Wie beschreibt Faber seine frühere Beziehung zu Hanna Landsberg, und welche Konsequenzen hatte sein damaliges Verhalten für beide Figuren?
Nachkrieg Prosawerk Abitur

Wie beschreibt Faber seine frühere Beziehung zu Hanna Landsberg, und welche Konsequenzen hatte sein damaliges Verhalten für beide Figuren?

Musteraufsatz · Max Frisch
Sophie Hartmann
3 Min. Lesezeit · 7. July 2026

Walter Faber, der Ich-Erzähler in Max Frischs Roman Homo faber (1957), ist Ingenieur bei der UNESCO und begreift die Welt konsequent durch Zahlen, Wahrscheinlichkeiten und technische Funktionalität. Gefühle, Zufälle und das Irrationale verdrängt er systematisch. Diese Haltung bestimmt nicht nur seinen Beruf, sondern auch sein Verhältnis zu anderen Menschen — und besonders zu Hanna Landsberg, seiner früheren Lebensgefährtin.

Die Beziehung in Zürich: Rationalismus statt Verantwortung

Faber und Hanna lernten sich Ende der 1930er Jahre in Zürich kennen, wo beide studierten. Hanna war halb jüdischer Herkunft, was im nationalsozialistischen Europa eine unmittelbare Bedrohung darstellte. Faber schildert die Beziehung rückblickend sachlich, fast protokollartig — ein untrügliches Zeichen dafür, dass er auch damals keine wirkliche emotionale Nähe zuließ. Als Hanna schwanger wurde, reagierte Faber nicht mit Bereitschaft zur Verantwortung, sondern mit dem Vorschlag zur Abtreibung. Seine Begründungen sind charakteristisch: Er wollte nach Bagdad, hatte eine Stelle in Aussicht, das Leben war zu ungewiss. Der Wunsch nach Kontrolle und Planbarkeit überwog jede Regung, die man Liebe oder Verantwortungsgefühl nennen könnte.

Hannas Entscheidung und ihre Folgen

Hanna ließ sich nicht abtreiben. Damit traf sie eine Entscheidung, die Faber ihr gegenüber nie wirklich verstand oder akzeptierte — und die den gesamten Roman wie eine verborgene Achse durchzieht. Sie zog das Kind, Elisabeth, allein groß; Faber wusste nichts von der Geburt oder der weiteren Entwicklung der Tochter. Hanna baute ein eigenständiges Leben auf, heiratete später Joachim Hencke, trennte sich von ihm und arbeitete schließlich als Archäologin in Athen. Sie wurde zu einer Figur, die Fabers Weltbild in vielerlei Hinsicht widerspricht: Sie lebt mit Unsicherheit, Verlust und Intuition — alles, was Faber fürchtet.

Die verdrängte Schuld in Fabers Erzählhaltung

Frisch lässt Faber seine eigene Geschichte so erzählen, dass die Leserinnen und Leser die Lücken und Verzerrungen erkennen können, die Faber selbst nicht sieht. Er rechtfertigt sein damaliges Verhalten mit statistischer Logik: Er spricht davon, dass eine Ehe unter den gegebenen Umständen wenig Aussicht auf Erfolg gehabt hätte. Diese Rationalisierung ist bezeichnend — sie zeigt, wie Faber Schuld in Kalkulation verwandelt, um sich ihr zu entziehen. Was er nicht berechnen kann, verdrängt er.

Die tragische Konsequenz: Sabeth

Die eigentliche Konsequenz von Fabers früherem Verhalten entfaltet sich erst im Romangeschehen selbst. Auf einer Schiffsreise begegnet Faber der jungen Elisabeth Piper, genannt Sabeth, verliebt sich in sie und beginnt eine Beziehung mit ihr — ohne zu wissen, dass sie seine eigene Tochter ist. Als die Wahrheit ans Licht kommt und Sabeth nach einem Unfall stirbt, bricht Fabers gesamtes Weltbild zusammen. Die Tragödie ist nicht das Ergebnis eines blinden Zufalls, sondern die direkte Folge seiner Entscheidungen von vor zwanzig Jahren: der Abwesenheit, der Gleichgültigkeit, der Weigerung, Verantwortung zu übernehmen.

Faber und Hanna im zweiten Aufeinandertreffen

Als Faber Hanna in Athen wiedersieht, ist die frühere Beziehung zwischen ihnen kein sentimentales Wiedersehen, sondern eine Konfrontation mit dem, was beide aus dieser Vergangenheit gemacht haben. Hanna hat überlebt, sich entwickelt, Verluste verarbeitet. Faber steht vor den Trümmern seines rationalen Selbstbilds. In Hannas ruhiger, oft harter Art, die Dinge zu benennen, spiegelt sich das Ausmaß von Fabers jahrzehntelanger Selbsttäuschung.

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