Motivanalyse: Das Motiv der Wiederholung und des Schicksals in Max Frischs Homo faber
Nachkrieg Prosawerk Abitur Kapitel 13 / 15

Motivanalyse: Das Motiv der Wiederholung und des Schicksals in Max Frischs Homo faber

Musteraufsatz · Max Frisch
Sophie Hartmann
7 Min. Lesezeit · 2. July 2026

Einleitung

Walter Faber, der rationale Ingenieur in Max Frischs 1957 erschienenem Roman Homo faber, weigert sich beharrlich, an Schicksal zu glauben. Für ihn ist alles Zufall, berechenbar, statistisch erfassbar. Genau dieser Mann jedoch heiratet beinahe seine eigene Tochter, deren Existenz er nicht kennt, und verursacht durch eine unbedachte Bewegung mittelbar ihren Tod. Der Roman, der die Heimkehr eines UNESCO-Technikers aus Mittelamerika über Europa zurück nach Athen erzählt, lebt von diesem Widerspruch: Je entschiedener Faber das Schicksal leugnet, desto enger zieht sich die Schlinge wiederkehrender Konstellationen um ihn zusammen. Die folgende Analyse vertritt die These, dass Wiederholung und Schicksal in Homo faber keine metaphysischen Größen sind, die von außen über den Helden hereinbrechen, sondern die strukturelle Folge seiner eigenen Verdrängung. Faber erleidet nicht ein Schicksal – er produziert es, indem er Spuren der Vergangenheit übersieht, die jeder andere längst gelesen hätte.

Hauptteil

Das Motiv der Wiederholung durchzieht den Roman auf mehreren Ebenen. Schon die Reisebewegung selbst ist zirkulär: Faber bricht von New York auf, fliegt nach Caracas, kehrt nach New York zurück, schifft sich nach Europa ein, fährt durch Italien nach Griechenland, reist erneut nach Amerika und kommt schließlich abermals nach Athen, wo er stirbt. Diese geographische Rückkehr ist mehr als zufällige Routenführung. Sie ist die räumliche Entsprechung einer biographischen Wiederholung: Faber kehrt zu Hanna zurück, der Frau, die er einundzwanzig Jahre zuvor verlassen hat, und er begegnet in deren gemeinsamer Tochter Sabeth einer jüngeren Version Hannas. Frisch arrangiert die Personenkonstellation so, dass Faber, ohne es zu wissen, die abgebrochene Beziehung zu Hanna mit dem Kind aus dieser Beziehung wiederholt – eine Wiederholung, die zugleich eine Inzestkatastrophe ist.

Die Notbruchlandung der Super-Constellation in der mexikanischen Wüste markiert den ersten Riss in Fabers Weltbild. Hier trifft er Herbert Hencke, den Bruder seines Jugendfreundes Joachim, und entscheidet sich spontan, mit ihm in den Dschungel zu reisen. Bezeichnenderweise findet Faber Joachim erhängt vor. Schon diese Episode zeigt das Wiederholungsmuster: Joachim hat Hanna geheiratet, nachdem Faber sie verlassen hatte, und Joachim ist der vermeintliche Vater Sabeths. Faber stößt also bereits in Guatemala auf eine Spur seiner verdrängten Vergangenheit – und deutet sie als Zufall. Frisch lässt seinen Erzähler im Bericht notieren, dass er nicht abergläubisch sei, aber wachsam genug, um Vorzeichen wahrzunehmen; und doch ignoriert Faber genau jene Zeichen, die der Leser längst zu lesen gelernt hat.

Besonders aufschlussreich ist die Begegnung mit Sabeth auf dem Schiff nach Europa. Faber beschreibt das junge Mädchen mit dem rötlichen Pferdeschwanz, ohne zu bemerken, wie sehr seine Wahrnehmung von Erinnerungen an Hanna durchsetzt ist. Er glaubt einen neuen Anfang zu erleben, während er in Wahrheit eine alte Geschichte fortschreibt. Die Reise mit Sabeth durch Italien nach Griechenland inszeniert Frisch als Wiederholung jener Reise, die Faber einst mit Hanna nicht angetreten hat. Der Ingenieur, der sonst alles in Zahlen, Wahrscheinlichkeiten und Funktionen denkt, gerät in eine Konstellation, die sich jeder statistischen Berechnung entzieht: Die Wahrscheinlichkeit, die eigene Tochter zu treffen, von ihr nichts zu wissen und sich in sie zu verlieben, ist verschwindend gering – und doch geschieht es. Frisch nutzt diese statistische Unwahrscheinlichkeit, um die Hilflosigkeit von Fabers technokratischem Weltbild vorzuführen.

Mit Sabeths Tod am Strand von Akrokorinth erreicht das Wiederholungsmotiv seine tragische Spitze. Sabeth wird von einer Schlange gebissen und stürzt rückwärts eine Böschung hinab, wobei sie sich den Kopf verletzt. Diese Doppelung der Todesursache – Schlangengift und Sturz, ausgelöst durch Fabers erschrockenes Aufspringen – verweist auf die antike Tragödie. Frisch zitiert mit der Konstellation Vater–Tochter, mit dem Schlangenbiss und mit dem Schauplatz Griechenland unverkennbar den Ödipus-Mythos und die Eurydike-Sage. Hanna selbst, die klassische Philologin, formuliert im Athener Krankenhaus die mythische Dimension der Geschehnisse aus. Frisch lässt seine Figuren nicht zufällig in Athen zusammenfinden, der Stadt, in der das antike Schicksalsdrama entstanden ist. Die Wiederholung, die Faber in seinem Leben vollzieht, ist die Wiederholung eines uralten Erzählmusters – nur dass der moderne Held dieses Muster nicht erkennt, weil er es für überwunden hält.

Hier setzt der entscheidende Punkt an: Schicksal in Homo faber ist keine äußere Macht, sondern entsteht aus Fabers Verdrängung. Hätte er sich nach der Trennung um Hanna gekümmert, hätte er von der Schwangerschaft erfahren; hätte er beim Wiedersehen mit Sabeth auf dem Schiff genauer hingesehen, hätte er die Ähnlichkeit erkannt; hätte er Sabeths Geburtsdatum richtig eingeordnet, hätte er rechnen können, was er sonst so virtuos kann. Faber rechnet überall, nur nicht dort, wo es um sein eigenes Leben geht. Die berühmte Stelle, an der er die Wahrscheinlichkeit, mit der eigenen Tochter zu schlafen, hätte ausrechnen können, sie aber nicht ausrechnet, ist das Schlüsselbild des Romans. Sein Schicksal ist die Rache der nicht gestellten Fragen.

Gegen diese Lesart könnte man einwenden, der Roman zeige doch gerade die Übermacht des Mythischen über das Rationale: Faber sei ein Spielball höherer Mächte, ein moderner Ödipus, dem das Wissen nichts nützt. Diese Deutung übersieht jedoch, dass Frisch keinen Götterapparat aufruft, der die Handlung lenkt. Es gibt in Homo faber keinen Apoll, kein Orakel, keine Moiren. Was es gibt, ist ein Mann, der sich systematisch weigert, hinzusehen. Die mythischen Anspielungen sind nicht Beleg für ein wirkendes Schicksal, sondern Deutungsangebot Hannas, mit dem sie das Geschehene fassbar machen will. Überzeugender erscheint daher die Lesart, dass Frisch den Mythos zitiert, um die moderne Variante des tragischen Helden vorzuführen: den Techniker, der nicht von Göttern, sondern von der eigenen Lebenslüge geschlagen wird.

Diese Selbstverschuldung wird auch sprachlich greifbar. Faber gliedert seinen Bericht in zwei Stationen, schreibt aus Caracas und aus Athen, und der gesamte Text ist eine nachträgliche Rekonstruktion. Die Ich-Erzählform ermöglicht es Frisch, Fabers Verdrängungsleistung sichtbar zu machen: Der Erzähler korrigiert sich, fügt nachträglich Beobachtungen ein, die er zum Zeitpunkt des Erlebens beiseiteschob. Das Schreiben selbst wird zum Versuch, die Wiederholungen rückblickend zu verstehen. Dass dieser Versuch erst kurz vor der Magenoperation in Athen erfolgt, an einem Ort, der für die Aufklärung antiker Schicksalsstrukturen steht, ist konsequent: Erst angesichts des eigenen Todes beginnt der homo faber, der machende Mensch, sich selbst zu lesen.

Auch das Motiv der Zeit gehört in diesen Zusammenhang. Faber misst die Zeit mit der Hermes-Baby-Schreibmaschine, mit der Filmkamera, mit der Armbanduhr; er fotografiert und filmt, um die Wirklichkeit festzuhalten. Doch die Bilder, die er aus Sabeths letzten Tagen mitbringt, kann er sich nach ihrem Tod nicht ansehen. Das technische Festhalten der Zeit verhindert nicht ihre Wiederkehr, im Gegenteil: Die Filmrollen werden zu Reliquien einer Wiederholung, die er nicht mehr ungeschehen machen kann. Hannas Vorwurf, Faber lebe nicht, sondern photographiere nur, trifft den Kern. Wer sich vor dem Leben hinter dem Apparat versteckt, übersieht die Konstellationen, die ihn umgeben.

Schluss

Die Motivanalyse zeigt: Wiederholung und Schicksal sind in Homo faber nicht zwei getrennte Phänomene, sondern dasselbe Phänomen aus zwei Perspektiven. Was Hanna mit dem Vokabular des Mythos als Schicksal deutet, ist aus Fabers Perspektive eine Kette von Wiederholungen, die er durch sein Verdrängen selbst herstellt. Frisch entwirft keinen Roman über die Ohnmacht des Menschen vor höheren Mächten, sondern einen Roman über die Selbsttäuschung des modernen Technikers, der glaubt, durch Berechnung der Welt entkommen zu können, und gerade dadurch in die ältesten Muster zurückfällt. Das Tragische an Walter Faber ist nicht, dass ihm ein Schicksal widerfährt, sondern dass er es sich erarbeitet hat, indem er an entscheidenden Punkten weggesehen hat. Genau hier liegt die Aktualität des Romans: Er warnt davor, das eigene Leben für ein Ingenieursprojekt zu halten. Wer die Vergangenheit nicht in seine Rechnung aufnimmt, wird von ihr eingeholt – nicht als Strafe einer Gottheit, sondern als logische Konsequenz der eigenen blinden Flecken.

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