Literarische Erörterung: Homo faber als Kritik am technokratischen Weltbild der Nachkriegsmoderne
Einleitung
Als Walter Faber, der UNESCO-Ingenieur und Protagonist von Max Frischs 1957 erschienenem Roman Homo faber, im Dschungel von Guatemala notgelandet ist, fasst er sein Lebensgefühl in einem Satz zusammen, den man als Glaubensbekenntnis der Nachkriegsmoderne lesen kann: Er halte nichts von Schicksal, sondern alles von Wahrscheinlichkeit. Genau dieser Satz wird im Verlauf des Romans systematisch widerlegt. Frisch schreibt seinen Bericht in einer Zeit, in der der westeuropäische Wiederaufbau auf Technik, Planung und naturwissenschaftliche Rationalität setzt — die fünfziger Jahre sind die Jahre der Atomenergie, der Düsenflugzeuge, der Hochrechnungen. Homo faber ist deshalb mehr als ein psychologischer Roman über einen Mann, der unwissentlich seine Tochter liebt; er ist eine grundsätzliche Abrechnung mit einem Weltbild, das den Menschen auf seine Funktion als Macher und Rechner reduziert. Die These dieses Aufsatzes lautet: Frisch entlarvt das technokratische Selbstverständnis der Nachkriegsmoderne nicht von außen, sondern aus seinem Inneren heraus — indem er einen seiner überzeugtesten Vertreter sich selbst widerlegen lässt.
Hauptteil
Die Kritik beginnt bei der Figurenkonzeption. Faber ist kein Strohmann, sondern ein hochintelligenter, weltgewandter Techniker, der für die UNESCO Industrieanlagen in Entwicklungsländern aufbaut. Er ist nicht der böse Ingenieur des Kulturpessimismus, sondern der gute, aufgeklärte Vertreter eines humanitär gemeinten Fortschritts. Genau das macht die Kritik so scharf: Wenn schon dieser Faber scheitert, dann scheitert das ganze Modell. Sein Selbstverständnis formuliert er programmatisch im ersten Teil seines Berichts, als er sich gegen die Schwärmereien seines Sitznachbarn Herbert Hencke wehrt. Die Welt sei für ihn erklärbar, alles habe seine technische Ursache; mystische Deutungen lehnt er ab. Diese Haltung ist nicht bloß persönliche Marotte, sondern Ausdruck einer Epoche, die nach den Katastrophen des Krieges Halt in der Berechenbarkeit sucht.
Frisch baut nun eine Versuchsanordnung, in der dieses Weltbild an seine Grenzen geführt wird. Erstens widerlegt der Roman Fabers Statistik durch die schiere Unwahrscheinlichkeit der Ereignisse. Faber begegnet auf einer Schiffsreise einer jungen Frau, Sabeth, mit der er eine Liebesbeziehung beginnt — und die sich später als seine eigene Tochter entpuppt, das Kind seiner früheren Geliebten Hanna, das er nie kennengelernt hatte. Die Wahrscheinlichkeit dieses Zusammentreffens ist verschwindend gering, und doch geschieht es. Faber rechnet sich die Sache hinterher zurecht, indem er behauptet, mathematisch sei sogar das Unwahrscheinliche möglich. Aber gerade diese Verteidigung entlarvt den Selbstbetrug: Wer das Unwahrscheinliche nachträglich zur Wahrscheinlichkeit erklärt, hat seinen Begriff von Wahrscheinlichkeit aufgegeben. Frisch zeigt: Die Statistik ist keine Schutzmauer gegen das Schicksal, sondern eine ihrer Verkleidungen.
Zweitens kritisiert der Roman die technokratische Naturferne. Auf dem Marsch durch den Dschungel reagiert Faber auf die übermächtige tropische Natur mit Ekel und Abwehr. Er beschreibt sie als feucht, faulig, weiblich — eine Wortwahl, die seine doppelte Verdrängung verrät: die der organischen Welt und die des Weiblichen. Hanna wird ihm später vorhalten, er habe die Welt stets als Ingenieur betrachtet, also als Material, das man bearbeiten könne. Die Pointe ist, dass die verdrängte Natur zurückkehrt: in Form der Schlange, die Sabeth beißt, in Form von Fabers eigenem Magenkrebs, in Form des Alterns, das er fotografisch zu fixieren versucht und doch nicht aufhalten kann. Der homo faber, der schaffende Mensch, stößt an die Grenze dessen, was man machen kann.
Drittens — und hier wird die Kritik am schärfsten — zeigt Frisch, dass das technokratische Weltbild eine Form der Schuldverdrängung ist. Faber hatte Hanna in jungen Jahren in Zürich verlassen, obwohl sie schwanger war; er hatte ihr eine Abtreibung nahegelegt und dann zugelassen, dass sie das Kind allein bekommt. Diese biografische Schuld bearbeitet er sein Leben lang, indem er sie in technische Sprache übersetzt. Persönliche Verantwortung wird zur Verfahrensfrage. Hannas Vorwurf in Athen, er habe sich gegenüber dem Leben wie ein Ingenieur verhalten und das Lebendige immer zur Aufgabe gemacht, trifft den Kern. Die Technokratie der Nachkriegszeit, so liest sich das, ist auch eine Fluchtbewegung — weg von einer Vergangenheit, in der gerade die deutsche und österreichische Gesellschaft Schuld auf sich geladen hat. Hanna ist Jüdin, sie musste emigrieren; Faber hat sie verlassen. Frisch verknüpft also private und historische Schuld und zeigt, dass die Technikgläubigkeit der Wiederaufbaujahre auch eine moralische Funktion hat: Sie erlaubt es, nicht hinzusehen.
Viertens wendet sich der Roman gegen den Glauben an die Reproduzierbarkeit der Welt durch das Bild. Faber filmt und fotografiert unentwegt; sein Apparat ist sein Verhältnis zur Wirklichkeit. Erst in der zweiten Station des Berichts, als er todkrank im Krankenhaus von Athen liegt und seine eigenen Filme betrachtet, begreift er, dass die Bilder das Leben nicht festhalten, sondern ersetzen. Die Schreibweise wechselt hier: Aus dem nüchternen Bericht wird ein fragmentarisches, fast lyrisches Aufzeichnen. Sätze wie Auf der Welt sein: im Licht sein
markieren einen Erkenntnissprung, den der frühere Faber nicht hätte denken können. Die Sprache des Romans selbst vollzieht also die Kritik mit, indem sie die technische Prosa des Anfangs verlässt.
Gegen diese Lesart lässt sich einwenden, Frisch zeichne ein Zerrbild der Technik und mache es sich zu leicht, indem er einen einzelnen Mann mit einer ganzen Epoche identifiziere. Tatsächlich ist Faber kein Durchschnittstechniker, sondern eine literarische Konstruktion mit zugespitzten Zügen. Doch dieser Einwand verkennt das Verfahren des Romans. Frisch arbeitet nicht soziologisch, sondern modellhaft: Faber ist eine Versuchsperson, an der ein Weltbild durchgespielt wird. Dass dieses Weltbild verbreitet war, belegen die zeitgenössischen Debatten um Atomtechnik und Automatisierung. Auch der Einwand, der Roman sei letztlich ein privater Inzest-Stoff und keine Kulturkritik, überzeugt nicht: Gerade die Verschränkung von privater Katastrophe und öffentlicher Ideologie ist Frischs Pointe. Der Inzest ist nicht das Thema, sondern die Stelle, an der ein ganzes Denken zusammenbricht.
Ein dritter Einwand wäre, Faber bleibe am Ende doch der alte und ändere sich nicht wirklich. Auch das trifft nur die halbe Wahrheit. Faber stirbt vermutlich während der Operation; sein Bericht bricht mitten im Satz ab. Aber gerade dieser Abbruch ist sprechend. Der Mann, der sein Leben lang alles berechnet und aufgezeichnet hat, kann sein eigenes Ende nicht mehr fassen. Die letzte Eintragung — der Wunsch, ewig zu sein, im gegenwärtigen Augenblick — ist die radikalste Absage an das Machbarkeitsdenken, die im Roman möglich ist. Wer ewig im Augenblick sein will, hat aufgehört, die Zukunft zu planen.
Schluss
Homo faber ist deshalb keine bloße Geschichte eines tragischen Einzelfalls, sondern die literarische Demontage einer Epochenideologie. Frisch trifft die Nachkriegsmoderne an ihrer empfindlichsten Stelle: an der Überzeugung, dass Technik, Statistik und Planung den Menschen vor dem Zufall, vor der Natur und vor seiner eigenen Geschichte schützen können. Indem er einen überzeugten Techniker an genau diesen drei Instanzen scheitern lässt, formuliert er eine Kritik, die nicht von außen kommt — von einem Kulturpessimisten, der gegen den Fortschritt wettert —, sondern aus dem Inneren der modernen Erfahrung selbst. Das macht den Roman bis heute aktuell. In einer Gegenwart, die ihre Probleme zunehmend an Algorithmen delegiert und das Berechenbare mit dem Wirklichen verwechselt, liest sich Fabers Bericht wie eine frühe Warnung. Frischs Urteil ist eindeutig, und man sollte sich ihm anschließen: Wer das Leben nur als technisches Problem begreift, verfehlt es. Der Roman zeigt das nicht durch Belehrung, sondern durch die nüchterne Konsequenz, mit der er seinen Helden in die Erkenntnis führt, die zu spät kommt.
