Vergleich: Schuld, Scham und Erinnerung — Der Vorleser von Schlink und Die Blechtrommel von Grass im Vergleich
Wer in Deutschland literarisch über die NS-Vergangenheit schreibt, schreibt immer auch über die Frage, wie eine Gesellschaft mit ihrer eigenen Schuld umgeht. Bernhard Schlinks Der Vorleser (1995) und Günter Grass' Die Blechtrommel (1959) sind zwei der prägendsten Versuche, diese Frage in einen Roman zu übersetzen — und sie könnten kaum unterschiedlicher sein. Schlinks knapper, fast nüchterner Bericht des Juristen Michael Berg, der als Fünfzehnjähriger eine Affäre mit der späteren KZ-Aufseherin Hanna Schmitz erlebt, steht einem barocken, grotesken Erzählkosmos gegenüber, in dem der trommelnde Zwerg Oskar Matzerath aus seiner Heil- und Pflegeanstalt heraus die Geschichte der Danziger Kleinbürger zwischen 1899 und 1954 aufrollt. Beide Werke kreisen um Schuld, Scham und Erinnerung — und doch verfolgen sie radikal verschiedene Strategien. Meine These lautet: Schlink inszeniert Scham als ein Erkenntnishindernis, das die zweite Generation lähmt, während Grass die Verdrängung der Tätergeneration durch satirische Übertreibung bloßstellt. Gerade weil Grass auf moralische Eindeutigkeit verzichtet, ist sein Zugriff der ehrlichere.
Einleitung in die Werke und ihre Erinnerungssituation
Schlinks Roman ist als Rückblick eines erwachsenen Erzählers konstruiert. Michael Berg, Jahrgang 1943, schildert zunächst seine erotische Initiation durch die deutlich ältere Hanna, später ihren plötzlichen Verschwinden und die Wiederbegegnung im Auschwitz-Nachfolgeprozess, wo sie als Aufseherin angeklagt ist. Das Buch ist in drei Teile gegliedert, jeder mit einer eigenen erinnerungslogischen Färbung: Sinnlichkeit, Erschütterung, lebenslange Auseinandersetzung. Die zentrale Pointe — Hannas Analphabetismus, den sie aus Scham geheim hält und für den sie sogar lieber als Hauptverantwortliche eines Massakers verurteilt wird — verschränkt private und historische Schuld auf eine Weise, die seit Erscheinen des Romans kontrovers diskutiert wird.
Grass' Die Blechtrommel, erster Band der Danziger Trilogie, arbeitet dagegen mit einem gänzlich unzuverlässigen Erzähler. Oskar, der mit drei Jahren beschließt, nicht mehr zu wachsen, und sich eine Blechtrommel als Erinnerungsinstrument zulegt, erzählt aus der Anstalt heraus drei Jahrzehnte deutscher Geschichte — vom wilhelminischen Danzig über den Aufstieg der NSDAP bis ins westdeutsche Wirtschaftswunder. Die Trommel selbst ist ein Erinnerungsmedium: Oskar trommelt Vergangenheit hervor, die andere lieber vergessen würden. Sein Glasstimmen-Schrei zertrümmert nicht nur Schaufenster, sondern auch die bürgerliche Fassade.
Schuld: persönlich verstrickt versus strukturell durchdrungen
Schlink konzentriert Schuld auf eine Figur. Hanna ist Täterin, individuell benennbar, juristisch greifbar. Im zweiten Teil des Romans, während des Prozesses, erkennt Michael ihren Analphabetismus und damit auch, dass die Mitangeklagten ihr eine Tat in die Schuhe schieben, für die sie sich nicht verteidigen kann, ohne ihr Geheimnis preiszugeben. Diese Konstruktion hat Schlink scharfe Kritik eingebracht — etwa von Jeremy Adler, der dem Roman eine Verharmlosung vorgeworfen hat, weil sie Hannas Schuld in ein Bildungsdefizit zu übersetzen scheine. Diese Kritik ist berechtigt, aber sie verfehlt teilweise das Ziel: Hanna wird im Roman nicht entlastet, sondern Michael wird belastet. Seine Frage, ob er ihren Analphabetismus dem Gericht hätte mitteilen müssen, ist die eigentliche Schuldfrage des Buches.
Grass dagegen verteilt Schuld auf das gesamte Personal. Alfred Matzerath, Oskars mutmaßlicher Vater, ist Parteigenosse — sein Beitritt zur NSDAP wird beiläufig, fast nebenbei erzählt, und genau diese Beiläufigkeit ist das Skandalöse. Niemand ist hier ein dämonischer Täter, alle sind Mitläufer. Die berühmte Szene auf der Maiwiese, in der Oskar mit seiner Trommel einen Aufmarsch zerlegt, indem er die Marschmusik in einen Walzer umtrommelt, zeigt Grass' Grundgedanken: Der Faschismus war nicht das Ergebnis dämonischer Verführung, sondern kleinbürgerlicher Festfreude, die sich beliebig umlenken ließ. Dass die Versammelten sofort Walzer tanzen, ist verheerender als jede direkte Anklage.
Scham: schweigendes Geheimnis versus groteske Entlarvung
Scham ist bei Schlink das eigentliche Strukturprinzip. Hanna schämt sich ihres Analphabetismus mehr als ihrer Taten — eine Verschiebung, die Michael fassungslos macht. Doch Michael selbst entwickelt eine zweite, gespiegelte Scham: die Scham, eine Frau geliebt zu haben, die später als Täterin erkennbar wird. Im dritten Teil heißt es sinngemäß, er habe nicht darüber sprechen können, ohne sich gleichzeitig zu verraten und zu schützen. Schlink macht Scham damit zu jenem Affekt, der die zweite Generation an die erste bindet und zugleich vom Verstehen abhält. Diese Lesart überzeugt, weil sie ein reales Phänomen literarisch fasst: Das Schweigen vieler deutscher Familien in den Sechziger- und Siebzigerjahren war keine simple Verdrängung, sondern eine vergiftete Loyalität.
Grass kennt keine Scham — und das ist die schärfste Waffe des Romans. Oskar beobachtet die Erwachsenen mit einem Blick, der nichts beschönigt: die Affäre seiner Mutter Agnes mit ihrem Cousin Jan Bronski, den Tod des jüdischen Spielzeughändlers Sigismund Markus während der Reichspogromnacht, die opportunistischen Wendungen seines Stiefvaters. Wo die Erwachsenenwelt verdrängt, trommelt Oskar. Besonders eindrucksvoll ist Grass' Darstellung der Nachkriegszeit: In der berühmten Episode des Zwiebelkellers schneiden die Gäste Zwiebeln, um endlich weinen zu können — ein vernichtendes Bild für das emotionale Unvermögen einer Gesellschaft, die ohne künstliche Reizung nicht trauern kann. Hier wird Scham nicht thematisiert, sondern ausgestellt: als Defizit, nicht als tragische Tiefe.
Erinnerung: lineare Aufarbeitung versus zerschlagene Chronologie
Schlinks Erzählweise ist linear, kontrolliert, fast forensisch. Michael ist Jurist, und sein Bericht trägt die Spuren juristischer Beweisführung. Erinnerung erscheint hier als etwas, das man ordnen, prüfen, schließlich aufschreiben kann — auch wenn das Aufschreiben selbst, wie der Erzähler im letzten Teil andeutet, keine Erlösung bringt. Diese Form spiegelt das Selbstbild der Bundesrepublik der Neunzigerjahre: Aufarbeitung als Pflichtprogramm, sachlich, geordnet, mit klaren Rollen.
Grass dagegen zerschlägt die Chronologie. Oskar erzählt aus der Anstalt heraus, springt zwischen Zeitebenen, wechselt zwischen erster und dritter Person — manchmal mitten im Satz heißt es, Oskar habe getan, dann wieder, ich habe getan. Diese instabile Erzählinstanz ist keine Spielerei, sondern ein erinnerungspolitisches Statement: Wer die Geschichte des Nationalsozialismus glatt erzählen kann, hat sie nicht verstanden. Die Brüche der Erzählung sind die Brüche der Erinnerung selbst.
Welcher Zugriff überzeugt?
Beide Romane haben ihre Stärken. Schlink ist der präzisere Psychologe der zweiten Generation; sein Buch trifft etwas Wahres über das Gefangensein zwischen Liebe und Anklage, das viele Nachgeborene erlebt haben. Doch Schlinks Konstruktion hat einen Preis: Indem sie Schuld auf eine einzelne Figur konzentriert und diese Figur durch ihren Analphabetismus zugleich hochsymbolisch auflädt, läuft sie Gefahr, das System des Massenmords auf eine individuelle Bildungsgeschichte zu verkleinern. Hanna kann nicht lesen — und der Leser ertappt sich beim Mitleid. Genau dieses Mitleid ist das Problem.
Grass verweigert solches Mitleid. Niemand in der Blechtrommel wird durch persönliches Schicksal entlastet. Die Kleinbürger sind nicht verführt, sondern willig; sie verdrängen nicht aus Trauma, sondern aus Bequemlichkeit. Der Roman ist deshalb unbequemer, schwerer zu lesen, weniger tröstlich — und gerade darin ehrlicher. Wo Schlink den Leser in eine moralische Falle lockt, in der er sich selbst beim Sympathisieren mit einer Täterin ertappen soll, stellt Grass die Falle gar nicht erst auf: Bei ihm gibt es nichts zu sympathisieren, nur etwas zu erkennen.
Entscheidend ist deshalb: Schlinks Vorleser erzählt davon, wie schwer Erinnerung ist, wenn man liebt. Grass' Blechtrommel erzählt davon, dass Erinnerung ohne Liebe auskommen muss, weil sonst die falschen Leute geschont werden. Beide Romane sind unverzichtbar — aber wenn man fragt, welcher der beiden den Umgang einer Gesellschaft mit ihrer Schuld klarer beschreibt, dann ist es Grass. Schlink zeigt, wie eine Generation an der Vergangenheit leidet. Grass zeigt, warum sie es muss. Das ist die härtere, aber auch die richtigere Lektion.
