Wie unterscheiden sich Schmitz und Eisenring in ihrer Persönlichkeit und Vorgehensweise, und welche Wirkung hat dieses Duo auf Biedermann?
Max Frischs Lehrstück Biedermann und die Brandstifter (1958) zeigt, wie ein wohlhabender Spießbürger namens Gottlieb Biedermann zwei Fremde bei sich aufnimmt, die sich als Brandstifter entpuppen. Diese beiden Fremden — Wilhelm Schmitz und Willi Eisenring — sind dabei keineswegs austauschbar. Sie verfolgen dasselbe Ziel, aber mit grundverschiedenen Mitteln.
Schmitz: der gutmütige Riese
Schmitz erscheint zuerst auf der Bildfläche. Er ist ein ehemaliger Ringer, körperlich massiv, aber im Auftreten betont harmlos und fast kindlich. Er gibt sich als Obdachloser aus, der nur eine Nacht auf dem Dachboden schlafen möchte, und appelliert dabei unablässig an Biedermanns Mitgefühl. Seine Rhetorik ist die des Hilflosen: Er erzählt von seiner schwierigen Vergangenheit, von seiner Mutter, von der rauen Welt da draußen. Damit aktiviert er in Biedermann das Bedürfnis, sich als anständiger, großherziger Mensch zu erweisen — besonders brisant, weil Biedermann kurz zuvor seinen Angestellten Knechtling rücksichtslos entlassen hat und sein schlechtes Gewissen dämpfen muss.
Schmitz ist kein naiver Charakter. Sein Auftreten ist kalkuliert: Er weiß genau, wann er Unbeholfenheit spielen und wann er sanft Druck ausüben soll. Doch seine Methode bleibt die des emotionalen Appells. Er verführt durch Rührung.
Eisenring: der zynische Stratege
Eisenring, den Schmitz bald nachzieht, ist das Gegenteil. Er ist glatt, weltgewandt und arbeitet mit entwaffnender Offenheit. Sein zentrales Mittel ist die Ironie: Er sagt — zumindest zeitweise — fast die Wahrheit, verpackt sie aber so, dass Biedermann sie nicht ernst nehmen kann oder will. Eisenring erklärt etwa unverblümt, was Brandstifter tun, wie sie vorgehen, was sie brauchen. Doch weil er es mit einem Lächeln tut und Biedermann lacht, bleibt alles folgenlos.
Diese Methode ist subtiler und letztlich gefährlicher als die von Schmitz. Eisenring gibt Biedermann die Möglichkeit, alles als Scherz abzutun. Er gibt ihm sogar die Illusion von Überlegenheit: Wer über einen Witz lacht, fühlt sich nicht betrogen. Eisenring macht Biedermann zum unwillentlichen Mitwisser, der sich mit jedem Lachen tiefer kompromittiert.
Das Duo als System
Schmitz und Eisenring ergänzen sich wie ein eingespieltes Verhörteam. Schmitz öffnet die Tür mit Mitleid, Eisenring hält sie offen mit Witz und Chuzpe. Beide zusammen decken alle psychologischen Fluchtwege Biedermanns ab: Wer nicht aus Gutmütigkeit nachgibt, gibt aus Eitelkeit nach — und umgekehrt.
Besonders deutlich wird das beim gemeinsamen Abendessen, das Biedermann für die beiden ausrichtet. Statt die Fremden zu konfrontieren, bewirtet er sie, prostet ihnen zu und redet sich ein, Freundschaft und Vertrauen würden ihn schützen. Eisenring und Schmitz nehmen dieses Angebot dankend an, ohne ihre Pläne auch nur ansatzweise aufzugeben.
Wirkung auf Biedermann
Das Duo führt Biedermann schrittweise von zögerlicher Duldung zur aktiven Komplizenschaft. Er gibt ihnen Unterkunft, schaut weg, als Benzinfässer ins Haus gebracht werden, und überreicht am Ende sogar die Streichhölzer — in dem verzweifelten Glauben, damit seine eigene Unschuld zu beweisen. Frisch zeigt daran, wie die Kombination aus emotionaler Manipulation und ironischer Transparenz einen Menschen lähmen kann, der nicht böse, aber feige und selbstbezogen ist.
Die Stärke des Duos liegt nicht in Gewalt oder Täuschung im klassischen Sinne. Sie liegt darin, dass sie Biedermann nie zwingen — sie machen es ihm schlicht unmöglich, das Naheliegende zu tun: Nein zu sagen.
