Zufall und Schicksal im Romangeschehen
Nachkrieg Prosawerk Abitur Kapitel 10 / 19

Zufall und Schicksal im Romangeschehen

Musteraufsatz · Max Frisch
Sophie Hartmann
6 Min. Lesezeit · 3. July 2026

Walter Faber, Ingenieur bei der UNESCO und Protagonist von Max Frischs 1957 erschienenem Roman Homo faber, glaubt an Statistik, Wahrscheinlichkeitsrechnung und die Beherrschbarkeit der Welt durch Vernunft. Zufall, so sein Credo, ist kein metaphysisches Phänomen, sondern schlicht ein Rechenfehler — etwas, das man durch hinreichend genaue Kalkulation eliminieren kann. Genau dieser Glaube ist das eigentliche Thema des Romans, und das Motiv von Zufall und Schicksal dient Frisch als Instrument, ihn zu zerschlagen. Die These, die das Werk verteidigt, lässt sich so formulieren: Je entschiedener Faber den Zufall negiert, desto dichter webt er selbst das Netz, in das er schließlich fällt. Das Schicksal ist bei Frisch keine Macht von außen — es entsteht aus der Blindheit des Protagonisten gegenüber sich selbst und der Welt.

Die erste Panne: Zufall als Warnsignal

Der Roman beginnt mit einer Notlandung in der Wüste von Tamaulipas. Fabers Flugzeug macht eine erzwungene Zwischenlandung in der mexikanischen Wüste — ein technisches Versagen, das sein Weltbild sofort unter Druck setzt. Faber reagiert bezeichnend: Er rechnet. Er ermittelt die statistische Wahrscheinlichkeit einer Notlandung und erklärt das Ereignis damit für bedeutungslos. Frisch lässt seinen Protagonisten an dieser Stelle scheinbar Recht behalten — die Technik versagt, aber der Ingenieur behält die Kontrolle. Das ist eine bewusste Finte des Autors: Die Notlandung sieht wie eine Episode aus, erweist sich aber im Rückblick als der erste Knotenpunkt eines Netzes, das sich über den gesamten Roman spannt. Denn ausgerechnet auf diesem erzwungenen Umweg begegnet Faber Herbert Hencke — und damit der Geschichte seiner ehemaligen Geliebten Hanna, die er seit Jahrzehnten aus seinem Leben gestrichen hatte.

Die Reise als Kette verketteter Zufälle

Was folgt, ist eine Abfolge von Ereignissen, die Faber jedes Mal als statistische Ausnahme einordnet, die zusammen aber eine unübersehbare Struktur bilden. Er begleitet Herbert auf der Suche nach dessen Bruder Joachim in den Dschungel — aus reiner Neugier, wie er beteuert. Joachim ist Hannas einstiger Mann und hat sich erhängt. Faber findet die Leiche. Auch das wertet er als bloßen Zufall seines Weges. Frisch macht hier etwas Entscheidendes sichtbar: Faber erzählt seinen eigenen Bericht so, dass jeder Schritt zufällig wirkt — aber der Leser erkennt, dass es Fabers eigene Entscheidungen sind, die ihn tiefer in diese Geschichte hineinziehen. Der Zufall ist in Wahrheit ein verdrängtes Muster.

Auf der Schiffsreise nach Europa trifft Faber Elisabeth, genannt Sabeth — ein junges Mädchen, in das er sich verliebt. Frisch lässt den Protagonisten selbst registrieren, wie unwahrscheinlich diese Begegnung ist, und formuliert es als nüchterne Beobachtung:

Ich glaube nicht an Fügung und Schicksal, es ist Unsinn zu glauben, daß ausgerechnet ich ihr Vater sein sollte. (Max Frisch, Homo faber, Erste Station)
Dieser Satz ist programmatisch. Faber spricht ihn in einem Moment, in dem er die Wahrheit — dass Sabeth seine eigene Tochter ist — noch nicht kennt, aber der Leser ahnt sie bereits. Frisch inszeniert die Selbstaussage als dramatische Ironie: Faber leugnet genau das, was der Roman im gleichen Atemzug beweist. Der Satz zeigt, wie tief Fabers Verblendung sitzt — und wie sehr Frisch die Figur benutzt, um eine Haltung zu demontieren, nicht nur eine Person.

Sabeth: Wo Zufall und Schuld zusammenfallen

Die Liebesgeschichte zwischen Faber und Sabeth, die beide nicht als Vater-Tochter-Beziehung erkennen, ist der dramatische Kern des Romans und zugleich seine stärkste Aussage über das Thema. Es wäre zu einfach, diese Konstellation als tragischen Zufall abzutun — und genau das tut Faber. Er begreift das Verhältnis als unglückliche Verkettung von Umständen, für die niemand verantwortlich ist. Frisch lässt ihn damit falsch liegen. Denn Faber hat einst Hanna zur Abtreibung gedrängt — oder zumindest zugelassen, dass sie allein mit der Entscheidung dastand — und ist danach aus ihrem Leben verschwunden. Er hat eine Tochter, ohne es zu wissen, weil er nie wissen wollte. Das Schicksal, das ihn ereilt, ist die Folge einer Verdrängung, die Jahrzehnte zurückreicht.

Als Sabeth bei einem Schlangenbiss und dem anschließenden Sturz tödlich verunglückt, ist Faber mittelbar beteiligt: Seine Panik, seine körperliche Reaktion in dem Moment, in dem er die Schlange sieht, löst den Sturz aus. Diese Szene ist kein Zufall — sie macht deutlich, dass das vermeintlich Schicksalhafte stets Fabers eigenes Handeln als verborgene Triebkraft trägt. Frisch konstruiert den Tod Sabeths so, dass er sich technisch als Unfall beschreiben lässt, emotional aber als Konsequenz einer langen Kette von Entscheidungen lesbar ist, die Faber getroffen oder verweigert hat.

Schicksal als Selbsterkenntnis — zu spät

Im zweiten Teil des Romans, der als rückblickender Bericht aus einem Krankenhaus in Athen geschrieben ist, beginnt Faber langsam, die Struktur dessen zu begreifen, was ihm widerfahren ist. Der Bericht selbst — das Aufschreiben, das rationale Ordnen der Ereignisse — ist sein letzter Versuch, die Kontrolle zu behalten. Doch die Sprache untergräbt ihn: Je mehr er erklärt und relativiert, desto sichtbarer werden die Lücken und Selbsttäuschungen. Frisch hat die Form des Tagebuchberichts nicht gewählt, um Faber Recht zu geben, sondern um zu zeigen, wie eine Weltanschauung in dem Moment kollabiert, in dem sie sich selbst beschreiben muss.

Hanna, Fabers einstige Geliebte und Sabeths Mutter, formuliert im Gespräch mit Faber eine Gegenposition, die im Roman nicht als Wahrheit gesetzt, aber auch nicht widerlegt wird: Sie denkt mythisch, lebt mit Ungewissheit, akzeptiert das Unkontrollierbare. Frisch lässt die beiden Figuren als Gegenpole stehen — nicht um Hanna zu verklären, sondern um Fabers Haltung durch den Kontrast schärfer zu konturieren. Das Motiv von Zufall und Schicksal ist damit nicht nur eine Frage der Handlung, sondern eine Frage der Erkenntnistheorie: Wie beschreiben wir unser Leben, und was verschweigen wir uns dabei?

Frisch schreibt Homo faber in der unmittelbaren Nachkriegszeit, in einer Epoche, die das Vertrauen in Technik und Fortschritt ebenso neu zu verhandeln beginnt wie die Frage nach menschlicher Schuld und Verantwortung. Faber ist kein böser Mensch — er ist ein Mensch, der sich geweigert hat, sich selbst zu kennen. Das macht das Thema von Zufall und Schicksal in diesem Roman zu mehr als einer dramaturgischen Technik: Es ist die Frage, ob der Mensch je wirklich rational handelt — oder ob er die Geschichte, die er sich selbst erzählt, immer erst im Nachhinein erfindet.

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