Koby und Loby — Charakteranalyse
Sie klingen wie Haustiere, bewegen sich völlig synchron und plappern im gruseligen Gleichklang. Koby und Loby, die beiden blinden Eunuchen im Gefolge von Claire Zachanassian, wirken auf den ersten Blick wie ein makabrer Zirkusakt. Doch dieser Eindruck täuscht gewaltig. Dürrenmatt präsentiert uns hier keine bloßen Randfiguren. Wer genauer hinsieht, entdeckt in ihnen die dunkelste und grausamste Figurenkonstruktion des gesamten Dramas. Sie sind das lebendige Spiegelbild der Haupthandlung und zeigen schonungslos, wozu die toxische Mischung aus unbegrenztem Reichtum und kaltblütiger Rache fähig ist.
Äußeres Erscheinungsbild und erste Einführung
Wenn Koby und Loby im ersten Akt die Bühne betreten, schnürt es dem Publikum unweigerlich die Kehle zu. Zwei kleine, dicke Männer, die einander wie ein Ei dem anderen gleichen. Sie sind blind, kastriert und werden wie exotische Schauobjekte an der Leine geführt. Ihre körperliche Verstümmelung ist kein tragischer Schicksalsschlag, sondern das eiskalte Resultat eines Racheplans. Einst hießen sie Jakob Hühnlein und Ludwig Sparr. Sie waren ganz normale Bürger aus Güllen. Genau diese beiden Männer haben Alfred Ill damals geholfen, sich vor der Vaterschaft zu drücken, indem sie vor Gericht falsch aussagten. Claire hat sie über die halbe Welt jagen, blenden und kastrieren lassen. Jetzt schleppt sie diese zerstörten Existenzen wie lebende Trophäen mit sich herum. Sie sind der fleischgewordene Beweis für Claires unendliche Macht und ihre erschreckende Geduld.
Innere Eigenschaften und die Frage nach Schuld
Suchen wir bei Koby und Loby nach einem inneren Monolog, nach Reue oder tiefen Gedanken, stoßen wir auf eine erschreckende Leere. Dürrenmatt verweigert ihnen jede psychologische Tiefe – und genau das ist der geniale Schachzug. Was bleibt von einem Menschen übrig, wenn man ihm seine Männlichkeit, sein Augenlicht und seinen Namen raubt? Die Antwort des Stücks fällt radikal aus: fast nichts. Ihre Identität ist komplett ausgelöscht. Sie plappern in kurzen, kindlichen Sätzen und beenden oft die Worte des anderen.
Als sie sich im zweiten Akt den Güllenern vorstellen, erzählen sie völlig emotionslos von ihrer eigenen Folter. Claire habe sie aufgespürt und hübsch gemacht
. Diese groteske Verharmlosung jagt uns Schauer über den Rücken. Sie haben die Sprache ihrer Peinigerin völlig verinnerlicht. Das zeugt nicht von Dummheit, sondern von einer totalen psychologischen Brechung und Unterwerfung. Ihr eigener Wille existiert nicht mehr; sie sind zu leeren Hüllen verkommen, die nur noch den Hass ihrer Besitzerin widerspiegeln.
Gleichzeitig dürfen wir nie vergessen: Diese beiden waren Täter. Ihr Meineid hat Claires Leben damals zerstört und sie in die Prostitution getrieben. Dürrenmatt zwingt uns in einen massiven moralischen Zwiespalt. Können wir Mitleid mit Männern haben, die das Leben einer jungen Frau für einen Liter Schnaps ruiniert haben? Täter und Opfer verschmelzen hier zu einer untrennbaren Einheit. Diese innere Widersprüchlichkeit zeigt uns, dass sich Schuld und Sühne, Verbrechen und körperliche Qual niemals einfach gegeneinander aufrechnen lassen.
Entwicklung im Verlauf des Stücks
Eine charakterliche Entwicklung suchen wir bei den beiden Eunuchen vergebens. Sie sind völlig statisch. Während die Güllener Bürger langsam aber sicher ihre Moral an den Meistbietenden verkaufen und Alfred Ill einen schmerzhaften Weg von der Verdrängung zur echten Schuldeinsicht geht, bleiben Koby und Loby wie eingefroren. Ihre Geschichte ist bereits zu Ende erzählt, bevor der Vorhang überhaupt aufgeht. Sie stehen vor keiner moralischen Entscheidung mehr. Sie sind das lebende, atmende Endprodukt einer solchen Entscheidung. Ihre absolute Bewegungslosigkeit auf der Entwicklungsachse wirkt wie eine ständige, stumme Warnung an das Dorf: Seht her, das passiert, wenn Claires Maschinerie der Rache erst einmal ins Rollen kommt.
Beziehung zu Claire Zachanassian und zu Ill
Die Beziehung zu Claire ist von absoluter Hörigkeit geprägt. Sie sind ihr persönliches Eigentum, willenlose Werkzeuge in ihren Händen. Wenn Claire im dritten Akt ungerührt auf den Tod von Ill wartet, hocken die beiden wie treue Hunde zu ihren Füßen. Diese Szene ist eine visuelle Vorahnung. Sie zeigt uns überdeutlich, was Ill blüht. Claire besitzt die furchtbare Fähigkeit, Menschen in bloße Funktionen zu verwandeln. Sie entzieht ihnen jede Menschlichkeit. Ill soll zwar nicht geblendet werden, aber er muss sterben, damit Claires verdorbene Vorstellung von Gerechtigkeit siegt. Koby und Loby sind gewissermaßen das grausame Vorwort zu Ills eigenem Todesurteil.
Mit Ill selbst wechseln die beiden im Stück kaum ein Wort. Dennoch sind ihre Schicksale wie durch unsichtbare Fäden miteinander verknüpft. Ohne Ills feigen Verrat und ohne den gekauften Meineid von Jakob und Ludwig hätte es diese unbarmherzige Claire Zachanassian niemals gegeben. Die Schuld ist ein dichtes Netz, in dem sich alle verfangen haben.
Bedeutung für Themen und Aussage des Werkes
Dürrenmatt nannte sein Meisterwerk eine tragische Komödie
. Nirgendwo zeigt sich diese explosive Mischung schärfer als bei Koby und Loby. Ihre ständigen Wiederholungen, das kindische Geplapper und die albernen Namen wirken im ersten Moment unfreiwillig komisch. Wir lachen. Doch das Lachen bleibt uns sofort im Halse stecken, wenn wir begreifen, welch unvorstellbare Tragödie sich hinter diesen Witzfiguren verbirgt. Diese groteske Fallhöhe reißt das Publikum aus der Komfortzone und erzeugt ein tiefes Unbehagen.
Letztlich verkörpern die beiden Eunuchen die zentrale, bittere Wahrheit des Dramas: Kapitalismus und grenzenloser Reichtum korrumpieren alles. Nicht nur die Güllener, die das Geld gierig annehmen, sondern auch Claire, die es als Waffe einsetzt. Gerechtigkeit, Erinnerung, ja sogar der menschliche Körper – alles hat ein Preisschild. Koby und Loby sind keine abstrakten Symbole. Sie sind der fleischgewordene, blutige Beweis dafür, dass absolute Macht den Menschen restlos vernichtet.
