Welchen Einfluss hatte das Gemälde Der zerbrochene Krug von Jean-Baptiste Greuze auf die Entstehung des Stücks, und welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede lassen sich feststellen?
Klassik Prosawerk Abitur

Welchen Einfluss hatte das Gemälde Der zerbrochene Krug von Jean-Baptiste Greuze auf die Entstehung des Stücks, und welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede lassen sich feststellen?

Musteraufsatz · Heinrich von Kleist
Sophie Hartmann
4 Min. Lesezeit · 21. July 2026

Im Winter 1802 saßen Heinrich von Kleist, der Schweizer Schriftsteller Heinrich Zschokke und Ludwig Wieland — Sohn des Dichters Christoph Martin Wieland — in Bern zusammen und betrachteten einen Kupferstich nach Jean-Baptiste Greuzes Gemälde La Cruche cassée (zu Deutsch: Der zerbrochene Krug, entstanden um 1771, heute im Louvre, Paris). Laut Zschokkes eigenem Bericht, den er später in seiner Selbstschau festhielt, entstand spontan ein literarischer Wettbewerb: Alle drei wollten das Bild in Worte übersetzen. Kleists Beitrag wurde schließlich das Lustspiel Der zerbrochne Krug, an dem er bis zur Erstaufführung 1808 arbeitete.

Was zeigt das Gemälde?

Greuzes Bild zeigt ein junges Mädchen, das einen zerbrochenen Tontopf hält. Die Szene ist eindeutig: Das Mädchen ist sichtlich bewegt, ihr Blick gesenkt, die Kleidung leicht unordentlich. Der Krug gilt in der europäischen Bildtradition als Symbol der weiblichen Unschuld — ein zerbrochener Krug ist also ein Bild für verlorene Keuschheit. Greuze war bekannt dafür, solche moralisch aufgeladenen Genrebilder zu malen, die dem aufklärerischen Geschmack des 18. Jahrhunderts entsprachen: rührend, tugendhaft, belehrend.

Was übernimmt Kleist?

Das zentrale Symbol behält Kleist bei: Auch im Lustspiel steht ein zerbrochener Tonkrug im Mittelpunkt. Der Krug gehört Marthe Rull, einer Bäuerin in einem niederländischen Dorf, und ihr Inhalt des Streits ist, wer ihn in der Nacht zuvor zerstört hat. Ihre Tochter Eve — jung, unverheiratet, in einer prekären Lage — entspricht in ihrer sozialen Funktion dem Mädchen auf Greuzes Bild: Die Frage, ob ihre Unschuld noch intakt ist, schwebt über der gesamten Handlung. Der Krug trägt also dieselbe metaphorische Last wie im Gemälde.

Was verändert Kleist grundlegend?

Der entscheidende Schritt weg von Greuze liegt in der dramatischen Konstruktion. Greuzes Bild ist ein eingefrorener Moment — es zeigt die Folge, nicht die Ursache, und lässt dem Betrachter Raum zur moralischen Interpretation. Kleist dagegen verwandelt dieselbe Situation in ein Gerichtsverfahren. Der Dorfrichter Adam, der selbst Täter ist — er hat in jener Nacht Eves Kammer aufgesucht und dabei den Krug zerbrochen —, muss nun als Richter über eine Tat urteilen, die er begangen hat. Die komische und zugleich abgründige Energie des Stücks entsteht genau daraus: Adam befragt Zeugen, lenkt ab, verstrickt sich in Widersprüche, um sich selbst zu schützen.

Diese Struktur — ein Schuldiger als Richter in eigener Sache — hat kein Vorbild im Gemälde. Sie rückt das Stück in die Nähe des Sophokleischen Ödipus, den Kleist kannte: Auch Ödipus ermittelt in einem Fall, dessen Lösung ihn selbst vernichtet. Greuze lieferte das Bild und das Symbol; die dramatische Idee ist Kleists eigene Erfindung.

Ton und Moral im Vergleich

Greuze arbeitet mit sentimentaler Wirkung: Das Bild appelliert an das Mitgefühl des Betrachters und hat eine klare moralische Botschaft. Kleist verschiebt den Ton radikal. Das Stück ist ein Lustspiel — Adam ist lächerlich, sein Scheitern komisch. Gleichzeitig ist die Situation für Eve keineswegs harmlos: Ihr Verlobter Ruprecht zweifelt an ihr, ihre Reputation steht auf dem Spiel, und der Richter, der ihr Schutz gewähren sollte, ist ihr Bedroher. Kleist kombiniert also die moralische Schwere des Greuze-Bildes mit einer komischen Verkleidung — und erzeugt gerade dadurch eine Spannung, die das Stück weit über die biedere Genremalerei hinaushebt.

Der Kupferstich als konkreter Auslöser

Wichtig ist die mediale Vermittlung: Kleist sah vermutlich keinen direkten Zugang zum Original im Pariser Louvre, sondern einen Kupferstich nach dem Gemälde — eine damals verbreitete Form der Bildreproduktion. Das bedeutet, dass Kleists Ausgangspunkt bereits eine Übersetzung war: Malerei in Druckgraphik, Farbe in Linie. Seinen Text kann man als weitere Übersetzung lesen — diesmal von der Bildtradition in die dramatische Sprache.

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