Wie nutzt Schlink das Motiv des Körpers und der Körperlichkeit, und inwiefern steht die körperliche Beziehung zwischen Michael und Hanna in Spannung zu ihrer emotionalen und intellektuellen Verbindung
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Wie nutzt Schlink das Motiv des Körpers und der Körperlichkeit, und inwiefern steht die körperliche Beziehung zwischen Michael und Hanna in Spannung zu ihrer emotionalen und intellektuellen Verbindung

Musteraufsatz · Bernhard Schlink
Sophie Hartmann
3 Min. Lesezeit · 14. June 2026

In Der Vorleser (1995) erzählt Bernhard Schlink die Geschichte des fünfzehnjährigen Michael Berg, der eine Liebesbeziehung mit der zwanzigjahre älteren Straßenbahnschaffnerin Hanna Schmitz eingeht. Das Verhältnis ist von Beginn an körperlich grundiert: Ihre erste Begegnung, in der Hanna dem kranken Michael hilft, ist geprägt von einem körperlich-sinnlichen Erleben, das Michael überwältigt. Die körperliche Anziehung wird zum Fundament der Beziehung — und gleichzeitig zu deren Grenze.

Der Körper als Sprache

Michael und Hanna entwickeln ein Ritual aus Vorlesen, Duschen und Schlafen, das eine klare Ordnung hat: Erst liest Michael vor, dann folgt die körperliche Nähe. Dieses Ritual ist bezeichnend, denn es zeigt, dass die beiden kaum in der Lage sind, außerhalb dieser festen Struktur miteinander zu kommunizieren. Gespräche über Gefühle, Wünsche oder die eigene Vergangenheit bleiben weitgehend aus. Hanna verbirgt konsequent, dass sie Analphabetin ist — ein Geheimnis, das ihre gesamte Persönlichkeit schutzt und Nähe grundsätzlich verhindert. Der Körper übernimmt die Funktion, die emotionale Sprache nicht erfüllen kann.

Macht und Asymmetrie

Die körperliche Beziehung ist keine zwischen Gleichgestellten. Hanna ist die Ältere, die Erfahrenere; sie bestimmt, wann Nähe stattfindet, und sie bestraft Michael mit Kälte, wenn er etwas falsch macht — ohne ihm zu erklären, was. Michael erlebt seinen Körper dabei als Instrument der Zugehörigkeit: Körperliche Akzeptanz durch Hanna bedeutet für ihn emotionale Bestätigung. Wenn Hanna ihn zurückweist, bricht für ihn eine Welt zusammen, obwohl er intellektuell kaum fassen kann, warum. Schlink zeigt so, wie körperliche Abhängigkeit emotionale Urteilsfähigkeit untergraben kann.

Intellektuelle Verbindung als Kompensation

Das Vorlesen — Michael liest Hanna Texte von Homer bis Tschechow vor — schafft eine scheinbar intellektuelle Dimension der Beziehung. Doch auch hier herrscht Asymmetrie: Michael liest, Hanna hört zu. Hanna kann nicht lesen, nimmt die Literatur also ausschließlich über Michaels Stimme auf. Was wie geistige Gemeinschaft wirkt, ist in Wahrheit erneut ein körperlich-sinnliches Ereignis — Hannas Zugang zur Literatur läuft über das Hören, über Michaels körperliche Präsenz. Die intellektuelle Verbindung ist damit keine eigenständige Ebene, sondern in die körperliche eingebettet und von ihr abhängig.

Körperlichkeit im Rückblick: Schuld und Erinnerung

Im zweiten Teil des Romans sieht Michael Hanna als Angeklagte im NS-Kriegsverbrecherprozess wieder. Der Körper taucht nun in anderer Form auf: Michael registriert, wie Hanna gealtert ist, wie ihr Körper schwerer geworden ist. Diese körperliche Veränderung spiegelt die moralische Verschiebung — Hanna ist nicht mehr die sinnliche Frau seiner Jugend, sondern eine Täterin. Michael kämpft damit, beides zusammenzudenken: den begehrten Körper der Erinnerung und die schuldige Person im Gerichtssaal. Schlink stellt damit eine Frage, die den Roman insgesamt strukturiert: Kann körperliche Intimität von moralischer Mitverantwortung getrennt werden?

Der Körper als Zeichen der Sprachlosigkeit

Im dritten Teil schickt Michael Hanna, die im Gefängnis das Lesen lernt, Kassetten mit vorgelesenen Texten — aber keinen einzigen persönlichen Brief. Die körperliche Dimension der Beziehung ist verschwunden, und was bleibt, ist erneut die Stimme, der vorlesende Körper ohne physische Präsenz. Hanna schreibt Michael kurze Zettel, die Michael zwar aufbewahrt, auf die er aber nicht antwortet. Die intellektuelle und emotionale Verbindung, die sich im Gefängnis andeutet, bleibt asymmetrisch und unvollständig — als hätte die Beziehung ohne den Körper keinen Träger mehr. Schlink verdeutlicht so, dass Körperlichkeit in diesem Verhältnis nie bloß eine Begleiterscheinung war, sondern die tragende Struktur, die alles andere zusammenhielt.

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