Welche Rolle spielt die Notlandung in der Wüste für die Entwicklung der Handlung, und wie verändert sie Fabers Begegnung mit Joachim Hencke?
Nachkrieg Prosawerk Abitur

Welche Rolle spielt die Notlandung in der Wüste für die Entwicklung der Handlung, und wie verändert sie Fabers Begegnung mit Joachim Hencke?

Musteraufsatz · Max Frisch
Sophie Hartmann
3 Min. Lesezeit · 6. July 2026

Walter Faber, der Protagonist in Max Frischs Roman Homo faber (1957), ist UNESCO-Ingenieur und überzeugter Rationalist. Er glaubt an Statistik, Technik und Wahrscheinlichkeitsrechnung — und er glaubt nicht an Schicksal. Umso bezeichnender ist es, dass der Roman mit einem technischen Versagen beginnt: Fabers Flugzeug muss wegen eines Triebwerkschadens in der Wüste von Tamaulipas (Mexiko) notlanden.

Die Notlandung als erzählerische Weiche

Der erzwungene Halt dauert mehrere Tage. Faber, der eigentlich nach Caracas will, ist festgesetzt — ohne Kontrolle über Zeit und Bewegung. Schon das ist eine kleine Erschütterung seines Selbstbildes: Der Mann, der Abläufe plant und optimiert, hängt untätig in der Hitze. Entscheidend aber ist, wen er dabei kennenlernt: Herbert Hencke, einen jungen Deutschen, der auf dem Weg zu seiner Tabakplantage in Guatemala ist.

Herbert ist der jüngere Bruder von Joachim Hencke — und Joachim ist kein Fremder für Faber. Die beiden waren in den 1930er-Jahren Kommilitonen in Zürich, und Joachim war damals mit Hanna zusammen, der Frau, die Faber selbst liebte und schwängerte, bevor er sie verließ. Joachim hatte Hanna geheiratet. Diese biographische Verflechtung taucht für Faber durch Herbert überraschend wieder auf.

Vom Zufall zur Kette

Faber erlebt die Begegnung zunächst als bloßen Zufall, den er statistisch einordnet: Die Welt ist klein, Menschen kreuzen sich. Doch die Notlandung zieht ihn in eine Dynamik, der er sich kaum entziehen kann — oder will. Herbert bittet ihn, ihn auf der Reise nach Guatemala zu begleiten, um gemeinsam Joachim auf der Plantage zu besuchen. Faber, der eigentlich keine sentimentalen Bindungen pflegt, sagt zu. Warum, bleibt im Text bewusst vage: Er redet sich ein, es sei ein Umweg ohne große Bedeutung.

Was die beiden in Guatemala vorfinden, ist das erste harte Aufprallen von Fabers Wirklichkeitskonstruktion auf eine andere Realität: Joachim hat sich erhängt. Die Plantage ist verwahrlost. Von dem geordneten Leben, das Faber für Menschen wie Joachim — und sich selbst — voraussetzte, ist nichts geblieben. Faber protokolliert den Fund mit klinischer Nüchternheit in seinem Bericht, doch die Bilder kehren immer wieder.

Was die Szene über Faber aussagt

Die Notlandung ist strukturell mehr als ein dramaturgischer Auftakt. Sie demonstriert bereits das Grundprinzip, das den gesamten Roman durchzieht: Faber wird nicht von Entscheidungen, sondern von Zufällen gelenkt — und er merkt es nicht oder will es nicht merken. Er deutet jede unwahrscheinliche Begegnung als statistisch erklärbar um, statt ihre emotionale und biographische Bedeutung zu erkennen.

Joachims Tod konfrontiert ihn mit dem, was er verdrängt hat: eine Vergangenheit mit Hanna, eine Verantwortung, der er ausgewichen ist. Die Reise nach Guatemala wäre ohne die Notlandung nie zustande gekommen. In diesem Sinne ist die technische Panne der Auslöser einer biographischen Rückkehr — und damit der eigentliche Beginn der Handlung, die Faber unweigerlich zu Sabeth und zur Wahrheit über seine eigene Geschichte führt.

Herbert und Joachim: zwei Brüder, eine Funktion

Es lohnt sich, die Verwechslungsgefahr im Blick zu behalten, die die Frage andeutet: Im Roman begegnet Faber in der Wüste Herbert Hencke, nicht Joachim. Joachim bleibt bis zu seinem Tod eine Art Leerstelle — Faber kennt ihn aus der Vergangenheit, trifft ihn aber nie lebend. Herbert fungiert als Vermittler: Er öffnet die Tür zurück in Fabers Vergangenheit, ohne selbst Teil dieser Geschichte zu sein. Nach der Guatemala-Episode verschwindet Herbert weitgehend aus dem Roman.

Die Konstruktion — ein zufälliger Sitznachbar im Flugzeug entpuppt sich als Bruder eines alten Bekannten, und dieser Bekannte ist tot — verdichtet Frischs zentrales Thema: Verdrängtes kehrt zurück, und zwar nicht durch bewusste Entscheidung, sondern durch Konstellationen, die sich der Kontrolle entziehen.

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