Verfall und Erneuerung einer Stadt
Nachkrieg Prosawerk Abitur Kapitel 15 / 29

Verfall und Erneuerung einer Stadt

Musteraufsatz · Friedrich Dürrenmatt
Sophie Hartmann
4 Min. Lesezeit · 13. September 2026

Güllen ist eine Stadt, die schon verloren hat, bevor das Stück beginnt. Dürrenmatt führt das Motiv des Verfalls nicht als dramatische Entwicklung ein, sondern als Zustand — als Ausgangslage, aus der heraus alles Weitere erst seine Bedeutung gewinnt. Die Einwohner warten auf Rettung, die Fabriken stehen still, die Häuser verfallen. Dass ausgerechnet eine Rückkehr aus der Vergangenheit diese Rettung bringen soll, ist kein dramaturgischer Zufall, sondern Programm: Dürrenmatt zeigt, dass Erneuerung und moralischer Verfall denselben Preis haben.

Güllen als Bild einer kranken Gesellschaft

Der Name der Stadt ist sprechend — „Gülle" bezeichnet Jauche, eine Mischung aus Fäkalien und Abwasser. Dürrenmatt benennt seinen Schauplatz so von Anfang an als Ort des Gestanks und der Fäulnis, bevor eine einzige Figur gesprochen hat. Die Bürger, die im ersten Akt am Bahnhof auf Klara Zachanassian warten, beschreiben ihre Lage selbst: Die Wagonsfabrik ist bankrott, die Platz-an-der-Sonne-Hütte geschlossen, Bockmanns Betrieb ebenso. In der Regieanweisung zu Beginn des ersten Akts heißt es, Güllen sei verkommen — ein Wort, das sowohl wirtschaftlichen als auch sittlichen Niedergang meint. Diese Doppeldeutigkeit ist absichtsvoll. Dürrenmatt legt das ökonomische Elend und die moralische Bereitschaft zur Kapitulation von Beginn an übereinander, damit die Zuschauer verstehen: Das eine bedingt das andere.

Die Milliarde als falsches Versprechen der Erneuerung

Klara Zachanassian — einst als Käthy aus Güllen verjagt, nachdem Alfred Ill den Vaterschaftsprozess durch gekaufte Zeugen zu seinen Gunsten entschied — kehrt als reichste Frau der Welt zurück und bietet der Stadt eine Milliarde an, unter einer Bedingung: die Gemeinschaft soll Ill töten. Der Bürgermeister lehnt im zweiten Akt zunächst kategorisch ab: Wir sind noch im alten Europa, wir sind noch keine Heiden (II. Akt). Das Zitat ist entscheidend, weil es die moralische Selbstverortung der Güllener in dem Moment benennt, in dem sie bereits dabei sind, diese Moral zu verraten. Denn gleichzeitig beginnen die Bürger auf Kredit zu kaufen — neue Schuhe, Pelzmäntel, teure Zigarren — in der stillschweigenden Gewissheit, dass die Milliarde kommen wird. Die scheinbare Ablehnung des Angebots ist keine echte Weigerung, sondern eine Aufschubgeste. Die Erneuerung der Stadt wird erkauft, bevor der Preis offiziell akzeptiert wurde.

Ills Schuld als Ursprung des Verfalls

Dürrenmatt verwebt das Stadtmotiv eng mit der Figur Alfred Ills, des Krämers, der Klara einst betrog. Ill ist nicht nur Opfer des Kollektivurteils — er ist auch sein Ursprung. Die moralische Verfaulmasse, auf der Güllen gebaut ist, enthält seine eigene Schuld als Sediment. Das macht die Erneuerungshoffnung der Stadt doppelt pervers: Die Gemeinschaft will einen Neuanfang auf dem Fundament einer Tat, die sie selbst durch Schweigen einst ermöglicht hat. Wenn Ill im dritten Akt erkennt, dass er sterben wird, und diese Erkenntnis mit einer seltsamen Würde annimmt — Ich hab Klara geliebt. Vor langer Zeit. Ich hab sie damals verraten. Mit sechzehneinhalb Jahren in einem Wald, als ich ein junges Bürschchen war und sie ein junges Mädchen. (III. Akt) — dann ist das keine Rechtfertigung des Urteils, sondern ein Eingeständnis, das die Gemeinschaft nicht entlastet. Dürrenmatt zeigt, dass individuelle Schuld und kollektive Moral sich gegenseitig bedingen: Güllen war schon immer der Ort, der Ills Verrat möglich gemacht hat.

Die „Erneuerung" als Demontage des Fortschrittsglaubens

Im dritten Akt wird Güllen tatsächlich erneuert. Die Häuser sind renoviert, die Bürger tragen neue Kleider, die Atmosphäre hat sich verändert. Diese Erneuerung vollzieht sich sichtbar und schnell — und genau das ist ihre Entlarvung. Dürrenmatt inszeniert den materiellen Aufschwung als unmittelbares Gegenbild zur moralischen Auflösung. Die Stadt glänzt in dem Moment, in dem ihre Bewohner einen Menschen zum Tod verurteilen. Der Chor der Güllener, der am Ende die neue Prosperität bejubelt, erinnert an den antiken Tragödienchor — mit dem Unterschied, dass er hier keine überzeitliche Weisheit verkündet, sondern kollektive Verdrängung. Dürrenmatt nutzt diese Struktur, um den Nachkriegswohlstand der westdeutschen Gesellschaft zu spiegeln: auch dort wuchs wirtschaftliche Erneuerung auf einem Boden, über den man lieber schwieg. Das Stück wurde 1956 uraufgeführt — mitten im deutschen Wirtschaftswunder. Die Parallele ist kein Zufall.

Das Motiv als Aussageträger

Verfall und Erneuerung sind in diesem Stück keine aufeinanderfolgenden Zustände, sondern ein einziger Vorgang. Güllens Aufschwung ist nicht das Ende des Verfalls — er ist seine vollendete Form. Dürrenmatt gestaltet das Thema so, weil er zeigen will, dass Gesellschaften nicht durch Wohlstand geheilt werden, wenn der Wohlstand durch moralische Kapitulation erkauft wird. Das Motiv der Stadt trägt damit die Gesamtaussage des Werkes: Humanität ist kein Zustand, den man sich leisten kann, wenn man arm genug ist — sie ist eine Entscheidung, die unter Druck getroffen werden muss. Güllen trifft sie nicht.

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