Dialektische Erörterung: Übt die Güllener Gemeinschaft kollektive Gerechtigkeit oder kollektiven Mord? Pro und Contra
Nachkrieg Prosawerk Abitur Kapitel 26 / 29

Dialektische Erörterung: Übt die Güllener Gemeinschaft kollektive Gerechtigkeit oder kollektiven Mord? Pro und Contra

Musteraufsatz · Friedrich Dürrenmatt
Sophie Hartmann
6 Min. Lesezeit · 11. September 2026

Eine Milliarde für eine Leiche. Claire Zachanassians Angebot an die verarmte Kleinstadt Güllen ist derart monströs, dass der Bürgermeister es im Namen der Menschlichkeit zunächst empört ablehnt. Doch am Ende von Friedrich Dürrenmatts tragischer Komödie Der Besuch der alten Dame (1956) liegt Alfred Ill tot auf der Bühne. Die Bürger feiern ihren neuen Reichtum. Das Stück seziert meisterhaft, wie eine Gemeinschaft Schritt für Schritt einen Mord beschließt und ihn vor sich selbst als moralischen Akt verklärt. Genau hier greift die zentrale Frage, die das Drama bis heute so beunruhigend macht: Vollziehen die Güllener eine späte, wenn auch grausame Gerechtigkeit, oder begehen sie einen kollektiven Mord im Gewand der Moral? Die folgende Erörterung wägt diese Positionen ab. Die klare These: Trotz Ills unbestreitbarer Schuld handelt es sich um einen kaltblütigen Mord. Keine noch so geschickte Rhetorik kann diesen in Recht verwandeln.

Die Vorgeschichte liefert den Nährboden für diesen Konflikt. Claire Zachanassian, einst als Klara Wäscher in Güllen aufgewachsen, kehrt als steinreiche Milliardärin zurück. In ihrer Jugend hatte Alfred Ill, heute angesehener Krämer und designierter Bürgermeister, sie geschwängert. Er verleugnete die Vaterschaft, kaufte Zeugen mit Schnaps und trieb Klara in die Prostitution. Nun bietet sie ihrer Heimatstadt eine Milliarde. Die Bedingung: Jemand muss Ill töten.

Einleitung in die Problemstellung

Dürrenmatt konzipierte sein Werk bewusst als tragische Komödie. In seinen Anmerkungen fordert er, die Güllener nicht als Schurken zu spielen, sondern als ganz normale Menschen. Diese inszenierte Banalität des Bösen erzeugt das eigentliche Dilemma. Die Stadt fühlt sich im Recht, weil ein altes Verbrechen gesühnt wird. Gleichzeitig opfert sie für Geld einen Mitbürger. Die dialektische Frage lautet folglich nicht, ob Ill schuldig war. Das war er zweifellos. Es geht vielmehr darum, ob die Tötung durch ein Kollektiv als legitimer Akt der Gerechtigkeit gelten darf.

Pro: Die Güllener üben kollektive Gerechtigkeit

Auf den ersten Blick liefert Claire handfeste Argumente für die Gerechtigkeitsthese. Ill hat das Leben seiner schwangeren Geliebten zerstört. Der damalige Prozess war eine reine Farce. Claire bringt nun mit ihrem Gefolge – dem ehemaligen Oberrichter Hofer und den kastrierten Meineidigen Koby und Loby – genau jene Justiz zurück nach Güllen, die einst kläglich versagte. Die Welt habe sie zur Hure gemacht, nun mache sie die Welt zum Bordell. In dieser gnadenlosen Logik ist die Milliarde kein Bestechungsgeld. Sie ist die Finanzierung eines privaten Tribunals, das dort eingreift, wo der Rechtsstaat blind war.

Ein weiteres starkes Argument liefert der Täter selbst. Alfred Ill durchläuft eine tiefe innere Wandlung. Im dritten Akt erkennt er seine Schuld vollumfänglich an, verzichtet auf Gegenwehr und stellt sich der Gemeindeversammlung. Er akzeptiert sein Todesurteil. Nimmt der Verurteilte seine Strafe als gerecht an, scheint das Verfahren innerlich legitimiert. Der Lehrer bringt diese kollektive Selbsttäuschung vor der Presse auf den Punkt: Man handle nicht aus Gier, sondern aus reiner moralischer Verpflichtung. Aus dieser Perspektive formiert sich in Güllen kein Mörderkollektiv. Wir sehen eine Gemeinschaft, die ein verdrängtes Unrecht endlich aufarbeitet.

In einer isolierten Gemeinschaft, in der das staatliche Recht durch Verjährung längst greift, bleibt oft nur das soziale Urteil. Die finale Versammlung im Goldenen Apostel imitiert formal eine Gerichtsverhandlung. Wer diese Lesart verteidigt, erkennt in Güllen das Modell einer archaischen, unerbittlichen Gerechtigkeit.

Contra: Die Güllener begehen einen kollektiven Mord

Dieser scheinbaren moralischen Ordnung widerspricht ein entscheidender Faktor: das Motiv. Ohne Claires Milliarde würde Ill noch leben. Die ökonomische Choreografie des Stücks entlarvt die hehre Gerechtigkeitsrhetorik als reine Heuchelei. Die Bürger kaufen plötzlich auf Pump gelbe Schuhe, teure Zigarren und neue Kühlschränke. Das Geld entfaltet seine tödliche Wirkung, lange bevor es fließt. Wer zuerst Konsumschulden anhäuft und erst danach ein Todesurteil fällt, urteilt nicht aus moralischer Einsicht. Er mordet aus finanziellem Zugzwang.

Auch die Form des sogenannten Verfahrens spottet jedem echten Rechtsverständnis. Es existieren weder Verteidiger noch unparteiische Richter. Ein Freispruch ist völlig ausgeschlossen. Die anwesenden Pressevertreter werden systematisch belogen, die Abstimmung verkommt zur reinen Theaterinszenierung. Selbst der Lehrer, der die tödliche Gier der Stadt anfangs noch scharfsinnig durchschaut, reiht sich am Ende in den Chor der Lügner ein. Wo Wahrheit und Öffentlichkeit gezielt ausgeschaltet werden, entsteht kein Recht, sondern ein totalitärer Schauprozess.

Die Art der Tötung besiegelt den Mordcharakter. Ill stirbt nicht durch eine offizielle Hinrichtung. Er wird von der stummen Masse erdrückt. Dürrenmatt lässt die genaue Todesursache bewusst im Dunkeln. Niemand hat es getan, alle waren beteiligt. Die Diagnose des Arztes – Herzschlag aus Freude – ist der Gipfel der Perversion. Die Stadt mordet nicht nur, sie radiert die Tat im selben Atemzug aus der Geschichte. Eine Gerechtigkeit, die als Naturtod getarnt werden muss, ist schlichtweg feige.

Claire Zachanassian zieht die Fäden, doch sie zwingt niemanden. Sie kauft lediglich die moralische Integrität einer ganzen Stadt. Die Güllener erliegen der Versuchung des Wohlstands. Sie wissen genau, was sie tun. Und sie tun es trotzdem.

Eigene Position

Bei der Abwägung beider Positionen überwiegt die Contra-Seite massiv. Ills historische Schuld steht außer Frage. Eine Schuld allein legitimiert jedoch keinen Lynchmord. Die Chronologie der Ereignisse in Güllen ist entlarvend: Zuerst kommt der Konsum, dann die Moral. Die Stadt rüstet sich materiell auf, bevor sie sich rhetorisch bewaffnet. Wenn der Lehrer am Ende von Gerechtigkeit schwadroniert, spricht er in die Mikrofone der Weltpresse, nicht zu seinem eigenen Gewissen. Diese klaffende Lücke zwischen öffentlicher Phrase und privatem Wissen bildet den dramaturgischen Kern des Werks.

Ills späte Einsicht adelt das Verfahren keineswegs. Eine Selbstanklage verwandelt einen Meuchelmord nicht in einen legitimen Justizakt. Ill fügt sich in sein Schicksal, weil er die Ausweglosigkeit seiner Lage erkennt. Die Gemeinschaft hat ihn längst zum Tode verurteilt und ihn vom Mitbürger zur reinen Ware degradiert. Seine persönliche moralische Reifung steht in einem scharfen, tragischen Kontrast zum totalen moralischen Verfall der Güllener.

Echte Rechtsfindung wäre durchaus möglich gewesen. Öffentlich, transparent und vor allem ohne finanzielle Gegenleistung. Dass die Stadt diesen Weg nicht eine Sekunde lang ernsthaft in Betracht zieht, beweist ihre Verdorbenheit. Dürrenmatt zeigt meisterhaft, wie schnell moderne Gesellschaften ihre humanistischen Werte über Bord werfen, sobald der Preis stimmt. Das Stück liest sich als scharfe Abrechnung mit der Käuflichkeit der Moral – ein direkter Seitenhieb auf das westdeutsche Wirtschaftswunder der 1950er Jahre, in dem materieller Aufstieg oft über ethischen Bedenken stand.

Schluss

Die Güllener üben keine Gerechtigkeit. Sie begehen einen kollektiven Mord, den sie sich mit einem philosophischen Deckmantel erträglich lügen. Ills Schuld ist real, doch sie wird nicht gerichtet, sondern profitorientiert verkauft. Die versprochene Milliarde ist kein Instrument der Sühne. Sie ist das Blutgeld, mit dem eine ganze Stadt ihr Gewissen veräußert. Dürrenmatts bitterste Pointe liegt darin, dass die Täter am Ende selbst glauben, im Recht zu sein. Die Selbsttäuschung ist perfekt. Wer das Stück als reine Tragödie der Gerechtigkeit interpretiert, verkennt Dürrenmatts Intention. Es ist eine groteske Komödie über die Selbstinszenierung einer Gesellschaft, die ihre eigene Verlogenheit zur absoluten Wahrheit erklärt. Genau in dieser Gefahr der kollektiven Korrumpierbarkeit liegt die zeitlose Provokation des Dramas.

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