Wie endet das Stück, und welche Bedeutung hat das Nachspiel für die Gesamtaussage des Werks?
Max Frischs Lehrstück Biedermann und die Brandstifter (1958) folgt dem Kaufmann Gottlieb Biedermann, der zwei offensichtliche Brandstifter — Schmitz und Eisenring — bereitwillig in seinem Dachboden aufnimmt und beherbergt, obwohl er deren Absichten längst ahnt. Der Chor, der aus Feuerwehrmännern besteht, kommentiert das Geschehen und warnt immer wieder vergeblich vor der drohenden Katastrophe.
Das Ende des Hauptstücks
Im fünften und letzten Akt des Hauptstücks überreicht Biedermann den beiden Brandstiftern auf deren unverhohlene Bitte hin eigenhändig die Streichhölzer — das entscheidende Werkzeug zur Zündung der Fässer, die längst auf seinem Dachboden lagern. Er tut dies in einer grotesken Mischung aus Feigheit, Selbstbetrug und dem verzweifelten Wunsch, als anständiger, gastfreundlicher Mensch zu gelten. Kurz darauf bricht die Stadt in Flammen auf. Der Chor der Feuerwehrmänner muss hilflos zusehen: Die Hydranten sind trocken, das Wasser fehlt — ein Bild für die totale Ohnmacht derer, die warnen, aber nicht handeln dürfen oder können, weil die Gesellschaft das Einschreiten verweigert hat.
Frisch lässt keinen Zweifel daran, wer die Verantwortung trägt. Biedermann ist kein naives Opfer; er weiß, wen er beherbergt. Seine Schuld besteht im bewussten Wegschauen, im Verdrängen und in der feigen Anpassung. Das Ende ist deshalb keine tragische Überraschung, sondern die logische Konsequenz einer langen Kette von Unterlassungen.
Das Nachspiel: Eine zweite, bitterere Ebene
Das Nachspiel, das Frisch dem Stück anfügte, spielt im Jenseits. Biedermann und seine Frau Babette befinden sich — trotz des Brandes, den er mitverursacht hat — nicht in der Hölle, sondern warten gleichsam im Vorhof. Der Teufel, der hier auftritt, ist kein großer Verführer, sondern eine bürokratische, fast lächerliche Figur. Und genau darin liegt die eigentliche Pointe: Die Hölle verweigert Biedermann die Aufnahme. Nicht weil er zu gut wäre, sondern weil seine Mitschuld zu banal, zu mittelmäßig, zu bürgerlich ist, um als klassisches Böses zu gelten.
Durch diesen Kunstgriff verschiebt Frisch die Aussage des gesamten Stücks auf eine grundsätzlichere Ebene. Das Nachspiel zeigt: Biedermanns Verhalten ist kein individueller Ausrutscher, der bereut und abgehakt werden kann. Es ist ein System — ein Muster bürgerlicher Selbstentschuldigung, das sich immer wiederholt. Die Figur lernt nichts. Im Jenseits rechtfertigt sie sich noch genauso wie zuvor auf Erden. Der Titel Lehrstück ohne Lehre, den Frisch dem Stück im Untertitel mitgibt, gewinnt hier seine volle Schärfe: Das Stück lehrt etwas — aber die Figuren innerhalb des Stücks nehmen die Lehre nicht an.
Die politische Dimension
Frisch schrieb das Stück vor dem Hintergrund der Nachkriegszeit und des frühen Kalten Krieges. Die Brandstifter lassen sich als Chiffre für totalitäre Bewegungen lesen — für den Nationalsozialismus ebenso wie für andere Formen politischer Radikalität, die vom Bürgertum zunächst geduldet oder aktiv gefördert wurden, weil man sie für beherrschbar hielt. Biedermanns Verhalten — die Mischung aus Beschwichtigung, Selbstbetrug und feigem Taktieren — steht stellvertretend für eine gesellschaftliche Haltung, die Frisch als gefährlicher einstuft als die Brandstifter selbst.
Das Nachspiel unterstreicht diese Diagnose, indem es zeigt, dass keine transzendente Instanz die Rechnung begleicht. Es gibt keine läuternde Strafe, keine klärende Erkenntnis. Die Ordnung — ob himmlisch oder irdisch — ist überfordert mit dem schieren Umfang dieser alltäglichen Mitschuld. Darin liegt die dunkelste Aussage des gesamten Werks: Nicht das spektakuläre Böse ist das größte Problem, sondern die strukturelle Bereitschaft der Anständigen, es gewähren zu lassen.
