Motivanalyse: Lesen und Schweigen als Leitmotive in Bernhard Schlinks Der Vorleser
Einleitung
Wer schweigt, verbirgt etwas — und wer vorliest, leiht einem anderen seine Stimme. In Bernhard Schlinks 1995 erschienenem Roman Der Vorleser sind diese beiden Tätigkeiten mehr als bloße Handlungselemente: Sie strukturieren die Beziehung zwischen dem fünfzehnjährigen Schüler Michael Berg und der über zwanzig Jahre älteren Straßenbahnschaffnerin Hanna Schmitz, die sich im Nachkriegsdeutschland der späten 1950er Jahre auf eine Liebesaffäre einlassen. Erst Jahre später, als Michael als Jurastudent einen NS-Prozess beobachtet, erkennt er Hanna auf der Anklagebank wieder — als ehemalige KZ-Aufseherin. Lesen und Schweigen ziehen sich als Leitmotive durch alle drei Teile des Romans und verklammern die private Liebesgeschichte mit der kollektiven Schuldfrage der zweiten Generation. Meine These: Lesen und Schweigen sind in Schlinks Roman keine getrennten Motive, sondern zwei Seiten derselben Medaille. Das Vorlesen ist immer auch ein Sprechen anstelle eines Schweigens, und Hannas Schweigen ist zugleich die Voraussetzung dafür, dass überhaupt vorgelesen werden muss. In dieser Verschränkung liegt die eigentliche poetische Leistung des Romans.
Hauptteil
Das Vorlesen wird im ersten Teil des Romans als Ritual eingeführt, das die Beziehung zwischen Michael und Hanna überhaupt erst zu einer Beziehung macht. Schon bald nach den ersten Begegnungen entwickelt sich eine feste Reihenfolge: vorlesen, duschen, lieben. Michael liest ihr zunächst aus seinen Schulbüchern vor — Homers Odyssee, Schillers Dramen, später Tolstoi, Tschechow, Keller —, und Hanna hört zu, lacht, weint, kommentiert. Was auf den ersten Blick wie eine Marotte der älteren Frau wirkt, entpuppt sich als Notwendigkeit: Hanna kann weder lesen noch schreiben. Diese Information hält Schlink jedoch lange zurück, sodass sich der Leser, ähnlich wie Michael, erst rückblickend zusammenreimt, was geschehen ist. Das Vorlesen ist also von Beginn an ein Akt, der ein Defizit verdeckt. Es schafft Intimität, indem es eine Lücke füllt, die Hanna selbst nicht benennen will.
Damit ist der Übergang zum zweiten Leitmotiv bereits vorgezeichnet. Hannas Schweigen ist kein bloßes Nicht-Sprechen, sondern ein aktives Verbergen. Sie schweigt über ihre Vergangenheit als Aufseherin in Auschwitz und einem Außenlager, sie schweigt über ihren Analphabetismus, und sie schweigt über die Gründe, warum sie plötzlich aus Michaels Leben verschwindet. Entscheidend ist: Hanna schweigt nicht aus Bosheit, sondern aus Scham. Der Roman macht deutlich, dass sie ihren Analphabetismus für eine größere Schande hält als die Beteiligung an Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Im Gerichtsprozess gesteht sie lieber eine Tat, die sie nicht begangen hat — die Verfasserschaft eines belastenden Berichts —, als zuzugeben, dass sie nicht schreiben kann. Diese groteske Prioritätensetzung ist der moralische Kern des Romans. Schlink zwingt seine Leser, eine Frau zu verstehen, die das Falsche verschweigt und das Falsche gesteht.
Hier zeigt sich die enge Verzahnung beider Motive besonders deutlich. Hätte Hanna geredet — über ihre Schwäche, über ihre Vergangenheit —, hätte Michael ihr nicht vorlesen müssen. Das Vorlesen ist die Form, in der das Schweigen erträglich wird. Es ersetzt das Gespräch, das nicht stattfinden kann, weil Hanna die Schriftsprache nicht beherrscht und weil sie über ihre Vergangenheit nicht sprechen will. Michael wiederum schweigt im entscheidenden Moment ebenfalls: Während des Prozesses erkennt er, dass Hannas Analphabetismus ihre Verteidigung entlasten würde, doch er greift nicht ein. Er besucht den Vorsitzenden Richter, redet aber nicht über das, worauf es ankommt. Sein Schweigen wird so zur Spiegelung von Hannas Schweigen — und zur Schuldverstrickung der Nachgeborenen. Wer einmal angefangen hat zu schweigen, schreibt Schlink im zweiten Teil sinngemäß, schweigt weiter.
Im dritten Teil kehrt das Lesemotiv in veränderter Form zurück. Hanna sitzt im Gefängnis, Michael ist inzwischen geschieden und Familienvater, beide haben seit Jahren keinen Kontakt. Da beginnt er, Kassetten zu besprechen: Er liest ihr vor, ohne sie zu sehen, ohne ihr zu schreiben. Über mehr als ein Jahrzehnt hinweg schickt er ihr Tonbänder mit Literatur — von der Odyssee über Schnitzler bis zu Texten der Gegenwart. Diese einseitige Kommunikation ist hochsymbolisch. Michael spricht, aber er schweigt zugleich, weil er kein persönliches Wort hinzufügt. Hanna hört, lernt anhand der Kassetten und ausgeliehener Bücher schließlich lesen und schreiben — und beginnt, ihm kurze Briefe zu schicken. Doch Michael antwortet nicht. Sein Schweigen wird zur Strafe, vielleicht auch zum Selbstschutz. Erst als die Begnadigung bevorsteht und ein persönliches Treffen unausweichlich wird, kommt es zur Begegnung im Gefängnis — und kurz darauf zu Hannas Selbstmord.
Man könnte einwenden, das Vorlesen sei lediglich ein erzählerischer Kunstgriff, um Hannas Analphabetismus dramaturgisch zu verwerten, und das Schweigen sei eine bloße Figurenmarotte. Diese Lesart greift jedoch zu kurz. Denn Schlink belädt beide Motive mit einer historischen Dimension, die über die Figurenpsychologie hinausgeht. Die Generation der Täter schweigt — das ist die Erfahrung, die Michael und seine Kommilitonen im Auditorium des Gerichtssaals machen. Die Generation der Kinder versucht, dieses Schweigen aufzubrechen, scheitert aber daran, dass jede Anklage zugleich die eigenen Eltern, Lehrer und Geliebten trifft. Michaels Vorlesen lässt sich so auch als Versuch deuten, der sprachlosen Tätergeneration nachträglich eine Stimme zu leihen — eine Stimme, die nicht ihre eigene ist, sondern die der europäischen Literatur, der Aufklärung, der Humanität. Dass Hanna gerade durch dieses Vorlesen schließlich die Schrift erlernt und in ihrer Zelle Bücher über die Konzentrationslager liest, ist die bitterste Pointe des Romans: Bildung kommt zu spät, Einsicht kommt zu spät, Sprache kommt zu spät.
Ein zweiter denkbarer Einwand lautet, der Roman entlaste Hanna durch das Motiv des Analphabetismus auf problematische Weise — als sei sie weniger schuldig, weil sie nicht lesen konnte. Schlink selbst hat diese Lesart zurückgewiesen, und der Text stützt sie auch nicht. Hannas Schwäche erklärt ihr Verhalten im Gerichtssaal, nicht aber ihre Taten in Auschwitz. Der Roman macht deutlich, dass das Nicht-Lesen-Können keine Entschuldigung für das Selektieren von Häftlingen sein kann. Überzeugender ist die Deutung, dass das Motiv des Analphabetismus als Chiffre für eine größere Sprachlosigkeit fungiert: für die Unfähigkeit einer ganzen Gesellschaft, die eigene Verstrickung in Worte zu fassen. Hannas individuelles Defizit steht stellvertretend für ein kollektives.
Schluss
Lesen und Schweigen sind in Der Vorleser nicht zwei nebeneinanderstehende Motive, sondern ein einziges Motivgefüge. Wo gelesen wird, wird zugleich geschwiegen — über das, was nicht ausgesprochen werden kann oder darf. Wo geschwiegen wird, entsteht der Bedarf nach einer Ersatzsprache, die das Vorlesen liefert. Schlink gelingt es, diese Verschränkung auf drei Ebenen produktiv zu machen: erotisch, biografisch und historisch. Die Liebesbeziehung zwischen Michael und Hanna ist nur möglich, weil Michael liest und Hanna schweigt; die Lebensbilanz beider Figuren ist von dem geprägt, was sie verschwiegen haben; und die deutsche Nachkriegsgeschichte erscheint im Roman als ein langes, schuldhaftes Schweigen, dem die Literatur — das Vorgelesene — höchstens Trost, aber keine Erlösung bieten kann. Genau deshalb ist Der Vorleser kein Roman über die Liebe, sondern ein Roman über die Grenzen der Sprache. Dass Hanna am Ende lesen kann und sich dennoch das Leben nimmt, ist die konsequente Antwort des Romans auf die Frage, ob Worte heilen können. Sie können es nicht. Aber sie sind, das zeigt Schlinks Buch unmissverständlich, das Einzige, was wir gegen das Schweigen haben.
