Charakterisierung: Walter Faber zwischen Rationalismus und verdrängter Emotionalität
Einleitung
Ein Mann, der die Absturzstatistiken von Flugzeugen im Schlaf herunterbetet, aber den Tod der eigenen Tochter nicht fassen kann – dieser brutale Widerspruch bildet das Herzstück von Max Frischs Roman Homo faber (1957). Der fünfzigjährige UNESCO-Ingenieur Walter Faber reist um den Globus, montiert Turbinen und vermisst Stauseen. Doch eine Notlandung in der mexikanischen Wüste stößt ihn in eine Kette von Ereignissen, die ihn geradewegs in die Arme seiner totgeglaubten Tochter Sabeth treibt. Aus dieser Begegnung entspringt eine inzestuöse Liebe, die tödlich endet. Frisch lässt seinen Protagonisten in zwei Stationen genannten Berichten selbst zu Wort kommen. Genau diese gewählte Erzählform entlarvt, was Faber verzweifelt zu verstecken sucht. Die klassische Interpretation, Faber sei lediglich der eiskalte Techniker, der erst kurz vor dem Ende emotional erwacht, greift viel zu kurz. Die eigentliche Tragik liegt tiefer: Faber ist von der ersten Seite an ein zutiefst emotionaler Mensch, dessen Rationalismus reine Abwehrstrategie ist. Sein technisches Weltbild fungiert als dicker Panzer gegen Schuld, Trauer und die nackte Panik vor dem eigenen Verfall. Dieser Panzer zerbricht nicht erst am Ende – er war schon immer von feinen Rissen durchzogen.
Hauptteil
Faber inszeniert sich meisterhaft als Homo faber, als den schaffenden Menschen, der die Natur durch reine Berechnung unterwirft. Schicksal, Mystik oder göttliche Fügung existieren in seinem Universum nicht. Alles müsse sich wahrscheinlichkeitstheoretisch erklären lassen. Selbst als sein Flugzeug in der Wüste notlandet, klammert er sich an statistische Werte. Das Unwahrscheinliche, das gerade bittere Realität wird, blendet er rigoros aus. Auf dieser Reise misst, fotografiert und filmt er ununterbrochen. Die Kamera wird zu seiner Prothese, einem mechanischen Auge, das er schützend zwischen sich und die Welt schiebt. Wo andere Menschen fühlen, spüren oder weinen, drückt Faber auf den Auslöser. Er dokumentiert das Leben, um es nicht erleben zu müssen.
Doch gerade dieser krampfhafte Zwang zur Rationalität verrät ihn. Wer so verbissen gegen die eigenen Gefühle anrechnen muss, trägt sie unweigerlich in sich. Schon auf den ersten Seiten begegnen wir einem Mann, der kurz vor dem Kollaps steht. Er schwitzt, leidet unter Magenkrämpfen, trinkt zu viel. Diese Symptome seines späteren Magenkrebses sind mehr als nur ein medizinischer Befund; sie sind der Aufstand des Körpers gegen einen Kopf, der das Fühlen verboten hat. Als Faber im Flugzeug zufällig Herbert Hencke trifft, den Bruder seines Jugendfreundes Joachim, reißt eine alte Wunde auf. Joachim hatte damals Hanna geheiratet – die Frau, die Faber schwanger sitzen ließ. Dass der rationale Ingenieur nun spontan alle Pläne über den Haufen wirft und Herbert auf einer wahnwitzigen Expedition in den Dschungel Guatemalas begleitet, entbehrt jeder Logik. Es ist der blinde Drang, einer unaufgearbeiteten Vergangenheit ins Auge zu blicken.
Besonders greifbar wird diese verdrängte Gefühlswelt in seinem Umgang mit Frauen. Seine New Yorker Affäre Ivy beschreibt er mit eisiger Distanz. Sie sei lästig, eine Klette, ein Störfaktor in seinem durchgeplanten Leben. Die schiere Aggressivität, mit der er sich gegen ihre Zuneigung wehrt, entlarvt jedoch seine angebliche Gleichgültigkeit als Lüge. Faber flieht vor Ivy nach Europa. Flucht ist sein ständiger Begleiter, sobald echte Nähe droht. Auch Hanna hatte er einst verlassen, angeblich, weil ein Kind seiner Karriere im Weg gestanden hätte. Rückblickend klingt das weniger nach kühler Vernunft als nach nackter Panik vor Verantwortung. Die rationale Fassade verdeckt eine bittere Wahrheit: Faber handelte stets aus Feigheit, niemals aus Berechnung.
Die Reise mit Sabeth treibt diesen inneren Krieg auf die Spitze. Er verliebt sich in die junge Frau, ohne zu ahnen, dass er sein eigenes Fleisch und Blut vor sich hat. Plötzlich verändert sich Fabers Sprache. Der nüchterne Bericht weicht poetischen Bildern. Er spricht von Mondaufgängen, bewundert antike Statuen und das weite Meer. Der Mann, der Kunstgeschichte stets als Geschwätz abtat, lässt sich nun bereitwillig durch den Louvre führen. Kurz vor Sabeths tödlichem Unfall beschreibt er einen Sonnenaufgang in Griechenland mit einer fast religiösen Wucht. Wer die Welt mit solchen Augen sieht, hat nicht erst gestern das Fühlen gelernt. Er hat es sich nur jahrzehntelang verboten.
Man könnte nun einwenden, Faber bleibe doch bis zum bitteren Ende der unverbesserliche Statistiker. Schließlich versucht er, selbst Sabeths Tod und den Inzest mit Wahrscheinlichkeitsrechnungen zu erklären. Er kalkuliert, wie gering die Chance sei, der eigenen Tochter unerkannt zu begegnen. Doch diese Zahlenkolonnen sind kein Beweis für seine Kälte. Sie sind sein letzter Rettungsanker. Die Mathematik dient ihm als Schmerzmittel. Faber muss rechnen, weil ihn die Wucht der Tragödie sonst augenblicklich zerreißen würde. Wer wirklich nichts fühlt, muss sich keine derart aufwendigen Schutzmechanismen bauen.
Im zweiten Bericht, verfasst im Athener Krankenhaus im Angesicht des eigenen Todes, fällt der Panzer endgültig ab. Faber notiert nicht mehr, er reflektiert. Er schreibt über das Licht, das unaufhaltsame Altern und die nagende Angst, das eigentliche Leben verpasst zu haben. Sein berühmtes Bekenntnis, auf der Welt zu sein heiße im Licht zu sein, markiert eine radikale Wende. Einst wollte er die Welt vermessen, nun will er sie endlich sehen. Hanna bringt es im Roman auf den Punkt: Er behandle das Leben wie eine bloße Summe von Vorgängen. Ein Vorwurf, den er äußerlich abwehrt, dem er innerlich aber längst erlegen ist. Die Tagebuchform macht diese tiefe Spaltung genial sichtbar. Der schreibende Faber korrigiert den erlebenden Faber permanent. Die Sprache verrät schonungslos, was die Vernunft noch leugnen will.
Schluss
Walter Faber ist weder der gefühllose Roboter, als der er sich gerne ausgibt, noch der geläuterte Heilige am Ende seiner Tage. Er ist ein zutiefst verletzlicher Mann, der seine eigene Emotionalität ein Leben lang mit Statistiken bekämpft hat. Er fürchtete sie als Quelle von Schuld, Bindung und Sterblichkeit. Sein Rationalismus war nie eine echte Weltanschauung, sondern ein verzweifelter Schutzwall. Und dieser Wall stürzt genau dort ein, wo das Leben sich der Berechnung entzieht: in der Liebe und im Tod. Frisch demonstriert hier nicht das Scheitern der modernen Technik. Er seziert das Scheitern eines Menschen, der die Technik als Waffe gegen die eigene Seele richtet. Wer Faber lediglich als wandelndes Klischee des technischen Zeitalters abtut, verkennt Frischs literarische Meisterleistung: die brillante Anatomie einer Verdrängung, die so perfektioniert wurde, dass der Verdrängende sie selbst nicht mehr bemerkt – bis es zu spät ist.
