Wie inszeniert Bernhard Schlink die Figur Hanna Schmitz zwischen Täterschaft und Opferrolle, und welche moralische Zumutung stellt diese Konstruktion an den Leser?
Bernhard Schlinks Roman Der Vorleser (1995) stellt seine Leserin und seinen Leser vor ein Unbehagen, das sich nicht wegdiskutieren lässt: Die Frau, mit der der fünfzehnjährige Michael Berg eine intensive Liebesbeziehung eingeht, ist eine ehemalige SS-Aufseherin. Hanna Schmitz ist beides zugleich — Täterin und eine Frau, die selbst unter einem Geheimnis leidet, das ihr Leben bestimmt hat.
Die doppelte Konstruktion der Figur
Hanna wird im ersten Teil des Romans ausschließlich durch Michaels verliebten Blick eingeführt: eine Straßenbahnschaffnerin Anfang dreißig, körperlich präsent, selbstbewusst, fürsorglich im Umgang mit dem kranken Jungen. Schlink lässt diese Wahrnehmung lange ungebrochen stehen. Erst im dritten Teil — Hanna sitzt auf der Anklagebank eines NS-Prozesses — bricht die frühere Beziehung über Michael herein. Die erzählerische Chronologie ist kein Zufall: Der Leser hat Hanna bereits als Mensch kennengelernt, bevor er sie als Täterin erkennt.
Im Prozess stellt sich heraus, dass Hanna Frauen aus einem Außenlager des KZ Auschwitz auf Todesmärsche schickte und für den Tod von dreihundert eingeschlossenen Häftlingen mitverantwortlich ist. Gleichzeitig gesteht sie ohne Not eine Schuld ein, die sie nicht allein trifft — das Verfassen eines Berichts —, um ihr Analphabetismus-Geheimnis zu schützen. Sie riskiert eine lebenslange Haftstrafe, um nicht lesen und schreiben zu müssen. Diese Entscheidung ist absurd und tragisch zugleich, und Schlink lässt sie ohne Kommentar stehen.
Analphabetismus als ambivalentes Motiv
Der Analphabetismus ist das strukturelle Scharnier der Figur. Einerseits erklärt er Hannas Verhalten — ihren Wechsel vom Straßenbahndienst zur SS, um einer Beförderung zu entkommen, ihre Passivität im Prozess, ihre Isolation. Andererseits erklärt er nichts: Millionen Analphabeten wurden keine Mörder. Schlink betreibt hier bewusst kein kausales Entschuldigungsmodell. Der Roman legt nahe, dass Hanna die Auseinandersetzung mit dem, was sie getan hat, erst im Gefängnis durch das Lesenlernen beginnt — sie leiht sich Bücher über den Holocaust aus der Gefängnisbibliothek. Diese Entwicklung macht sie menschlicher, ohne sie zu entlasten.
Die Perspektivfalle für den Leser
Schlink erzählt ausschließlich aus Michaels Innenperspektive. Das ist keine neutrale Entscheidung. Michael liebt Hanna — und dieses Gefühl verblasst nicht, als er ihre Schuld erkennt. Er schämt sich für die Liebe, schämt sich für die Scham, und kommt aus dieser Spirale nicht heraus. Der Leser steckt in derselben Falle: Weil die Figur emotional zugänglich gemacht wurde, bevor ihre Verbrechen sichtbar werden, ist ein distanziertes Urteil nicht mehr möglich — es ist buchstäblich zu spät dafür.
Diese Konstruktion ist von Kritikern als problematisch bezeichnet worden. Der Vorwurf lautet: Der Roman erzeuge Empathie für eine Täterin und rücke damit die Opfer aus dem Blick. Tatsächlich bleiben die ermordeten Frauen namenlos; Hanna hat ein Innenleben, sie nicht. Das ist eine reale Asymmetrie im Text, die man nicht weginterpretieren sollte.
Moralische Zumutung als Absicht
Dennoch: Das Unbehagen ist die Botschaft. Schlink schreibt nicht über einen abstrakten Tätertyp, sondern über das Problem der zweiten Generation — Menschen wie Michael, die jemanden geliebt haben, der schuldig ist. Diese Generation kann nicht einfach verurteilen, weil Verurteilung das eigene Empfinden nicht außer Kraft setzt. Der Roman behauptet nicht, dass Hannas Schuld relativiert werden soll. Er behauptet, dass Schuld und Zuneigung koexistieren können — und dass das schwerer auszuhalten ist als eine saubere moralische Trennlinie.
Die moralische Zumutung an den Leser ist genau diese Gleichzeitigkeit: Hanna Schmitz hat Menschen sterben lassen und ihr eigenes Schweigen über eine persönliche Schwäche höher bewertet als Menschenleben. Das ist nicht zu entschuldigen. Und doch hat Schlink eine Figur geschaffen, die nicht nur als Monster lesbar ist. Wer das als Verharmlosung begreift, hat eine legitime Kritik. Wer es als unbequeme Darstellung moralischer Wirklichkeit liest, auch.
