Würde und Selbsttäuschung
Nachkrieg Prosawerk Abitur Kapitel 16 / 29

Würde und Selbsttäuschung

Musteraufsatz · Friedrich Dürrenmatt
Sophie Hartmann
4 Min. Lesezeit · 14. September 2026

Friedrich Dürrenmatts Tragikomödie Der Besuch der alten Dame (1956) erzählt von einem Handel, der wie eine Naturkatastrophe wirkt: Die steinreiche Clara Zachanassian kehrt in ihre verarmte Heimatstadt Güllen zurück und bietet eine Milliarde — die Hälfte sofort, die andere nach dem Tod von Alfred Ill, ihrem früheren Liebhaber, der sie einst verleugnet und ins Elend getrieben hat. Die Güllener lehnen das Angebot zunächst empört ab. Am Ende töten sie Ill. Was zwischen diesen beiden Punkten liegt, ist kein Sturz in die Korruption, sondern eine penibel inszenierte Selbsttäuschung: Die Güllener kaufen sich nicht, sie richten — und das ist der eigentliche Skandal, den Dürrenmatt vorführt.

Die Würde als Schutzbehauptung

Das Thema wird früh eingeführt, und zwar in der Sprache des Bürgermeisters. Als Zachanassian ihr Angebot macht, antwortet er: Güllen ist arm, aber es ist eine menschliche Gemeinschaft. Wir nehmen keinen Mord an, und kein Angebot der Welt bringt uns dazu. (Der Besuch der alten Dame, I. Akt). Diese Replik klingt nach moralischer Haltung — sie ist aber bereits Pose. Dürrenmatt lässt den Bürgermeister mit Würde sprechen, während die Güllener im selben Moment beginnen, auf Pump zu kaufen: neue Schuhe, Tabak, teure Kleider. Die Beteuerung der Unbestechlichkeit und das Verhalten widersprechen einander vom ersten Akt an. Diese Szene ist kein Zufall — sie macht deutlich, dass die Selbsttäuschung nicht nachträglich einsetzt, sondern von Beginn an das Fundament der Güllener Reaktion bildet.

Entscheidend ist dabei, dass Dürrenmatt den Güllener nie als Heuchler im bewussten Sinne zeigt. Sie glauben sich selbst. Das ist die präzisere und dunklere Diagnose: Selbsttäuschung meint hier nicht Lüge nach außen, sondern die Unfähigkeit, das eigene Verhalten als das zu erkennen, was es ist.

Ills Wandel als Spiegel der kollektiven Verblendung

Alfred Ill durchläuft im Verlauf des Stücks eine gegensätzliche Bewegung: Während die Güllener sich zunehmend in ihre Sprache flüchten, gewinnt er allmählich Klarheit über sich selbst. Er war es, der Clara einst verleugnet und Meineidige bestochen hat — ein Unrecht, das er lange verdrängte. Im dritten Akt, als die Entscheidung fällt, spricht Ill nicht mehr von Gerechtigkeit oder Würde, sondern erkennt schlicht an, was geschehen ist. Dürrenmatt stellt die wachsende Redlichkeit Ills der wachsenden Selbststilisierung der Gemeinschaft gegenüber: Je mehr die Güllener reden, desto weniger sagen sie; je weniger Ill redet, desto klarer wird er.

Diese Umkehrung ist strukturell angelegt. Der Bürgermeister erklärt im dritten Akt, die Gemeinde handle nicht aus materiellem Interesse, sondern aus dem Bedürfnis nach Gerechtigkeit: Nicht um des Geldes willen — das muß ich betonen — sondern um der Gerechtigkeit willen und aus Gewissensgründen. (Der Besuch der alten Dame, III. Akt). Diese Formulierung ist das Herzstück des Themas. Der Bürgermeister spricht in einer Sprache, die Moral vorspiegelt, während sie Mord legitimiert. Das Wort Gewissen erscheint hier als Deckmantel, nicht als Instanz — und Dürrenmatt setzt es genau an den Punkt, wo die Gemeinschaft den Mord beschließt. Die Sprache der Würde ist nicht Nebenmotiv, sie ist das Instrument, mit dem das Verbrechen vollzogen wird.

Zachanassian als Kontrastfigur

Clara Zachanassian täuscht sich nicht. Sie gibt offen zu, was sie will: Rache. Ihre Kälte, ihre Prothesen, ihre zur Legende erstarrte Biografie — all das zeigt eine Frau, die sich keine Illusionen mehr leistet, weil ihr das Leben sie genommen hat. Sie ist keine Sympathiefigur, aber sie ist die einzige Figur, die konsequent ohne Selbsttäuschung agiert. Diese Konstruktion ist Absicht: Indem Dürrenmatt die moralisch Fragwürdigste als die Ehrlichste anlegt, kehrt er die Verhältnisse um. Die Güllener, die sich für anständig halten, erscheinen am Ende korrupter als die Frau, die sie korrumpiert hat.

Zachanassian sagt zu Ill, sie habe die Welt zu einem Bordell gemacht, weil Ill sie einst dazu gezwungen habe. Dürrenmatt paraphrasiert damit eine bürgerliche Gesellschaft, die ihre eigene Käuflichkeit auf andere projiziert — auf die Fremde, auf die Sonderliche, auf die mit dem Geld. Zachanassian ist das, was Güllen sich nie eingestehen will: ein Spiegel.

Was das Motiv über das Werk hinausweist

Dürrenmatt schrieb das Stück in der Nachkriegszeit, in einer Gesellschaft, die kollektive Schuld mit kollektivem Schweigen oder kollektiver Umformulierung bewältigte. Das macht die Parabel über Güllen lesbar als Diagnose eines gesamtgesellschaftlichen Musters: Würde wird zur Rhetorik, sobald Interessen auf dem Spiel stehen — und Selbsttäuschung ist der Mechanismus, der es erlaubt, beides gleichzeitig zu haben. Dürrenmatt gestaltet das nicht als Anklage gegen böse Menschen, sondern als Analyse einer Struktur. Die Güllener sind keine Monster; sie sind durchschnittlich. Das ist, was das Stück so unbequem macht.

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