Inwiefern fungiert die Schlange in der Strandszene als mehrdeutiges Symbol, und welche literarischen Traditionen ruft Frisch damit auf?
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Inwiefern fungiert die Schlange in der Strandszene als mehrdeutiges Symbol, und welche literarischen Traditionen ruft Frisch damit auf?

Musteraufsatz · Max Frisch
Sophie Hartmann
3 Min. Lesezeit · 8. July 2026

In Max Frischs Roman Homo faber (1957) erzählt der Ich-Erzähler Walter Faber – ein rationalistischer UNESCO-Ingenieur, der an Zufall nicht glaubt – rückblickend von einer Schiffsreise, auf der er die junge Elisabeth Piper, genannt Sabeth, kennenlernt und sich in sie verliebt. Erst später enthüllt der Roman, dass Sabeth seine eigene Tochter ist. Am Strand in Griechenland wird Sabeth von einer Schlange gebissen. Sie stürzt beim Erschrecken und erliegt schließlich den Folgen dieses Unfalls. Die Schlange ist damit nicht bloß biologische Ursache ihres Todes, sondern das verdichtete Zeichen für alles, was Faber verdrängt hat und worüber er keine Kontrolle besitzt.

Der biblische Sündenfall

Die naheliegendste Referenz ist die Genesis. In der Paradiesesgeschichte (1. Mose 3) verführt die Schlange Eva zur Übertretung eines göttlichen Verbots; die Folge ist Vertreibung und Tod. Frisch arrangiert die Elemente dieser Geschichte mit auffälliger Präzision: Ein Mann und eine Frau befinden sich an einem idyllischen Ort am Meer – einer Art weltlichem Garten Eden –, und die Schlange beendet das Glück. Das Inzest-Motiv verstärkt die Analogie: Was zwischen Faber und Sabeth geschieht, ist ein Tabubruch, eine „Übertretung", die Schuld nach sich zieht. Faber selbst ahnt nichts, doch die Erzählkonstruktion des Romans legt nahe, dass gerade sein blinder Rationalismus – sein Glaube, die Welt sei berechenbar und Gefühle kontrollierbar – die eigentliche Sünde ist, die hier bestraft wird.

Antike Mythologie: Orpheus, Eurydike und das Schicksal

Frisch verwebt in Homo faber durchgängig Motive aus der griechischen Mythologie, und der Schauplatz Griechenland ist kein Zufall. Die Schlange, die Eurydike tötet – in Ovids Metamorphosen (Buch X) wird sie beim Fliehen vor Aristaeus von einer Schlange gebissen –, bildet eine direkte Parallele zur Strandszene. Sabeth stirbt durch Schlangenbiss, Faber verliert sie, wie Orpheus Eurydike verlor. Das Motiv der verlorenen geliebten Frau, die in den Hades hinabsteigt, während der Mann zurückbleibt, gibt der Szene eine tragische Dimension jenseits des individuellen Schicksals: Faber ist kein Einzelfall, sondern wiederholt ein archaisches Muster. Anders als Orpheus hat er jedoch keine Kunst, keine Klage – nur Berichte und Tabellen.

Psychoanalytische Symbolik

Seit Sigmund Freuds Traumdeutung gilt die Schlange in der psychoanalytischen Tradition als phallisches Symbol. Frisch nutzt diese Codierung, ohne sie je explizit zu benennen. Die Schlange taucht genau in dem Moment auf, in dem die inzestuöse Beziehung zwischen Faber und Sabeth – die beide nicht als solche erkennen – ihren Höhepunkt erreicht hat. Der Biss markiert das Ende der erotischen Verblendung. Was Faber verdrängt hat (seine Vaterschaft, seine Gefühle, seine Mitschuld), kehrt in dieser Szene in buchstäblich körperlicher Gestalt zurück. Das Unbewusste, in Frischs Konstruktion symbolisiert durch das Tier, lässt sich nicht wegrechnen.

Mehrdeutigkeit als Strukturprinzip

Entscheidend ist, dass keine dieser drei Lesarten die anderen ausschließt. Frisch lässt die Schlange absichtlich auf allen Ebenen gleichzeitig funktionieren. Gerade das entspricht seiner Kritik an Fabers Weltbild: Wer wie Faber alles auf eine einzige, rationale Erklärung reduzieren will, scheitert an der Vieldeutigkeit der Wirklichkeit. Die Schlange ist das Symbol dieser Vieldeutigkeit selbst – sie ist Zufall und Schicksal, Natur und Mythos, Verdrängtes und Strafe zugleich. Frisch setzt sie als Gegenmodell zu Fabers Statistiken und Maschinenplänen.

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