Inwiefern lässt sich Homo faber als Auseinandersetzung mit dem Mythos des Ödipus lesen, und welche Parallelen und Abweichungen sind dabei besonders aufschlussreich?
Max Frischs Roman Homo faber (1957) erzählt die Geschichte von Walter Faber, einem UNESCO-Ingenieur Mitte fünfzig, der sein Leben nach den Prinzipien von Technik, Statistik und Vernunft organisiert. Auf einer Schiffsreise lernt er die junge Sabeth kennen, verliebt sich in sie und reist mit ihr durch Europa — ohne zu ahnen, dass Sabeth seine eigene Tochter ist, die er mit seiner früheren Geliebten Hanna gezeugt hat. Nach einem Schlangenbiss und einem Sturz stirbt Sabeth; Faber selbst erkrankt kurz darauf an Magenkrebs. Der Roman ist als rückblickender Bericht Fabers angelegt, der seinen eigenen Zusammenbruch schildert, ohne ihn vollständig zu begreifen.
Die mythische Folie: Ödipus in Kürze
Der griechische Mythos des Ödipus erzählt von einem Mann, der — trotz aller Versuche, dem Schicksal zu entkommen — seinen Vater tötet und seine eigene Mutter heiratet. Das Entscheidende am Mythos ist nicht die Tat selbst, sondern ihre Struktur: Ödipus handelt unwissentlich, die Schuld trifft ihn dennoch vollständig, und das Verhängnis ergibt sich gerade aus dem Versuch, es abzuwenden. Sophokles' König Ödipus macht die Erkenntnis — das schrittweise Aufdecken der Wahrheit — zum dramatischen Kern.
Parallelen: Unwissenheit, Inzest, Verhängnis
Die auffälligste Parallele ist der unbewusste Inzest. Wie Ödipus begeht Faber eine Grenzüberschreitung, ohne sie als solche zu erkennen: Er schläft mit Sabeth, ohne zu wissen, dass sie seine Tochter ist. Die Schuld — moralisch wie strukturell — trifft ihn trotzdem. Frisch verstärkt das noch dadurch, dass Faber hätte wissen können, wen er vor sich hat: Es gibt Hinweise — Sabeths Ähnlichkeit mit Hanna, ihr Alter, ihr Name —, die er systematisch ignoriert oder rationalisiert.
Auch das Motiv des Verhängnisses durch Flucht kehrt wieder. Ödipus verlässt Korinth, um der Prophezeiung zu entgehen, und erfüllt sie dadurch erst. Faber flieht aus einer Beziehung und Vaterschaft, die er nie angenommen hat — und läuft genau in diese zurück. Seine Technikgläubigkeit, sein Glaube an Berechenbarkeit und Zufall statt Schicksal, ist dabei keine Rettung, sondern das Instrument seiner Blindheit.
Schließlich gibt es die Erkenntnisstruktur: Beide Texte — König Ödipus wie Homo faber — sind als nachträgliche Aufklärung angelegt. Ödipus deckt Schicht für Schicht die Wahrheit auf; Faber schreibt seinen Bericht im Krankenhaus, kurz vor dem Tod, und der Leser erkennt oft früher als er selbst, was geschehen ist.
Abweichungen: Wo Frisch den Mythos bricht
Die entscheidende Abweichung liegt in der Funktion des Schicksals. Bei Sophokles ist das Verhängnis gottgegeben und unausweichlich; die Götter haben es so eingerichtet. Frisch streicht diesen metaphysischen Rahmen. Fabers Blindheit ist keine göttliche Fügung — sie ist eine selbst gewählte Haltung. Er hat sich jahrzehntelang geweigert, Gefühl, Zufall und Körperlichkeit als real anzuerkennen. Sein Scheitern ist insofern nicht Schicksal, sondern Konsequenz einer Lebensphilosophie.
Damit wird der Mythos zur Gesellschaftskritik. Frisch nutzt die Ödipus-Struktur, um den Typus des westlichen Nachkriegsintelektuellen zu sezieren: einen Mann, der glaubt, die Wirklichkeit durch Rationalität kontrollieren zu können, und der daran scheitert, weil er das Verdrängte — Sexualität, Schuld, Körper, Tod — nicht wegrechnen kann.
Eine weitere Abweichung betrifft die Figur der Mutter. Bei Sophokles ist Iokaste Mutter und Ehefrau des Ödipus; bei Frisch ist Hanna, die Mutter Sabeths, von Faber getrennt, lebt ihr eigenes Leben und ist dem Verhängnis nicht in gleicher Weise ausgeliefert. Sie ist klarer sehend als Faber — und überlebt.
Schuld ohne Sühne?
Ödipus blendet sich selbst, als er die Wahrheit erkennt — eine archaische Form der Buße und Selbstbestrafung. Faber stirbt an Magenkrebs, aber sein Tod hat keine rituell-kathartische Qualität. Er kommt nicht zu einer wirklichen Erkenntnis seiner Schuld; bis zuletzt schwankt er zwischen Einsicht und Rationalisierung. Frisch verweigert die Katharsis — das ist die modernste und unbequemste Entscheidung des Romans. Das Scheitern bleibt unerlöst.
