Vergleich: Mitläufertum und Versagen der Bürgerlichkeit — Biedermann und die Brandstifter und Der Hauptmann von Köpenick
Ein brennendes Haus und eine verschlossene Tür. Wer Gottlieb Biedermann in Max Frischs Biedermann und die Brandstifter (1958) dabei zusieht, wie er einen dubiosen Hausierer auf den Dachboden bittet, wird Zeuge eines fatalen Mechanismus. Die Gefahr steht im Wohnzimmer – und der Hausherr serviert ihr Wein. Carl Zuckmayer sezierte bereits 1931 in Der Hauptmann von Köpenick eine verblüffend ähnliche Krankheit, wenn auch unter anderen Vorzeichen. Der Ex-Sträfling Wilhelm Voigt prallt auf eine Gesellschaft, die Menschen ohne Papiere vernichtet, aber jeder Uniform blind gehorcht. Beide Dramen sezieren den Suizid der Bürgergesellschaft durch ihren eigenen Anpassungsreflex. Meine These: Frisch und Zuckmayer entlarven exakt dieselbe feige Unterwerfung des Bürgers unter eine Autorität. Zuckmayer demaskiert die wilhelminische Variante als beißende Satire. Frisch hingegen radikalisiert diesen Befund zu einer zeitlosen Parabel über das Mitläufertum als anthropologische Konstante.
Die Ausgangskonstellation: zwei Bürger, ein Reflex
Gottlieb Biedermann, reich geworden mit nutzlosem Haarwasser, verkörpert den satten Nachkriegsbürger. Die Brandstifter Schmitz und Eisenring schleppen Benzinfässer in sein Haus. Sie kündigen den Mordbrenner-Akt offen an. Biedermanns Reaktion? Er bittet zu Tisch. Der Feuerwehrchor kommentiert das Desaster im Stil der antiken Tragödie und stellt klar: Hier agiert keine Naivität, sondern methodisches Wegsehen.
Bei Zuckmayer spaltet sich das bürgerliche Prinzip. Wir sehen den Ausgestoßenen Voigt, der verzweifelt Teil der Gesellschaft werden will. Ihm gegenüber steht die monolithische Beamtenkaste – Bürgermeister Obermüller, der Polizeipräsident, die Passamt-Schreiber. Sie verwalten ein hermetisches System. Voigt erkennt die bittere Spielregel: Nicht der Mensch zählt, sondern das Tuch, das er trägt. Der bürgerliche Staat entpuppt sich als seelenlose Maschine. Ein Apparat, der Befehle ausführt, ohne jemals nach dem Sinn zu fragen.
Mitläufertum I: Die Sprache der Selbsttäuschung
Frischs Protagonist redet sich den Untergang schlichtweg schön. Es riecht penetrant nach Benzin. Eisenring gibt unumwunden zu, was er plant. Biedermanns Reaktion offenbart den Kern des Stücks: Scherz sei die drittbeste Tarnung, Sentimentalität die zweitbeste. Die beste Tarnung aber sei die nackte Wahrheit, denn die glaube niemand. Die Täter lügen nicht. Biedermann hört die Wahrheit, lacht sie weg und verdrängt. Er biedert sich an, duzt seine zukünftigen Mörder. Sein Wir sind doch keine Unmenschen
markiert die totale Selbstaufgabe. Die bürgerliche Höflichkeit kapituliert vor der nackten Gewalt.
Zuckmayers Figuren sprechen einen anderen Jargon, atmen aber denselben Geist. Wenn im wilhelminischen Berlin von "Ordnung", "Dienst" und "Vorschrift" geschwadroniert wird, stirbt das eigenständige Denken. Bürgermeister Obermüller lässt sich von Voigt in falscher Uniform widerstandslos abführen. Die Anordnung ist absurd. Egal. Die Uniform ersetzt die Plausibilität. Beide Autoren beweisen: Der Bürger versagt genau in dem Moment, in dem er seine Urteilskraft an äußere Codes abtritt – seien es hohle Höflichkeitsfloskeln oder militärische Abzeichen.
Mitläufertum II: Angst, Eigennutz, Feigheit
Was treibt Biedermann an? Dummheit ist es nicht. Frisch etabliert ihn früh als eiskalten Kapitalisten, der seinen Angestellten Knechtling gnadenlos in den Selbstmord treibt. Biedermann besitzt also Härte. Doch diese Härte funktioniert nur nach unten. Ein schlechtes Gewissen plagt ihn, er will um jeden Preis als "guter Mensch" dastehen. Nach oben, gegen die physisch überlegenen Eindringlinge, knickt er ein. Am Ende reicht er ihnen sogar die Streichhölzer. Die bürgerliche Moral zerbricht an ihrer eigenen Doppelmoral: brutal gegen die Schwachen, kriecherisch vor der Macht.
Zuckmayers Bürokraten ticken ähnlich, nur im institutionellen Rahmen. Der Beamte im Passamt ist kein Monster. Er ist ein ängstlicher, beförderungsgeiler Radfahrer. Voigt durchleidet diese Mechanik: Ohne Aufenthalt kein Pass, ohne Pass keine Arbeit, ohne Arbeit kein Aufenthalt. Ein kafkaesker Teufelskreis. Voigt sprengt ihn, indem er die Waffe des Systems gegen das System richtet. Er zieht den Rock an. Zuckmayer zwingt uns zu einer schmerzhaften Einsicht: Dieser Staat lässt sich nicht durch Argumente reformieren, er lässt sich nur durch einen plumpen Schwindel aushebeln.
Der entscheidende Unterschied: Satire gegen Parabel
Trotz dieser Schnittmengen wählen beide Dramatiker völlig unterschiedliche Waffen. Zuckmayer verfasst ein deutsches Märchen. Es spielt im Berlin von 1906, basiert auf wahren Begebenheiten und strotzt vor präzisem Lokalkolorit. Sein Mitläufertum trägt Pickelhaube. Die brillante Komik speist sich aus der exakten Beobachtung einer vergangenen Epoche. Voigt bleibt eine zutiefst menschliche, tragikomische Figur, die am Ende über ihr eigenes Spiegelbild lacht.
Frisch verweigert uns diese historische Komfortzone. Sein Lehrstück ohne Lehre streift jede Konkretion ab. Keine Epoche, keine Partei. Die Eindringlinge sind keine Nazis, keine Stalinisten. Sie sind schlicht die Brandstifter. Genau diese Abstraktion ist der eigentliche Schlag ins Gesicht. Wir können das Geschehen nicht in den Geschichtsbüchern abheften. Bei Zuckmayer mag man sich einreden, der Spuk sei mit dem Kaiserreich gestorben. Frisch schneidet diesen Fluchtweg ab. Biedermann sind wir. Der Chor warnt unmissverständlich: Dummheit ist das falsche Wort für eine Katastrophe, die aus reiner Bequemlichkeit geboren wird.
Gegenargument: Sind die Stücke wirklich vergleichbar?
Ein berechtigter Einwurf: Voigt ist doch gar kein Mitläufer! Er ist der Rebell, der das System vorführt. Erzählt Zuckmayer also nicht das exakte Gegenteil von Frisch? Voigt rebelliert, Biedermann kriecht. Dieser Gedanke greift zu kurz. Er übersieht, wo Zuckmayer das eigentliche Gift lokalisiert. Der Mitläufer ist nicht Voigt. Das Mitläufertum sitzt in den Amtsstuben. Voigt ist lediglich das Kontrastmittel, das die Krankheit sichtbar macht. Die brave Mittelschicht, die vor Messingknöpfen die Hacken zusammenschlägt, hat das Denken längst eingestellt. Hier verschmelzen beide Werke wieder zu einer Einheit: Bürgerliches Versagen bedeutet, die persönliche Verantwortung an eine höhere Instanz auszulagern.
Ein zweiter Einwand besagt, Frisch sei nihilistischer, weil sein Stück in Flammen aufgeht, während Zuckmayer uns mit einem befreienden Lachen entlässt. Ein Trugschluss. Voigts Lachen am Ende ist keineswegs erlöst. Es ist das bittere Lachen über einen absurden Apparat, der nur wenige Jahre später Millionen Menschen in die Schützengräben des Ersten Weltkriegs jagen wird. Das Uraufführungspublikum von 1931 ahnte bereits, wohin dieser blinde Gehorsam erneut führen würde. Zuckmayers Bitterkeit ist historisch aufgeladen, Frischs Verzweiflung ist existenziell.
Schluss: Zwei Diagnosen, eine Krankheit
Zwei Stücke, eine vernichtende Diagnose. Die Bürgergesellschaft wird nicht von außen zerstört. Sie richtet sich selbst zugrunde. Sie tauscht ihre Freiheit und ihr Urteilsvermögen gegen die Illusion von Sicherheit und Ruhe ein. Zuckmayer fesselt diese Krankheit an den wilhelminischen Uniformkult. Er lässt sie durch einen genialen Außenseiter demaskieren. Frisch reißt ihr die historischen Kleider vom Leib und macht sie für jede neue Generation zur akuten Bedrohung.
Letztlich trifft Frischs Variante heute härter. Sie lässt uns nicht vom Haken. Über die Pickelhauben-Bürokraten von 1906 lässt sich trefflich lachen – sie sind Geschichte. Über Gottlieb Biedermann lacht nur, wer sich selbst noch nicht erkannt hat. Wer das Theater verlässt und sich fragt, wann er selbst das letzte Mal aus purer Bequemlichkeit weggesehen hat, begreift die wahre Dimension. Frisch hat Zuckmayers Lektion gelernt und sie ins Unermessliche gesteigert: Mitläufertum ist keine historische Verfehlung der anderen. Es ist die ständige Versuchung im eigenen Wohnzimmer.
