Welche Funktion erfüllt das Motiv des Feuers im Stück über seine wörtliche Bedeutung hinaus?
Max Frischs Lehrstück Biedermann und die Brandstifter (1958) erzählt die Geschichte des Haarwasserfabrikanten Gottlieb Biedermann, der zwei Fremde — Schmitz und Eisenring — in sein Haus aufnimmt, obwohl er ahnt oder ahnen müsste, dass sie Brandstifter sind. Am Ende zünden sie die Stadt an. Das Feuer, das dabei entsteht, funktioniert auf mehreren Ebenen gleichzeitig.
Feuer als Symbol der selbstverschuldeten Katastrophe
Die eigentliche Pointe des Stücks liegt nicht darin, dass Brandstifter existieren, sondern darin, dass Biedermann ihnen freiwillig die Streichhölzer reicht. Er weiß spätestens, als Benzinfässer im Dachboden lagern, was geschehen wird — und handelt trotzdem nicht. Das Feuer symbolisiert damit eine Katastrophe, die nicht von außen über die Gesellschaft hereinbricht, sondern die sie sich selbst bereitet. Frisch zielt damit auf eine zentrale Erfahrung der Nachkriegszeit: Wie konnte der Nationalsozialismus möglich werden? Die Antwort, die das Stück gibt, lautet: durch Duldung, Wegschauen und die bequeme Hoffnung, es werde schon gut gehen.
Feuer als Strafe und moralisches Urteil
Das Feuer hat im Stück auch eine strafende Dimension. Der Chor — in der Tradition des antiken Dramas — kommentiert das Geschehen und kündigt frühzeitig die Katastrophe an, ohne sie verhindern zu können oder zu wollen. Dadurch entsteht eine fast rituelle Qualität: Das Feuer wirkt wie ein unausweichliches Urteil über Biedermanns moralisches Versagen. Er hat seine Mitschuld am Tod seines ehemaligen Mitarbeiters Knechtling verdrängt und handelt nun nach demselben Muster — er verdrängt, was er sieht. Das Feuer macht diese Verdrängung unwiderruflich sichtbar.
Feuer als politische Metapher
Frisch schrieb das Stück 1953 zunächst als Hörspiel, kurz nach dem kommunistischen Putsch in der Tschechoslowakei (1948) und in der Hochphase des Kalten Krieges. Das Feuer trägt damit auch eine zeithistorische Bedeutungsschicht: Es steht für politische Gewalt und totalitäre Machtübernahme, die durch Beschwichtigung und Kollaboration erst ermöglicht werden. Schmitz und Eisenring sind keine unbekannten Monster — sie treten freundlich auf, machen Witze, spielen mit Biedermanns Gutgläubigkeit. Genau das macht sie gefährlich. Das Feuer, das sie legen, ist die logische Konsequenz einer Gesellschaft, die Täter hofiert, solange sie das angenehme Äußere wahren.
Feuer und die Funktion des Unausweichlichen
Strukturell ist das Feuer im Stück von Anfang an präsent: Der Chor spricht bereits im Prolog davon, Rauch liegt metaphorisch über dem gesamten Geschehen. Diese Vorausdeutung erzeugt beim Publikum eine Art doppeltes Sehen — man schaut Biedermann zu und weiß gleichzeitig, wohin es führt. Das Feuer ist damit auch ein dramaturgisches Mittel, das Frischs Absicht unterstreicht: Es geht nicht um Spannung im Sinne von Was passiert?, sondern um die Frage Warum lässt man es geschehen? Die Unausweichlichkeit des Feuers spiegelt die Unausweichlichkeit kollektiver Blindheit.
Feuer versus Licht — die verwehrte Aufklärung
In der abendländischen Tradition steht Feuer auch für Erkenntnis und Aufklärung — man denke an Prometheus. Frisch kehrt dieses Bild bewusst um: Das Feuer in Biedermann und die Brandstifter vernichtet, anstatt zu erleuchten. Biedermann erlangt keine Einsicht. Selbst am Ende des Stücks, im Nachspiel, zeigt er keine echte Reue. Das Feuer als zerstörerisches Gegenbild zur aufklärerischen Flamme macht die Botschaft des Stücks vollständig: Eine Gesellschaft, die die ihr angebotene Erkenntnis verweigert, verbrennt an ihrer eigenen Ignoranz.
