Wie schildert Faber die Überfahrt auf dem Schiff nach Europa, und welche Bedeutung hat diese Reise für seine Beziehung zu Sabeth?
Nachkrieg Prosawerk Abitur

Wie schildert Faber die Überfahrt auf dem Schiff nach Europa, und welche Bedeutung hat diese Reise für seine Beziehung zu Sabeth?

Musteraufsatz · Max Frisch
Sophie Hartmann
4 Min. Lesezeit · 6. July 2026

Walter Faber, Ingenieur bei der UNESCO und überzeugter Rationalist, reist in Max Frischs Roman Homo faber (1957) per Schiff von New York nach Europa. Er ist ein Mann, der sein Leben nach Statistiken, Plänen und technischer Logik ordnet und Gefühle grundsätzlich als störende Variable betrachtet. Umso aufschlussreicher ist, wie er die Überfahrt — und die dort beginnende Beziehung zur jungen Elisabeth Piper, genannt Sabeth — in seinem Bericht schildert.

Fabers Haltung zu Beginn der Überfahrt

Faber wählt das Schiff statt des Flugzeugs, weil er nach den Strapazen seiner Mexikoreise Ruhe sucht. Schon diese Entscheidung ist bezeichnend: Der sonst auf Effizienz bedachte Techniker lässt sich auf eine langsamere, weniger kontrollierbare Reiseform ein. Dennoch begegnet er den anderen Passagieren zunächst mit der für ihn typischen Distanz. Er beschreibt das Schiff, das Deck, das Meer mit der sachlichen Genauigkeit eines Protokollanten — als würden die äußeren Dinge ihn gegen das Innere absichern.

Die erste Begegnung mit Sabeth

Sabeth fällt Faber auf, weil sie — wie er es selbst formuliert — jung ist und Schach spielt. Er betont mehrfach, sie sei jung, fast noch ein Mädchen, und er versuche, sie nicht als Frau wahrzunehmen. Diese Betonung des Altersunterschieds ist kein beiläufiger Kommentar: Sie zeigt, dass Faber die Anziehung sehr wohl spürt und gleichzeitig rationalisiert. Sein Bericht schwankt charakteristisch zwischen scheinbarer Sachlichkeit und dem, was er nicht ausspricht — oder nicht aussprechen kann.

Im Gespräch stellt sich heraus, dass Sabeth Kunstgeschichte studiert und auf dem Weg zu ihrer Mutter in Europa ist. Sie ist gebildet, selbstbewusst, neugierig auf die Welt — alles Eigenschaften, die Faber eigentlich ablehnt oder zumindest für sich selbst nicht beansprucht. Gerade deshalb zieht sie ihn an. Sie konfrontiert ihn mit Fragen über Kunst, Schönheit und Empfindung, also mit dem, was außerhalb seines technischen Weltbildes liegt.

Die Dynamik der Annäherung

Die Annäherung auf dem Schiff verläuft in einem charakteristischen Wechselspiel: Faber sucht Sabeths Gesellschaft, weist dann wieder zurück, ironisiert seine eigene Faszination. Er spielt Schach mit ihr, begleitet sie auf Deck, redet stundenlang mit ihr — und protokolliert all das in seinem Bericht mit einer Distanz, die selbst ein Deutungsangebot ist. Frisch nutzt Fabers Erzählstil, um zu zeigen, wie sehr der Protagonist seine eigene Gefühlslage verleugnet.

Bezeichnend ist auch, dass Faber Sabeth zunächst mit einer jungen Frau vergleicht, die er früher kannte — mit Hanna, seiner einstigen Geliebten, Sabeths Mutter. Diese Verbindung nimmt er bewusst nicht wahr oder verdrängt sie, obwohl der Leser die tragische Konsequenz bereits ahnt. Die Schiffsreise ist also nicht nur der Ort des Kennenlernens, sondern auch der Ort, an dem Fabers Verdrängungsarbeit auf Hochtouren läuft.

Bedeutung der Schiffsreise für die Beziehung

Das Schiff funktioniert im Roman als ein Raum außerhalb des Alltags — ein Zwischenraum, in dem die normalen Regeln und Rollen nicht vollständig gelten. Faber ist hier nicht Ingenieur, nicht Funktionsträger, sondern schlicht ein Passagier. Diese Entgrenzung ermöglicht eine Nähe zu Sabeth, die auf dem Festland — im normalen Leben — so nicht entstanden wäre. Gleichzeitig ist der Schiffsraum auch ein Raum der Unwissenheit: Faber weiß nicht, wer Sabeth wirklich ist. Er weiß es nicht, weil er es nicht wissen will.

Am Ende der Überfahrt sind Faber und Sabeth ein Paar — oder zumindest auf dem Weg dahin. Faber begleitet Sabeth nach Paris, statt direkt zu seiner beruflichen Station weiterzureisen. Auch das ist ein uncharakteristischer Schritt für einen Mann, der sein Leben nach Plänen ausrichtet. Die Schiffsreise hat ihn aus dem Takt gebracht — und damit in Gang gesetzt, was ihn unweigerlich in die Katastrophe führt.

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