Schuld und Sühne
Nachkrieg Prosawerk Abitur Kapitel 12 / 29

Schuld und Sühne

Musteraufsatz · Friedrich Dürrenmatt
Sophie Hartmann
5 Min. Lesezeit · 13. September 2026

Friedrich Dürrenmatts Tragikomödie Der Besuch der alten Dame (1956) erzählt von einer einfachen Prämisse mit ungeheuerlichen Konsequenzen: Clara Zachanassian, einst aus der verarmten Kleinstadt Güllen vertrieben und verleumdet, kehrt als reichste Frau der Welt zurück — und bietet der Stadt eine Milliarde Franken für die Hinrichtung ihres ehemaligen Geliebten Alfred Ill. Was auf den ersten Blick wie privater Rachefeldzug wirkt, ist für Dürrenmatt das Seziermesser, mit dem er eine ganze Gesellschaft aufschneidet. Das Motiv von Schuld und Sühne ist dabei kein moralisches Ordnungsprinzip, das am Ende triumphiert — es ist die Falle, in die Güllen und mit ihm das Publikum tappt.

Die Schuld: Vergangenheit als Fundament

Das Stück führt Schuld nicht durch dramatische Enthüllung ein, sondern durch allmähliche Rekonstruktion. Ill hat die junge Clara einst vor Gericht verleugnet, bestochene Zeugen aufgestellt und sie so zur Prostituierten gemacht — ihre Tochter starb, Clara selbst wurde aus Güllen verjagt. Diese Vorgeschichte wird nicht gespielt, sondern erzählt, und genau das ist entscheidend: Die Schuld liegt in der Vergangenheit, sie ist fertig, unveränderlich. Dürrenmatt macht sie dadurch zu einem Faktum, das nicht wegdiskutiert werden kann. Als Clara ihre Forderung im ersten Akt stellt, reagiert der Bürgermeister empört: Wir leben nicht in der Wildnis, sondern in einem Rechtsstaat (Der Besuch der alten Dame, I. Akt). Der Satz klingt nach moralischer Standfestigkeit — und entlarvt sich im Laufe des Stücks selbst als hohle Formel, weil genau dieser Rechtsstaat käuflich ist.

Die Korrumpierung der Gemeinschaft

Die eigentliche Dynamik des Stücks besteht nicht in Ills Schuld, sondern in der Schuld, die Güllen auf sich lädt. Die Güllener lehnen Claras Angebot zunächst ab — aber sie beginnen sofort, auf Kredit zu kaufen. Neue Schuhe, neue Kleider, Luxusgüter: Die Stadt konsumiert ihre zukünftige Mitschuld, noch bevor der Beschluss gefallen ist. Dürrenmatt zeigt diesen Prozess mit fast klinischer Präzision. Als Ill bemerkt, dass alle um ihn herum neue gelbe Schuhe tragen, wird ihm klar, dass sein Urteil bereits gesprochen ist — nicht durch ein Gericht, sondern durch die kollektive Entscheidung, Wohlstand über Menschenleben zu stellen. Die Szene ist kein Zufall: Sie macht deutlich, dass Schuld in Güllen nicht individuell, sondern systemisch entsteht. Nicht ein Mörder handelt, sondern eine Gemeinde.

Ill selbst durchläuft dabei eine bemerkenswerte Entwicklung. Zunächst flieht er, sucht Hilfe beim Bürgermeister, beim Pfarrer, bei der Polizei — überall stößt er auf neue gelbe Schuhe und ausweichende Blicke. Im zweiten Akt gibt es eine der zentralen Stellen des Stücks: Ill versucht, mit dem Zug aus Güllen zu entkommen, doch er schafft es nicht, einzusteigen — nicht weil man ihn aufhält, sondern weil er selbst bleibt. Ich bin verloren, sagt er (Der Besuch der alten Dame, II. Akt). Diese Kapitulation ist keine Schwäche, sondern der Beginn eines Läuterungsprozesses, den Dürrenmatt mit äußerstem Zynismus inszeniert: Ill akzeptiert seine Schuld — und wird dafür umgebracht.

Sühne ohne Gerechtigkeit

Der dritte Akt führt diesen Gedanken zu Ende. Die Güllener stimmen in einer Versammlung für Ills Tod — offiziell als Gerichtsurteil der Menschlichkeit (Der Besuch der alten Dame, III. Akt). Die Formulierung ist symptomatisch: Mord wird in die Sprache von Gerechtigkeit gekleidet. Ill wird nicht hingerichtet, weil er schuldig ist, sondern weil Güllen das Geld braucht. Die Sühne, die Clara fordert, ist keine moralische Wiedergutmachung — sie ist Rache, verkleidet als Prinzip. Dürrenmatt lässt keinen Zweifel daran: Die Welt machte mich zu einer Hure, nun mache ich sie zu einem Bordell, sagt Clara (Der Besuch der alten Dame, I. Akt). Sie ist nicht Richterin, sie ist Käuferin. Und Güllen verkauft sich.

Was das Stück damit über Schuld und Sühne aussagt, ist radikal: Sühne als moralische Kategorie existiert in dieser Welt nicht. Ill trägt tatsächlich Schuld — das ist unbestritten. Aber seine Hinrichtung tilgt nichts, korrigiert nichts, stellt keine Gerechtigkeit her. Sie bereichert eine Stadt und befriedigt eine Frau. Dürrenmatt schreibt kein Moralstück, das Schuldige bestraft und Tugend belohnt — er schreibt ein Stück über die Bedingungen, unter denen Gesellschaften bereit sind, Moral als Verkleidung für Eigeninteresse zu nutzen. Die Verbindung zum Nachkriegskontext liegt auf der Hand: In einer Epoche, in der Entnazifizierung und Kollektivschuld verhandelt wurden, stellt Dürrenmatt die unbequeme Frage, ob gesellschaftliche Sühne jemals mehr ist als eine inszenierte Geste.

Ills Schuld und ihre Funktion im Gesamtgefüge

Entscheidend für das Verständnis des Motivs ist, dass Ills individuelle Schuld real und unbestreitbar ist — Dürrenmatt gibt Clara keine schwache Grundlage. Ill hat ein junges Mädchen zerstört. Diese Schuld ist das moralische Kapital, das Clara einsetzt, und genau deshalb funktioniert ihre Forderung: Sie hat formal Recht. Das Stück destabilisiert nicht die Tatsache der Schuld, sondern die Institution der Sühne. Es zeigt, dass eine Gesellschaft, die bereit ist, für Geld zu töten, kein Recht hat, sich auf Gerechtigkeit zu berufen. Schuld und Sühne werden damit vom persönlichen ins gesellschaftliche Register verschoben — und dort als Herrschaftsinstrument entlarvt.

Wissenstest
Teste dein Wissen zu Der Besuch der alten Dame
Multiple-Choice · automatisch ausgewertet
Test starten →