Wie setzt Frisch das Motiv der Wiederholung und des Zufalls ein, und welche Fragen stellt der Roman dadurch über Schuld und Schicksal?
Nachkrieg Prosawerk Abitur

Wie setzt Frisch das Motiv der Wiederholung und des Zufalls ein, und welche Fragen stellt der Roman dadurch über Schuld und Schicksal?

Musteraufsatz · Max Frisch
Sophie Hartmann
4 Min. Lesezeit · 8. July 2026

Walter Faber, Ingenieur bei der UNESCO, lebt nach dem Prinzip der Statistik und Berechenbarkeit. Für ihn gibt es keine Schicksalsfügungen, nur Wahrscheinlichkeiten. Genau dieses Weltbild unterläuft Frisch, indem er eine Handlung konstruiert, in der sich Zufälle so dicht häufen und wiederholen, dass sie sich dem rationalen Erklärungsrahmen entziehen — und Faber zuletzt mit einer Schuld konfrontieren, der er nie glaubte ausgesetzt zu sein.

Die Struktur der Wiederholung

Das Prinzip der Wiederholung durchzieht den Roman auf mehreren Ebenen. Zunächst die äußere Handlung: Faber begegnet auf einer Schiffsreise der jungen Sabeth, verliebt sich in sie — und muss schließlich erkennen, dass sie seine eigene Tochter ist, die aus einer früheren Beziehung mit Hanna stammt. Diese Begegnung ist jedoch keine zufällige Erstbegegnung, sondern eine Rückkehr: Faber hatte Hanna einst verlassen und das Kind nie anerkannt. Er wiederholt damit gewissermaßen seine Flucht aus der Vergangenheit, indem er nun unwissentlich mit dem Ergebnis dieser Flucht in Berührung gerät.

Auf der Motivebene kehren bestimmte Bilder und Situationen kreisförmig wieder: die Kamera als Instrument des Beobachtens statt Erlebens, die Technik als Schutzwall gegen Emotion, die Reise als Bewegung ohne Ankunft. Faber filmt und fotografiert, wo er eigentlich fühlen müsste — und dieses Muster wiederholt sich bis kurz vor Sabeths Tod.

Zufall oder Schicksal?

Frisch baut die Handlung so, dass jede einzelne Wendung für sich als reiner Zufall lesbar ist: dass Fabers Flugzeug notlandet und er ausgerechnet den Bruder seines alten Freundes Joachim trifft; dass er ausgerechnet auf jenem Schiff reist, auf dem Sabeth fährt; dass die Schlange, die Sabeth beißt, an einem Strand auftaucht, den Faber selbst ausgesucht hat. Einzeln betrachtet sind das unwahrscheinliche, aber mögliche Ereignisse. In ihrer Verkettung jedoch entsteht ein Muster, das Faber selbst als beunruhigend empfindet — obwohl er sich immer wieder auf Statistik beruft, um es wegzuerklären.

Frisch lässt Faber in seinem Bericht diese Erklärungsversuche selbst formulieren, und genau dadurch werden sie unglaubwürdig. Der Leser sieht, was Faber nicht sehen will: dass hinter dem scheinbaren Zufall eine verdrängte Vergangenheit steckt, die sich erzwingend Bahn bricht.

Schuld ohne Vorsatz

Die entscheidende Frage, die der Roman aufwirft, lautet: Kann jemand schuldig sein, der unwissentlich handelt? Faber hat Sabeth nicht als seine Tochter erkannt — aber er hatte auch nie ernsthaft nach ihr gesucht. Er hatte Hanna zur Abtreibung gedrängt, war davon ausgegangen, das Kind existiere nicht. Seine Schuld liegt nicht im bewussten Handeln, sondern im systematischen Verdrängen. Die Wiederholungsstruktur des Romans macht dieses Verdrängen sichtbar: Was Faber ignoriert hat, kehrt zurück.

Damit rückt Homo faber in die Nähe der antiken Tragödie — Frisch spielt das selbst an, wenn Hanna und Faber Griechenland bereisen und Sabeth über antike Mythen spricht. Ödipus handelt ebenfalls unwissentlich und ist dennoch schuldig. Frisch übernimmt die Struktur, modernisiert aber die Frage: Nicht die Götter verhängen das Schicksal, sondern der Mensch selbst legt durch Verdrängung, Rationalismus und emotionale Kälte die Weichen für sein Unglück.

Der unzuverlässige Erzähler als Verfahren

Frisch verstärkt diese Ambivalenz durch die Erzählkonstruktion. Faber schreibt seinen Bericht nachträglich, bereits im Wissen um Sabeths Tod und seine eigene schwere Erkrankung. Er selektiert, rationalisiert und deutet — und macht dadurch sichtbar, wie sehr er das Geschehen auch in der Rückschau noch kontrollieren will. Was er als Zufall bezeichnet, ist oft das, was ihn am stärksten belastet. Der Leser muss zwischen Fabers Selbstdeutung und dem, was der Text zeigt, aktiv unterscheiden — und genau in dieser Lücke entfaltet sich die eigentliche Reflexion über Schuld und Verantwortung.

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