Wie verläuft Fabers Reise von New York nach Mexiko, und welche unerwarteten Ereignisse zwingen ihn zur Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit?
Walter Faber, Ingenieur bei der UNESCO und Protagonist in Max Frischs Roman Homo faber (1957), erzählt seine Geschichte rückblickend als Bericht — sachlich, technisch, scheinbar kontrolliert. Diese Erzählhaltung ist kein Stilmittel, sondern Programm: Faber versteht die Welt als berechenbares System, Zufälle lehnt er grundsätzlich ab. Genau deshalb ist der Verlauf seiner Mexikoreise so aufschlussreich — sie konfrontiert ihn Schritt für Schritt mit dem, was sich seiner Kontrolle entzieht.
Der Ausgangspunkt: Eine Routinereise gerät aus dem Takt
Ursprünglich plant Faber eine Geschäftsreise von New York nach Venezuela. Auf dem Flug von New York nach Caracas gerät die Maschine in einen Sandsturm und muss in der Wüste von Tamaulipas, im Norden Mexikos, notlanden. Was Faber als lästige Panne verbucht, erweist sich als erster Einbruch des Zufalls in seine geordnete Welt. Er sitzt tagelang in der Hitze fest, umgeben von Passagieren, die er nicht wählen würde — darunter ein junger Deutscher namens Herbert Hencke.
Die Begegnung mit Herbert Hencke
Herbert ist nervös, unsicher, auf der Suche nach seinem Bruder Joachim, der auf einer Tabakplantage im mexikanischen Dschungel lebt. Faber empfindet diese emotionale Unruhe zunächst als Schwäche. Dann stellt sich heraus: Joachim Hencke ist der Bruder von Hanna, Fabers ehemaliger Geliebter. Zwanzig Jahre zuvor hatte Faber Hanna verlassen und ihr gemeinsames Kind abgelehnt — oder, genauer gesagt, hatte er die Frage der Vaterschaft verdrängt und sich nicht um die Konsequenzen gekümmert. Herbert bringt diese Geschichte, ohne es zu wissen, in Fabers Gegenwart zurück.
Die Expedition in den Dschungel
Faber beschließt — und das ist charakteristisch für seine Figur — die Begleitung Herberts nach Palenque als rationale Entscheidung zu rahmen: Er habe Zeit, Venezuela könne warten, es sei eine technische Herausforderung. Tatsächlich folgt er einem Impuls, den er sich selbst nicht eingestehen will. Die Reise in den Dschungel wird zunehmend unwirtlicher: Hitze, Insekten, schlechte Straßen. Faber beschreibt das alles mit bürokratischer Genauigkeit — Temperaturen, Kilometer, Uhrzeiten — aber die Natur entzieht sich konsequent seiner Sprache.
Joachims Tod
Am Ende der Expedition finden sie Joachim erhängt in seiner Hütte. Er hat sich das Leben genommen. Faber registriert den Anblick, hält ihn schriftlich fest, und bricht doch zusammen — nicht emotional im theatralischen Sinne, aber die Sprache stockt, die Sätze werden kürzer. Joachims Tod ist kein zufälliges Schicksalsschlag am Rand der Handlung: Er ist das erste unübersehbare Zeichen dafür, dass hinter Fabers Rationalisierungen echte menschliche Verstrickungen lauern. Joachim hatte mit Hanna zusammengelebt — die Frau, der Faber damals ausgewichen war.
Verdrängung als Erzählstrategie
Frisch lässt Faber diese Zusammenhänge im Bericht zunächst nur andeuten, nicht aussprechen. Der Leser muss selbst kombinieren. Das ist keine Ungenauigkeit, sondern das eigentliche Verfahren des Romans: Fabers Erzählung ist seine Verdrängung. Er berichtet sachlich über Ereignisse, deren emotionale Bedeutung er nicht benennt. Die Mexikoreise funktioniert so als erster, noch nicht vollständig durchschauter Riss in der Fassade des technischen Menschen — ein Riss, der sich auf dem Schiff nach Europa und in Griechenland erst vollständig auftun wird.
