Materialgestütztes Schreiben: Wie soll Literatur mit NS-Tätern umgehen? Eine Stellungnahme im Anschluss an Der Vorleser
Einleitung
Wenn die Generation der Zeitzeugen verstummt, übernimmt die Literatur eine Aufgabe, die sie bis dahin mit dem Geschichtsunterricht und der juristischen Aufarbeitung teilen konnte: Sie muss erklären, wie aus Menschen Mörder wurden. Bernhard Schlinks Roman Der Vorleser (1995) erzählt von Hanna Schmitz, einer ehemaligen KZ-Aufseherin, die in den 1950er Jahren eine Affäre mit dem fünfzehnjährigen Michael Berg beginnt und Jahrzehnte später wegen ihrer Beteiligung am Tod jüdischer Häftlinge zu lebenslanger Haft verurteilt wird. Der Roman hat von Anfang an heftige Debatten ausgelöst: Verharmlost er die Täter, indem er Hanna als Analphabetin zeichnet, deren Scham größer ist als ihre Einsicht in die eigene Schuld? Oder leistet er gerade dadurch, dass er einen Täter individualisiert, einen unverzichtbaren Beitrag zur Erinnerungskultur? Literatur darf und soll NS-Täter darstellen, auch in ihrer menschlichen Widersprüchlichkeit — sie überschreitet jedoch eine Grenze, sobald psychologische Erklärung in moralische Entlastung umschlägt. Der Vorleser bewegt sich auf dieser Grenze, kippt aber, richtig gelesen, nicht auf die falsche Seite.
Hauptteil
Für eine literarische Auseinandersetzung mit Tätern spricht zunächst, dass die Justiz und die Geschichtswissenschaft Grenzen haben, die nur Literatur überschreiten kann. Ein Gerichtsurteil stellt Schuld fest, eine historische Studie rekonstruiert Strukturen — beide bleiben jedoch außerhalb des Täterbewusstseins. Schlinks Roman zwingt die Leserinnen und Leser durch die Ich-Perspektive Michaels in eine Position, die im Gerichtssaal niemand einnehmen kann: Sie haben die Frau, die später als Mörderin verurteilt wird, vorher als liebende, lesende, verletzliche Geliebte erlebt. Genau dieser Perspektivwechsel macht das Lesen unbequem. Im zweiten Teil, während Michael den Prozess gegen Hanna verfolgt, formuliert er seine Verstörung als Generationenkonflikt: Er gehört zu denen, die ihre Eltern anklagen, und muss zugleich erkennen, dass er eine Täterin geliebt hat. Dieses Dilemma ist nicht privat, sondern paradigmatisch für die zweite Generation der Bundesrepublik.
Ein zweites Argument für eine literarische Darstellung von Tätern liegt in der Psychologie des Bösen selbst. Hannah Arendt hat mit ihrer Formel von der Banalität des Bösen
(in: Eichmann in Jerusalem, 1963) darauf hingewiesen, dass die Täter des Nationalsozialismus überwiegend keine Monster waren, sondern Menschen mit erschreckend dünner moralischer Reflexion. Literatur kann diese Banalität sichtbar machen, weil sie Figuren von innen zeigen darf. Schlinks Hanna ist kein ideologischer Antisemitin im Stil eines Parteifunktionärs; sie wird Aufseherin, weil ihr die SS eine Stelle anbietet, in der ihr Analphabetismus nicht auffällt. Diese Motivlage wirkt zunächst unangenehm trivial — und genau darin liegt ihre Wahrheit. Wer das Böse nur als dämonische Ausnahme denkt, verfehlt die historische Wirklichkeit der Schreibtischtäter und Kommandoangehörigen.
Gegen Schlinks Verfahren ist allerdings ein gewichtiger Einwand erhoben worden, am prominentesten von Jeremy Adler, der den Roman in der Süddeutschen Zeitung 2002 als Kulturpornographie
bezeichnete. Der Vorwurf lautet: Indem Schlink seiner Täterin den Analphabetismus als heimliche Hauptscham zuschreibt, verschiebt er die moralische Achse. Hanna schämt sich im Prozess offenbar mehr dafür, nicht lesen zu können, als dafür, Häftlinge in den Tod geschickt zu haben. Damit, so die Kritik, werde aus einer Mörderin ein Opfer ihrer Bildungsdefizite, und der Leser werde subtil zur Sympathie gedrängt. Tatsächlich gibt es Stellen im Roman, an denen diese Lesart naheliegt — etwa wenn Michael in seinen Reflexionen erwägt, ob Hanna anders gehandelt hätte, wenn sie hätte lesen können.
Diese Lesart greift jedoch zu kurz. Schlink legt den Analphabetismus nicht als Entschuldigung an, sondern als Prüfstein für Michael — und damit für die Leser. Der entscheidende Punkt ist, dass Michael selbst seine Erklärungsversuche immer wieder als unzureichend markiert. Er stellt fest, dass das Verstehen-Wollen und das Verurteilen-Müssen sich gegenseitig blockieren, ohne dass eines das andere aufhebt. Wer Hannas Analphabetismus als Entlastung liest, missversteht die Erzählstruktur: Der Roman zeigt eine Figur, die sich vor dem falschen Ding schämt, und macht damit gerade die moralische Verkehrung sichtbar, die das Tätersein erst möglich macht. Hanna ist nicht deshalb Täterin geworden, weil sie nicht lesen konnte, sondern weil sie ihre Pflicht falsch sortierte: Bewachen ging vor Leben-Lassen, weil die Vorgesetzten es so befohlen hatten. Diese Pflichtethik ohne Reflexion ist die eigentliche Diagnose des Romans, und sie ist alles andere als entlastend.
Ein weiterer Einwand gegen die literarische Darstellung von Tätern lautet, dass sie den Opfern den Platz nehme. Tatsächlich kommen die Häftlinge in Schlinks Roman kaum zu Wort; nur die überlebende Tochter, die im dritten Teil in New York auftritt, erhält eine Stimme, und sie weist Michaels Versuch, ihr Hannas Erspartes zu übergeben, kühl zurück. Diese Szene ist kein Nebenmotiv, sondern eine harte Selbstkorrektur des Romans: Er lässt sich von einer Überlebenden sagen, dass Versöhnung nicht im Angebot ist und dass der Wunsch nach Abschluss eine Anmaßung der Tätergesellschaft bleibt. Damit entzieht sich der Roman selbst die Möglichkeit eines tröstlichen Endes. Wer Schlink vorwirft, er biete billige Versöhnung an, übersieht diese Szene.
Bleibt die grundsätzliche Frage, welche Grenzen literarische Empathie mit Tätern haben muss. Drei Kriterien lassen sich aus der Diskussion um Der Vorleser ableiten. Erstens darf literarische Innenperspektive niemals die Tat aus dem Blick verlieren — der Roman muss die Opfer als Opfer erkennbar halten, auch wenn er sie nicht zur Hauptfigur macht. Zweitens darf psychologische Erklärung nicht in Determinismus umschlagen: Eine Figur, die nicht anders konnte
, ist literarisch uninteressant und moralisch falsch. Hanna hätte anders handeln können, und der Roman zeigt das, indem er andere Aufseherinnen erwähnt, die ihre Stelle aufgaben. Drittens muss der Erzähltext seine eigene Position reflektieren, statt sie zu verschleiern. Michaels permanente Selbstbefragung erfüllt diese Funktion: Er ist kein zuverlässiger moralischer Kompass, sondern ein Suchender, dessen Verstrickung der Leser miterlebt und beurteilt.
Vergleicht man Der Vorleser mit anderen literarischen Annäherungen an die Täterperspektive — etwa Jonathan Littells Die Wohlgesinnten (2006) mit seinem brutal ungebrochenen Täter-Ich oder W. G. Sebalds dokumentarischen Verfahren —, dann wird Schlinks mittlerer Weg deutlich: Er erzählt aus der Perspektive der zweiten Generation über eine Täterin, statt die Täterperspektive selbst zu übernehmen. Diese doppelte Brechung schützt den Roman vor dem Verdacht der Einfühlung um jeden Preis. Sie verlangt aber von den Leserinnen und Lesern eine aktive Lektüre, die nicht jede Empathie Michaels mit Hanna als Empathie des Romans selbst missversteht.
Schluss
Literatur soll NS-Täter darstellen dürfen, weil sie Dimensionen der Tat erschließt, die anderen Diskursen verschlossen bleiben — die Banalität der Motive, die Verkehrung der Scham, die Verstrickung der Nachgeborenen. Sie verfehlt ihre Aufgabe jedoch, sobald sie Erklärung mit Entlastung verwechselt oder die Opfer aus dem Blick verliert. Der Vorleser ist kein perfekter Roman, und die Kritik an seiner Hanna-Figur hat ernste Punkte. Doch er erfüllt die genannten Kriterien: Er hält die Tat präsent, er verweigert die billige Versöhnung, und er macht seine eigene Erzählerposition zum Problem. Die Aufgabe der Leser besteht darin, die Empathie der Figur Michael nicht mit der Botschaft des Romans zu verwechseln. Wer das leistet, gewinnt aus Schlinks Buch genau das, was historische Aufarbeitung allein nicht leisten kann: ein Verständnis dafür, wie nahe das Tätersein an der eigenen Lebenswelt sein konnte und wie wenig Trost in diesem Verstehen liegt. Literatur über NS-Täter darf unbequem sein — sie muss es sogar. Sie darf nur nicht versöhnen, wo Versöhnung nicht zusteht.
