Der Besuch der alten Dame — Inhaltsangabe
Das Drama wird als auktoriale Bühnenhandlung in drei Akten präsentiert und spielt in der Gegenwart der 1950er-Jahre in der heruntergekommenen Kleinstadt Güllen, irgendwo in Mitteleuropa. Dürrenmatt nennt sein Stück selbst eine tragische Komödie, und genau dieser Doppelcharakter prägt den Ton: grotesk, ironisch und entlarvend, oft komisch, doch immer mit bitterem Unterton. Die Figuren sprechen häufig wie ein antiker Chor und kommentieren ihr eigenes Handeln; das Geschehen entwickelt sich vom scheinbar harmlosen Empfang einer reichen Heimkehrerin zur kollektiven Mordhandlung. Die Bühnenbilder sind bewusst stilisiert und tragen zur grotesken Wirkung bei.
Erster Akt
Die Handlung beginnt am verwahrlosten Bahnhof von Güllen. Die Stadt ist heruntergekommen, die Fabriken stehen still, die Bürger sind verarmt. Am Bahnhof warten der Bürgermeister, der Lehrer, der Pfarrer, der Polizist und Alfred Ill, der angesehenste Krämer der Stadt, auf die Ankunft der Milliardärin Claire Zachanassian. Sie ist in Güllen geboren und aufgewachsen und soll, so die Hoffnung der Bürger, ihre Heimatstadt mit einer großzügigen Spende vor dem wirtschaftlichen Untergang retten. Ill, der einst ein Liebesverhältnis mit ihr hatte, wird vom Bürgermeister auserkoren, sie weich zu stimmen, denn er gilt als ihr ehemaliger Geliebter und mutmaßlicher Nachfolger im Bürgermeisteramt.
Die Stimmung ist angespannt erwartungsvoll. Die Bürger üben Reden, der Lehrer lässt einen gemischten Chor proben, ein billiges Festkomitee wird zusammengetrommelt. Doch dann bremst Claire den Schnellzug eigenmächtig durch Ziehen der Notbremse, was sofort ihren rücksichtslosen Charakter offenbart. Sie steigt aus, eine alte Dame mit Prothesen aus Elfenbein und einer kuriosen Entourage: ihrem siebten oder achten Ehemann, zwei kaugummikauenden, blinden Eunuchen namens Koby und Loby, einem Butler, zwei muskulösen Trägern, die einen schwarzen Sarg mit sich führen, und einem Panther im Käfig. Schon dieser Auftritt wirkt befremdlich und kündigt Unheil an.
Ill begrüßt Claire mit überschwänglichen Vertraulichkeiten, nennt sie zärtlich Klärchen und versucht, an gemeinsame Erinnerungen anzuknüpfen, etwa an den Konradsweilerwald und die Petersche Scheune, wo sie sich einst geliebt haben. Claire spielt das Spiel mit, ihre Erwiderungen sind jedoch von eisiger Ironie. Beim feierlichen Empfang im Hotel Zum Goldenen Apostel hält der Bürgermeister eine peinlich schmeichelnde Rede über Claires angebliche Tugenden in der Schulzeit, die sie sofort als unzutreffend entlarvt. Anschließend kündigt sie an, der Stadt Güllen eine Milliarde zu schenken: fünfhundert Millionen für die Stadt, fünfhundert Millionen verteilt auf die Familien. Die Bürger jubeln.
Doch Claire knüpft eine Bedingung an ihre Spende: Sie verlangt Gerechtigkeit, und zwar Gerechtigkeit für eine Million. Ihr Butler, der sich als der ehemalige Oberrichter Hofer von Güllen zu erkennen gibt, eröffnet eine Verhandlung über einen alten Vaterschaftsprozess. Vor fünfundvierzig Jahren hatte Claire, damals Klara Wäscher, ein Kind von Alfred Ill erwartet. Ill jedoch leugnete die Vaterschaft vor Gericht und bestach zwei junge Männer, Koby und Loby, falsch zu schwören, sie hätten ebenfalls mit ihr geschlafen. Klara verlor den Prozess, das Kind starb früh, sie selbst geriet ins Bordell und wurde später durch Heirat mit dem armenischen Ölmilliardär Zachanassian unermesslich reich. Über die Jahre hat sie die beiden Meineidigen aufgespürt, hat sie kastrieren und blenden lassen und führt sie nun als ihre Diener mit sich. Der Sarg, den ihre Träger mitbringen, ist für Ill bestimmt. Claire fordert nichts weniger als seinen Tod als Gegenleistung für die Milliarde.
Der Bürgermeister weist das Angebot im Namen der Menschlichkeit empört zurück und erklärt, dass Güllen lieber arm bleibe als blutbefleckt reich werde. Claire antwortet trocken, sie könne warten. Damit endet der erste Akt mit einem scheinbaren moralischen Sieg, doch der Zuschauer ahnt bereits, dass die Stadt der Versuchung nicht lange standhalten wird.
Zweiter Akt
Der zweite Akt zeigt das langsame, aber unaufhaltsame Kippen der öffentlichen Stimmung. Vor Ills Laden spielt sich der Alltag ab, doch etwas hat sich verändert. Die Kundschaft kauft auf Pump, und zwar teurere Waren als zuvor: bessere Milch, Butter, Weißbrot, Zigaretten, Schokolade. Selbst der Polizist trinkt plötzlich besseres Bier, und der Bürgermeister raucht teure Zigarren. Alle erwerben neue gelbe Schuhe. Ill bemerkt diesen schleichenden Wohlstand mit wachsendem Entsetzen, denn er begreift, dass die Bürger sich auf Kredit verschulden in der stillschweigenden Erwartung, dass sein Tod die Schulden begleichen werde.
Im Hintergrund sitzt Claire auf dem Balkon des Hotels, raucht, lässt sich in einer Sänfte herumtragen, heiratet ihren neunten Mann, einen Filmschauspieler namens Hoby, und plant bereits die Scheidung. Sie wartet geduldig wie eine Spinne in ihrem Netz. Die Bürger meiden Ill nicht offen, doch ihr Verhalten wird zunehmend bedrohlich. Ill versucht, Hilfe zu finden. Er geht zum Polizisten und verlangt die Verhaftung Claires wegen Anstiftung zum Mord. Der Polizist, der einen neuen Goldzahn im Mund hat und ebenfalls bessere Schuhe trägt, wiegelt ab und behauptet, niemand denke ernsthaft daran, das Angebot anzunehmen.
Ill sucht den Bürgermeister auf, der inzwischen in seinem Büro eine neue Schreibmaschine und Pläne für ein neues Stadthaus ausgebreitet hat. Auch er beruhigt Ill mit hohlen Phrasen und weist die Anschuldigung zurück, deutet aber zugleich an, Ill habe ein moralisches Problem mit sich selbst, schließlich habe er einst das Mädchen unrecht behandelt. Ill begreift, dass die Stadt ihn längst zum Tode verurteilt hat, ohne es offen auszusprechen. Verzweifelt geht er zum Pfarrer, der zunächst tröstende Worte findet, doch als die neue Kirchenglocke zu läuten beginnt, wird klar, dass auch die Kirche bereits am kommenden Wohlstand teilhat. Der Pfarrer rät Ill schließlich panisch zur Flucht, denn auch er könne der Versuchung nicht ewig widerstehen.
Ill versucht tatsächlich zu fliehen. Am Bahnhof versammelt sich jedoch fast die ganze Stadt, scheinbar aus freundschaftlichem Abschiedsgefühl, in Wahrheit jedoch, um ihn an der Flucht zu hindern. Die Bürger umringen ihn, niemand stößt ihn, niemand hält ihn fest, und doch fühlt sich Ill wie in einem unsichtbaren Käfig gefangen. Als der Zug einfährt, traut er sich nicht einzusteigen, weil er fürchtet, in dem Moment, in dem er den ersten Schritt tut, von der Menge gepackt zu werden. Schließlich fährt der Zug ohne ihn ab. Ill bricht zusammen und ruft, er sei verloren. Damit endet der zweite Akt: Ill hat seine Lage erkannt und akzeptiert, dass es kein Entrinnen gibt.
Dritter Akt
Der dritte Akt zeigt die Vollendung des Mordes als ritualisierten, scheinbar legalen Akt. Zu Beginn sitzt Claire in der Petersche Scheune, jenem Ort ihrer Jugendliebe, und empfängt nacheinander den Arzt und den Lehrer, die sie verzweifelt um Rücknahme ihres Angebots bitten. Sie erklären, eine Großindustrie wolle in Güllen investieren. Claire zerstört diese Hoffnung mit einem trockenen Satz: Sie selbst besitze diese Industrie längst, ebenso wie sämtliche Betriebe der Stadt. Sie hat Güllens wirtschaftlichen Ruin systematisch herbeigeführt, um die Stadt in den Zustand zu versetzen, in dem sie nun ihr Angebot annehmen muss. Die Gerechtigkeit, die sie kaufen will, ist von langer Hand vorbereitet.
Ill hat sich inzwischen in seinem Laden verbarrikadiert. Sein Sohn fährt einen neuen Wagen, seine Tochter nimmt Tennisstunden und lernt Französisch, seine Frau trägt einen Pelzmantel. Die Familie redet sich ein, das Leben gehe seinen normalen Gang, doch Ill sieht klar. Der Lehrer, betrunken, kommt zu ihm und bekennt, dass er die Wahrheit aussprechen werde, dass er die Stadt warnen werde vor der Versuchung. Doch Ill weist ihn ruhig ab und erklärt, er habe seine Schuld angenommen. Er habe Klara einst Unrecht getan, und nun trage er die Folgen. Diese Wandlung Ills vom verängstigten Krämer zum tragischen Helden, der seine eigene Schuld erkennt, ist der innere Höhepunkt des Stücks.
Ill macht mit seinem Sohn eine letzte Autofahrt durch den Konradsweilerwald, jenen Ort, an dem er einst Klara geliebt hat. Dort begegnet er Claire ein letztes Mal. Die beiden sprechen wie in einem Traum über ihre Vergangenheit, über das tote Kind, über die vergangene Liebe. Claire eröffnet ihm, dass sie ihn nach seinem Tod in einem Mausoleum auf Capri beisetzen lassen werde, wo sie ihn auf ewig bei sich haben will. Diese Szene zeigt, dass Claires Rache zugleich eine perverse Form von Liebe ist: Sie will Ill zurück, doch nur als Toten, als Besitz.
Schließlich findet die Gemeindeversammlung in der Turnhalle statt, sorgfältig inszeniert wie ein demokratisches Ritual, im Beisein von Pressevertretern und Filmkameras. Der Bürgermeister stellt den Antrag auf Annahme der Stiftung Claire Zachanassians, doch er formuliert ihn so, dass von Ills Tötung keine Rede ist. Stattdessen sprechen alle in pathetischen Worten von Gerechtigkeit, von einer Stunde der Wahrheit, von einem Bekenntnis zu höheren Werten. Der Lehrer, der ursprünglich die Wahrheit aussprechen wollte, hält eine Rede, die zwar die Schuld Ills benennt, das Geschehen jedoch zugleich als Akt der Gerechtigkeit verklärt. Die Stadt stimmt einstimmig zu. Ill wird gefragt, ob er die Entscheidung anerkenne, und er sagt mit ruhiger Stimme zu.
Die Pressevertreter werden hinausgebeten, dann schließt sich der Kreis der Männer um Ill. Die Lichter werden ausgemacht. Der Turnlehrer würgt ihn, die anderen helfen oder sehen zu. Als das Licht wieder angeht, liegt Ill tot am Boden. Der Arzt stellt den Tod fest und nennt als Ursache einen Herzschlag aus Freude. Die Presse stürmt zurück, der Mord wird offiziell als natürlicher Tod beschönigt. Claire tritt heran, betrachtet die Leiche und übergibt dem Bürgermeister einen Scheck über die versprochene Milliarde. Ihre Träger legen Ill in den mitgebrachten Sarg.
Das Stück endet mit einem chorischen Schlussbild, in dem die nun wohlhabenden Güllener in festlicher Kleidung ihren neuen Reichtum besingen. Die Sprache erinnert an einen antiken Chor und parodiert zugleich die Schlusschöre klassischer Tragödien. Während die Bürger den Wohlstand und die Gerechtigkeit preisen, verlässt Claire mit dem Sarg den Bahnhof, um Ill nach Capri zu überführen. Die Verwandlung Güllens vom verarmten Nest zur reichen Stadt ist vollzogen, und der Preis, den sie dafür gezahlt hat, ist ihre moralische Integrität.
