Dialektische Erörterung: Ist Walter Faber an seinem Scheitern selbst schuld oder Opfer des Zufalls?
Einleitung
Ein Ingenieur, der Wahrscheinlichkeiten berechnet, zeugt unwissentlich ein Kind mit seiner Jugendliebe und verliebt sich Jahrzehnte später in die eigene Tochter, die kurz darauf an einem Schlangenbiss und einem Sturz stirbt. Diese Verkettung wirkt wie ein antiker Mythos im Gewand der technischen Moderne. Max Frischs 1957 erschienener Roman Homo faber. Ein Bericht verhandelt am Schicksal seines Protagonisten Walter Faber die Frage, ob der moderne, rational-technische Mensch sich selbst genügt oder ob er gerade an seiner Weigerung scheitert, das Unkontrollierbare anzuerkennen. Ist Faber also Täter seines eigenen Unglücks oder Opfer einer absurden statistischen Fügung? Die folgende Erörterung verteidigt die These, dass Faber zwar äußerlich vom Zufall getroffen wird, das eigentliche Scheitern jedoch in seinem verengten Weltbild und seiner Lebensverweigerung wurzelt — der Zufall ist nur der Auslöser, nicht die Ursache der Katastrophe.
Hauptteil
Auf den ersten Blick spricht vieles dafür, Faber als Opfer einer extremen Häufung unwahrscheinlicher Ereignisse zu sehen. Die Romanhandlung beginnt mit einer Notlandung in der mexikanischen Wüste — bereits hier wird Faber aus seinem geplanten Reiseweg gerissen. Auf dem Schiff nach Europa lernt er die junge Sabeth kennen, ohne zu ahnen, dass sie die Tochter seiner Jugendliebe Hanna ist, mit der er einst eine Heirat geplant, die er aber nach der Schwangerschaft Hannas verlassen hatte. Die Wahrscheinlichkeit, ausgerechnet die eigene Tochter auf einer Atlantiküberfahrt zu treffen, ist astronomisch gering. Faber selbst rechnet im Roman mehrfach mit Wahrscheinlichkeiten und kommt zu dem Schluss, dass solche Konstellationen statistisch zwar möglich, aber kaum vorhersehbar seien. Auch der tödliche Unfall Sabeths in Griechenland — der Schlangenbiss und der Sturz auf den Hinterkopf — wirkt wie ein Schicksalsschlag, den niemand hätte verhindern können. Hinzu kommt Fabers Magenkrebs, der ihn am Ende des Romans einholt und seine späte Einsicht abrupt beendet.
Wer Faber als Opfer liest, kann sich zudem auf die mythologische Struktur des Romans berufen. Frisch unterlegt die Handlung mit Anspielungen auf den Ödipus-Mythos und auf die Erinnyen, die Rachegöttinnen. Damit wird Fabers Geschichte in eine Tradition gestellt, in der der Mensch dem Schicksal nicht entrinnen kann — selbst dort nicht, wo er glaubt, frei zu handeln. Sabeths Mutter Hanna formuliert gegen Ende den Gedanken, dass das Leben sich nicht reparieren lasse. Aus dieser Perspektive scheint Faber tatsächlich in einem Netz gefangen, das er nicht selbst geknüpft hat. Die Tatsache, dass er als Ingenieur ausgerechnet jene Disziplin vertritt, die das Zufällige durch Planung ersetzen will, verschärft die Tragik: Der Mensch, der die Welt berechnet, wird vom Unberechenbaren überrollt.
Diese Lesart hat Gewicht, greift aber zu kurz. Denn Faber ist keineswegs nur ein passiv Getroffener. Bereits seine biografischen Grundentscheidungen sind höchst aktiv und folgenreich. Als die junge Hanna von ihm schwanger wird, entzieht er sich der Verantwortung, redet sich heraus und überlässt ihr die Entscheidung über das Kind. Aus seinem damaligen Verhalten spricht eine Mischung aus Feigheit und Bequemlichkeit, nicht aus einer Notlage. Diese Weichenstellung in der Vorgeschichte ist die eigentliche Wurzel der späteren Katastrophe. Hätte Faber zu Hanna und dem Kind gestanden, gäbe es keine fremde junge Frau auf einem Schiff, in die er sich verlieben könnte. Der Zufall trifft ihn also nur deshalb so hart, weil er Jahrzehnte zuvor selbst die Lücke geschaffen hat, in die das Schicksal stoßen kann.
Hinzu kommt Fabers Weltbild, das ihn systematisch blind macht für Warnsignale. Er versteht sich selbst als Homo faber, als technischen, rationalen Menschen, der nur an Berechenbares glaubt. Im Roman erklärt er, er glaube nicht an Fügung und Schicksal, sondern denke als Techniker stets in Wahrscheinlichkeiten. Diese Selbstdefinition ist keine bloße Berufsauffassung, sondern eine Lebenshaltung, die Gefühle, Intuitionen und körperliche Wahrnehmungen ausblendet. Mehrere Indizien hätten ihn auf Sabeths Identität aufmerksam machen können: ihr Alter, ihre Herkunft aus Athen, der Name der Mutter, die Berufsbezeichnung als Archäologin. Faber registriert diese Hinweise zwar, ordnet sie aber nicht ein. Sein Bericht selbst dokumentiert diese Verdrängung, denn er notiert die entscheidenden Details und schiebt sie zugleich beiseite. Wer so konsequent nicht sehen will, ist nicht einfach Opfer eines Zufalls, sondern macht sich zum Komplizen seines Unglücks.
Besonders deutlich wird Fabers Eigenanteil im Verhalten gegenüber Sabeth in Griechenland. Nach dem Schlangenbiss bringt er sie zwar ins Krankenhaus, verschweigt den Ärzten aber, dass Sabeth zuvor gestürzt ist — der eigentlich tödliche Schlag auf den Hinterkopf bleibt unerwähnt. Diese Auslassung ist kein Zufall, sondern eine konkrete, individuelle Fehlentscheidung. Hier zeigt sich, dass Faber selbst in der Krise nicht zur klaren Wahrnehmung findet. Auch seine zahlreichen körperlichen Beschwerden, die auf den späteren Magenkrebs hindeuten, ignoriert er über lange Strecken. Er behandelt seinen Körper wie eine Maschine, die zu funktionieren hat — und übersieht dabei die Realität seines Sterbens. Der Krebs ist zwar nicht selbstverschuldet, der Umgang mit ihm aber sehr wohl Ausdruck derselben Verdrängungshaltung.
Schließlich ist Fabers Beziehung zu Sabeth selbst zu hinterfragen. Auch wenn er die Verwandtschaft nicht kennt, wäre der Altersunterschied von rund dreißig Jahren Anlass genug zur Reflexion gewesen. Faber lässt sich treiben, statt zu prüfen. Wenn am Ende Hanna mit ihrer Diagnose recht behält, dass Faber das Leben nicht gelebt habe, sondern es nur als Aufgabe abgearbeitet habe, dann benennt sie genau jene Haltung, die das eigentliche Versagen ausmacht. Frisch zeigt damit nicht den Triumph des blinden Schicksals über den Menschen, sondern die Selbstzerstörung eines Lebensentwurfs, der das Lebendige verleugnet.
Gegen die These der Selbstverschuldung ließe sich einwenden, dass Faber ohne die Notlandung, ohne die zufällige Schiffspassage und ohne den Schlangenbiss niemals in diese Konstellation geraten wäre — alle drei Ereignisse liegen außerhalb seiner Kontrolle. Das ist richtig, entkräftet die These aber nicht. Denn der Zufall trifft jeden Menschen ständig; entscheidend ist, wie der Einzelne ihm begegnet. Fabers Tragik besteht gerade darin, dass sein rigides Weltbild ihm verbietet, den Zufall als Wink zu verstehen, innezuhalten und nachzudenken. Ein anderer Mensch hätte aus denselben Begegnungen nicht denselben Untergang gemacht.
Schluss
Walter Faber ist weder reines Opfer noch alleiniger Täter, doch das Gewicht liegt eindeutig auf seiner Seite. Der Zufall liefert die Bühne, auf der sich das Drama abspielt; das Stück selbst aber schreibt Faber durch jahrzehntelange Verdrängung, Verantwortungsflucht und ideologische Verhärtung. Frisch führt mit dem Untertitel Ein Bericht ironisch vor, wie ein Mensch, der sich für objektiv hält, in seinen eigenen Aufzeichnungen die Spuren seiner Schuld hinterlässt, ohne sie zu erkennen. Genau hier liegt die Modernität des Romans: Er entlastet den Menschen nicht durch Verweis auf das Schicksal, sondern zeigt, dass die Berufung auf den Zufall selbst eine Form der Selbstrechtfertigung sein kann. Faber scheitert nicht, weil das Leben unberechenbar ist, sondern weil er das Unberechenbare zu lange aus seinem Leben verbannt hat. Sein spätes Eingeständnis, das Leben sei nicht das, was er daraus gemacht habe, ist daher kein Verzweiflungsschrei gegen das Schicksal, sondern eine späte, bittere Selbsterkenntnis.
