Literarische Erörterung: Ist Alfred Ill ein Opfer oder ein Täter? Schuld und Verantwortung in Der Besuch der alten Dame
Einleitung
Eine Milliarde für eine Leiche. Mit diesem monströsen Angebot bricht die Milliardärin Claire Zachanassian in die verstaubte Idylle ihres Heimatkaffs Güllen ein. Ihr Motiv? Nackte Rache. Rache an Alfred Ill, der sie einst schwängerte, vor Gericht eiskalt verleugnete und so in die Prostitution trieb. Friedrich Dürrenmatts tragische Komödie Der Besuch der alten Dame (1956) seziert am Beispiel dieses unscheinbaren Krämers eine der drängendsten Fragen der Nachkriegszeit: Wie verhält sich die Schuld des Einzelnen zur kollektiven Verantwortung einer käuflichen Gesellschaft? Alfred Ill steht im Zentrum dieses moralischen Versuchslabors. Ist er der skrupellose Täter, der das Leben einer jungen Frau zerstörte? Oder wird er zum Opfer einer gierigen Meute? Die Antwort entzieht sich einem simplen Schwarz-Weiß-Denken. Ill betritt die Bühne zweifellos als Täter. Doch durch seine innere Wandlung im dritten Akt avanciert er zum tragischen Opfer einer Stadtgemeinschaft, die ihre eigene moralische Verwahrlosung auf ihn projiziert. Genau diese Ambivalenz verleiht dem Stück seine zeitlose Wucht.
Hauptteil
Machen wir uns nichts vor: Ills Ausgangsposition ist die des Täters. Was er der jungen Klara Wäscher vor 45 Jahren antat, war kein harmloser Fehltritt. Es war ein existenzieller Verrat. Er leugnete die Vaterschaft und bestach die Zeugen Koby und Loby mit einem läppischen Liter Schnaps, um einen Meineid zu erzwingen. Claire reißt diese Wunden im ersten Akt gnadenlos auf. Ill wehrt sich nicht einmal. Er hatte Klara damals verstoßen, weil die Heirat mit der Krämerstochter Mathilde Blumhard schlichtweg lukrativer war. Bequemlichkeit siegte über Anstand. Jahrzehntelang hat Ill diese Schuld verdrängt und sich in seiner bürgerlichen Scheinwelt eingerichtet. Reue? Fehlanzeige. Erst Claires Rückkehr zwingt ihn, in den Spiegel zu schauen. Ill verkörpert hier meisterhaft jene Generation, die nach dem Zweiten Weltkrieg ihre braune Vergangenheit unter dem dicken Teppich des Wirtschaftswunders verschwinden ließ.
Auch im weiteren Verlauf fliegen Ill die Sympathien nicht gerade zu. Er verharmlost, er weicht aus. Als der Bürgermeister das blutige Angebot medienwirksam ablehnt, wähnt sich der Krämer in Sicherheit. Doch dann beginnt das schleichende Gift des Geldes zu wirken. Die Güllener kaufen plötzlich auf Pump. Neue gelbe Schuhe, teurerer Tabak, Vollmilch statt Magerstufe. Ill steht in seinem Laden und begreift die tödliche Mechanik dieser Konsumwut erst viel zu spät. Jeder neue Kredit ist ein Sargnagel für ihn. In diesen Momenten ist er kein Held, sondern ein erschreckend gewöhnlicher Kleinbürger, dessen Horizont exakt an der eigenen Ladentür endet.
Wer Ill jedoch auf diese Täterrolle reduziert, verkennt Dürrenmatts dramaturgischen Geniestreich. Im dritten Akt vollzieht sich eine Metamorphose. Ill begreift, dass die Stadt sein Todesurteil längst unterschrieben hat – nicht auf dem Papier, aber in den Köpfen. Und hier passiert das Unerwartete: Er nimmt seine Schuld an. Der Lehrer will ihn zur Flucht überreden oder zum öffentlichen Aufschrei anstiften. Ill weigert sich. Er erkennt glasklar, dass er selbst den ersten Stein geworfen hat. Diese radikale Selbsterkenntnis katapultiert ihn aus der Banalität. Wer die volle Verantwortung für sein Handeln übernimmt, ist nicht länger nur Täter. Er wird zum moralischen Subjekt. Während ganz Güllen die eigene Gier in hohle humanistische Phrasen verpackt, ist Ill der Einzige, der die nackte Wahrheit erträgt.
Die eigentliche Verantwortung für Ills Tod trägt am Ende nicht er selbst, sondern die Gemeinschaft. Claire Zachanassian kauft die Güllener nicht im klassischen Sinne – sie legt lediglich frei, was ohnehin in ihnen schlummert. „Die Welt machte mich zu einer Hure, nun mache ich sie zu einem Bordell.“ Dieser Satz ist das dunkle Herz des Stücks. Bürgermeister, Pfarrer, Polizist und Arzt wissen genau, dass sie einen Mord vorbereiten. Doch sie tarnen ihre Gier mit dem Vokabular der Gerechtigkeit. Die Schlussszene treibt diese Heuchelei auf die Spitze. Die Männer bilden eine Gasse, Ill wird in einer fast rituellen Hinrichtung erstickt. Der Arzt diagnostiziert zynisch einen „Herzschlag aus Freude“. Diese perverse sprachliche Verschleierung eines Auftragsmordes macht Ill endgültig zum Opfer.
Hat er seine Strafe nicht trotzdem verdient? Nein. Die Diskrepanz zwischen Tat und Sühne ist grotesk. Ills Vergehen war moralisch verwerflich und feige, aber es war kein Mord. Die Todesstrafe für einen verjährten Meineid ist keine Gerechtigkeit. Es ist pure, archaische Rache. Claire macht daraus auch gar kein Geheimnis. Sie will Vergeltung, und sie zahlt dafür einen Preis, der jede Verhältnismäßigkeit sprengt. Die Güllener hingegen morden nicht aus verletzter Liebe oder Rache. Sie verkaufen ein Menschenleben für Konsumgüter. Ill handelte einst aus jugendlicher Feigheit; die Stadt mordet mit eiskalter Berechnung unter dem Deckmantel der Moral.
Ein Blick auf Ills Familie zementiert seinen Opferstatus. Frau und Kinder rücken emotional von ihm ab, noch bevor er seinen letzten Atemzug tut. Ein neuer Pelzmantel, ein schickes Auto, Kinobesuche – der Verrat findet im Alltag statt. Ill registriert diese Kälte, ohne zu rebellieren. Die gemeinsame Autofahrt durch den Konradsweilerwald, den Ort seiner einstigen Liebe zu Claire, offenbart seine absolute Isolation. Er ist ein Ausgestoßener im eigenen Leben. Diese existenzielle Verlassenheit erinnert an Hiob, auch wenn Dürrenmatt uns jeden tröstenden religiösen Ausweg verweigert.
Wird Ill dadurch zum strahlenden Heiligen? Keineswegs. Dürrenmatt zeichnet keine makellosen Helden. Ill bleibt bis zum Schluss ein einfacher Krämer. Er sucht das Martyrium nicht, er wird hineingestoßen. Doch er wächst an seiner Schuld. Und genau das unterscheidet ihn von seinen Mitbürgern. Während Ill moralische Größe beweist, versinkt der Rest der Stadt im moralischen Morast.
Schluss
Alfred Ill ist beides: Täter und Opfer. Doch die Gewichtung verschiebt sich radikal. Er startet als Täter, der von den Schatten seiner Jugend eingeholt wird. Er stirbt als Opfer einer Gesellschaft, die für ein bisschen Wohlstand über Leichen geht und dies als Akt der höheren Gerechtigkeit feiert. Ills ursprüngliche Schuld wird durch seine aufrichtige Reue transformiert. Die Schuld der Güllener hingegen wuchert durch ihre kollektive Verdrängung ins Unermessliche. Wer in Ill nur den Täter sieht, tappt in Dürrenmatts Falle. Das Stück fragt nicht primär, was Ill damals getan hat. Es fragt, was eine Gesellschaft zu tun bereit ist, wenn der Preis stimmt. Die Schuldfrage wandert von Ill auf Güllen – und von der Bühne direkt ins Publikum. Hätten wir anders gehandelt? Die wahren Täter sitzen am Ende beim Festessen. Und wir sitzen vielleicht mit am Tisch.
