Adam zu einer ordentlichen Prozessführung. Während Adam stottert, sich verspricht und in seinen Aussagen widerspricht, häufen sich die Indizien, die nicht auf Ruprecht, sondern auf einen anderen Täter weisen.
Dritter Akt
Die Befragung der weiteren Zeuginnen treibt die Entlarvung Adams voran. Frau Brigitte, eine Nachbarin, betritt den Saal mit einem Beweisstück, das Adam endgültig in die Enge treibt: Sie hat in der Nähe des Tatorts eine Perücke gefunden, in einem Spalier hängend, dazu Spuren im Schnee, die von Eves Kammer wegführen. Diese Spuren beschreibt sie auf eine Weise, die unweigerlich auf Adam hinweist, denn der Hinkende habe einen unverkennbaren, ungleichmäßigen Tritt hinterlassen, der einem Klumpfuß ähnelt. Adam, der selbst an einem verkrüppelten Fuß leidet, versucht verzweifelt, diese Spuren als die des Teufels darzustellen, was zu einer der komischsten Passagen des Stücks führt: Der Richter spricht von einem Bocksfuß, von Schwefelgeruch und teuflischen Erscheinungen, während Walter immer ungläubiger den Kopf schüttelt.
Auch die Frage nach der Perücke wird drängender. Adam behauptet, die seine sei beim Bäcker oder beim Friseur, verstrickt sich aber in immer neue Versionen. Walter fordert ihn schließlich direkt auf, die gefundene Perücke aufzusetzen, doch Adam weicht aus. Der Verdacht, dass der Richter selbst der nächtliche Eindringling war, ist nun für alle Anwesenden offensichtlich, nur noch nicht ausgesprochen. Eve, die das Leid Ruprechts nicht länger erträgt und erkennt, dass Adam ihn andernfalls auf eine ferne, gefährliche Mission nach Ostindien schicken könnte, wovor Adam sie zuvor mit gefälschten Dokumenten geängstigt hatte, fasst endlich Mut.
Ihre Aussage ist der Wendepunkt: Eve berichtet, wie Adam am Vorabend zu ihr gekommen sei, sich ihrer Gunst aufgedrängt und sie unter Druck gesetzt habe. Er habe ihr eingeredet, Ruprecht werde ohne sein Eingreifen zum Militärdienst in die Kolonien geschickt und dort sicher umkommen; nur wenn sie sich ihm gefügig zeige, könne er ihn retten. Mit dieser Erpressung habe er sich Zutritt zu ihrer Kammer verschafft. Als Ruprecht überraschend hereingekommen sei, habe Adam fluchtartig durchs Fenster fliehen müssen, dabei den Krug umgestoßen und seine Perücke und Teile seines Gesichts an Türklinke und Spalier zurückgelassen. Walter hört die Aussage mit wachsender Empörung; Ruprecht, der zunächst Eves Treue angezweifelt hatte, begreift seinen Irrtum.
Adam versucht in höchster Not, das Verfahren noch zu retten, indem er hastig ein Urteil fällt: Er spricht Ruprecht schuldig und verurteilt ihn. Doch Walter greift sofort ein, hebt das Urteil auf und übernimmt faktisch die Leitung. In diesem Moment bricht Adam endgültig zusammen. Er ergreift seinen Mantel, setzt seine letzte Würde aufs Spiel und ergreift die Flucht: Hinkend und stolpernd rennt er aus dem Gerichtssaal über Felder und Wege davon, eine Szene, die auf der Bühne als grotesker Höhepunkt der Komik inszeniert wird.
Was bleibt, ist die Aufklärung der zwischenmenschlichen Verwicklungen. Walter beruhigt Eve und versichert ihr, dass die Geschichte mit der Einberufung Ruprechts nach Ostindien eine glatte Lüge Adams gewesen sei; die Papiere, mit denen er sie eingeschüchtert habe, seien wertlos. Eve und Ruprecht versöhnen sich nach kurzer Aussprache, in der Ruprecht seine Eifersucht und seine harten Worte bereut. Frau Marthe jedoch bleibt unzufrieden: Ihr Krug ist nach wie vor zerbrochen, und sie besteht darauf, in Utrecht eine Klage auf Schadensersatz nachzureichen, womit das Stück mit einem charakteristisch ironischen Schlusspunkt endet. Licht wird einstweilen mit der Vertretung des Richteramts betraut, sodass sich auch sein lange gehegter Ehrgeiz erfüllt. Adam wird nicht endgültig abgesetzt, sondern soll suspendiert werden, eine milde Lösung, die den komödiantischen Charakter des Stücks wahrt, ohne die Korruption ungestraft zu lassen.
