Welche Bedeutung hat die Literatur, die Michael Hanna vorliest, für die thematische Ebene des Romans? Gehe dabei auf mindestens zwei konkrete Werke ein, die im Roman erwähnt werden.
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Welche Bedeutung hat die Literatur, die Michael Hanna vorliest, für die thematische Ebene des Romans? Gehe dabei auf mindestens zwei konkrete Werke ein, die im Roman erwähnt werden.

Musteraufsatz · Bernhard Schlink
Sophie Hartmann
4 Min. Lesezeit · 13. June 2026

In Bernhard Schlinks Roman Der Vorleser (1995) liest der fünfzehnjährige Michael Berg der zwanzig Jahre älteren KZ-Aufseherin Hanna Schmitz regelmäßig aus Büchern vor – zunächst als festes Ritual ihrer Liebesbeziehung, später, als Michael längst erwachsen ist und Hanna im Gefängnis sitzt, auf Kassetten. Das Vorlesen ist dabei weit mehr als ein intimes Ritual: Die Texte, die Michael auswählt, treten in einen stillen Dialog mit der Handlung des Romans und laden seine zentralen Fragen – nach Schuld, Scham, Bildung und Verantwortung – zusätzlich auf.

Homers Odyssee: Heimkehr und Irrfahrt

Eines der ersten großen Werke, das Michael Hanna vorliest, ist Homers Odyssee. Das Epos erzählt von Odysseus, der nach dem Trojanischen Krieg jahrelang auf der Suche nach seiner Heimat umherirrt, Schuld auf sich lädt und am Ende zurückkehrt – verändert, kaum wiedererkennbar. Diese Struktur der langen Irrfahrt, der verlorenen Unschuld und der unmöglichen Rückkehr lässt sich direkt auf Michaels eigene Biografie beziehen: Auch er kehrt nie wirklich in ein unbelastetes Leben zurück. Die Begegnung mit Hanna und die spätere Erkenntnis ihrer Verbrechen machen ihn zu einem Menschen, der dauerhaft zwischen Liebe und Verurteilung, zwischen Nähe und Distanz gefangen bleibt. Die Odyssee etabliert damit früh im Roman das Motiv der Verstrickung: Man kann wegfahren, aber man kehrt verändert zurück – wenn überhaupt.

Lessings Emilia Galotti: Schuld, Scham und das Problem des Handelns

Besondere Aufmerksamkeit verdient Gotthold Ephraim Lessings Trauerspiel Emilia Galotti (1772), das Michael Hanna ebenfalls vorliest. In Lessings Stück steht die Titelfigur vor einer moralischen Katastrophe: Sie bittet ihren Vater, sie zu töten, weil sie sich selbst nicht stark genug hält, einer Verführung zu widerstehen. Das Stück verhandelt Ehrvorstellungen, die Ohnmacht gegenüber gesellschaftlicher Gewalt und die Frage, wie weit ein Mensch für Handlungen verantwortlich ist, die er unter Druck oder in einer Zwangslage begeht.

Diese Fragen berühren Hannas Lage im Roman unmittelbar. Im Prozess gegen die ehemaligen KZ-Aufseherinnen argumentiert Hanna nicht mit Reue, sondern mit einer erschütternden Sachlichkeit: Sie habe getan, was von ihr erwartet wurde, und fragt den Richter, was er denn an ihrer Stelle getan hätte. Hanna versteht sich nicht als moralisch handelndes Subjekt, das hätte entscheiden können – sie folgte Befehlen und Strukturen. Emilia Galotti wirft genau diese Frage nach der Grenze zwischen Zwang und Verantwortung auf, ohne eine einfache Antwort zu liefern. Schlink nutzt Lessings Stück als literarischen Spiegel, der die Schuldfrage um eine tragische Dimension erweitert: Kann jemand schuldig sein, dem die moralische Urteilsfähigkeit fehlt – oder macht gerade das die Schuld schwerer?

Das Vorlesen als strukturelles Prinzip

Dass Michael derjenige ist, der vorliest, und Hanna diejenige, die zuhört, ist kein Zufall. Hanna ist, wie sich erst im Laufe des Romans herausstellt, Analphabetin – ein Umstand, den sie ihr Leben lang mit großem Aufwand verborgen hat und der erklärt, warum sie im Prozess lieber eine schwerere Schuld auf sich nimmt, als ihre Unfähigkeit zu lesen zuzugeben. Bildung ist im Roman nicht neutral: Sie trennt, sie schützt und sie versagt als moralischer Kompass. Die Werke, die Michael ihr vorliest, hätten Hanna theoretisch zur Reflexion über ihr eigenes Handeln anregen können – doch der Roman lässt offen, ob sie das tun. Erst im Gefängnis lernt Hanna lesen und schreiben, und erst da beginnt sie, Bücher selbst zu lesen. Was diese Bücher in ihr auslösen, erfährt der Leser nur indirekt.

Literatur als ethische Zumutung

Schlinks Auswahl der vorgelesenen Texte folgt einer inneren Logik: Die Werke stellen Fragen, die der Roman selbst stellt, ohne sie zu beantworten. Sie sind keine Lehrstücke, die Hanna oder Michael zur Einsicht führen – sie sind Zumutungen, die das moralische Unbehagen des Romans intensivieren. In diesem Sinne ist die Literatur im Vorleser keine Rettung, aber auch kein bloßes Dekor: Sie hält den Lesenden – sowohl Hanna als auch uns – mit offenen Fragen fest.

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