Käuflichkeit und Korruption
Friedrich Dürrenmatts Tragikomödie Der Besuch der alten Dame (1956) handelt auf den ersten Blick von Rache: Die steinreiche Clara Zachanassian kehrt in ihre verarmte Heimatstadt Güllen zurück und bietet der Gemeinde eine Milliarde — eine Hälfte der Stadt, eine der Familie — wenn die Güllener ihren ehemaligen Geliebten Alfred Ill töten, der sie einst vor Gericht verleugnet und damit in die Prostitution getrieben hatte. Doch die eigentliche Handlung des Stücks ist keine Rachegeschichte: Es ist die Geschichte, wie sich eine Gemeinschaft kaufen lässt. Käuflichkeit und Korruption sind bei Dürrenmatt kein Nebenthema — sie sind der Motor, der das gesamte Geschehen antreibt, und das Instrument, mit dem er eine bürgerliche Gesellschaft seziert.
Die Einführung des Themas: Schulden und Versuchung
Güllen ist zu Beginn des Stücks ruiniert: Die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Stadt verschuldet, die Infrastruktur verfallen. Diese materielle Not ist kein zufälliger Hintergrund, sondern die dramaturgische Voraussetzung für alles, was folgt. Ohne die Armut der Güllener gäbe es keine Versuchung — und ohne Versuchung kein Angebot, das Clara Zachanassian überhaupt machen müsste. Dürrenmatt enthüllt später, dass Zachanassian den wirtschaftlichen Niedergang Güllens selbst herbeigeführt hat, indem sie alle Betriebe der Stadt aufkaufte und stilllegte. Der Boden für die Korruption war also schon bereitet, bevor das Angebot ausgesprochen wird. Das Stück beginnt nicht mit der Frage, ob die Güllener Ill töten werden, sondern zeigt von Anfang an eine Gesellschaft, die sich bereits in einem Zustand vorbereiteter Käuflichkeit befindet.
Der Bürgermeister lehnt Claras Angebot zunächst mit demonstrativer Empörung ab: Im Namen der Stadt Güllen weise ich das Angebot zurück. Im Namen der Menschlichkeit. Lieber bleiben wir arm denn blutbefleckt.
(Der Besuch der alten Dame, I. Akt) Dieser Satz klingt nach moralischer Standfestigkeit — aber er ist das Gegenteil davon. Denn was folgt, macht seinen wahren Charakter deutlich: Die Güllener beschließen nur wenige Szenen später, auf Kredit zu kaufen. Neue Schuhe, neue Kleidung, neue Konsumgüter — auf die Zukunft hin, auf ein Geld, das sie noch nicht haben, aber zu bekommen hoffen. Der Bürgermeister hat nicht Nein gesagt zum Mord, er hat nur Nein gesagt zum Eingeständnis, dass sie den Mord bereits in Betracht ziehen. Die Lüge steckt nicht im Angebot, sondern in der Ablehnung.
Käuflichkeit als Prozess: Das schleichende Ja
Dürrenmatt gestaltet die moralische Kapitulation der Güllener als graduellen Prozess — und darin liegt die eigentliche dramaturgische Schärfe des Stücks. Es gibt keinen Moment, in dem die Stadt offen und bewusst beschließt, Ill zu töten. Stattdessen vollzieht sich die Entscheidung in kleinen, fast unsichtbaren Schritten: Ein gelbes Paar Schuhe hier, ein neues Hemd dort. Ill beobachtet diese Veränderungen mit wachsender Panik. Als er im zweiten Akt in Käsers Laden steht und bemerkt, dass alle Anwesenden — der Wirt, der Arzt, der Polizist — neue, goldgelbe Schuhe tragen, versteht er, was diese Zeichen bedeuten. Ihr verschuldet euch. Ihr verschuldet euch bei ihr.
(Der Besuch der alten Dame, II. Akt) Ill nennt das aus, was alle anderen beschweigen: Die materiellen Zugeständnisse sind keine harmlosen Anschaffungen, sondern die stumme Zustimmung zu Claras Bedingungen.
Diese Szene ist kein Zufall — sie macht deutlich, dass Korruption bei Dürrenmatt nicht als einmaliger Akt funktioniert, sondern als akkumulierter Prozess kleiner Kompromisse. Niemand sagt: Ich töte Ill für Geld. Alle sagen: Ich kaufe jetzt auf Kredit, weil ich der Zukunft vertraue. Der moralische Verfall tarnt sich als ökonomische Vernunft.
Die Institutionen versagen: Polizei, Justiz, Kirche
Was Dürrenmatt besonders konsequent durchführt, ist die Darstellung der gesellschaftlichen Instanzen, die eigentlich Schutz bieten sollten. Ill wendet sich nacheinander an den Polizisten, den Bürgermeister und den Pfarrer — und findet bei allen dieselbe Haltung: Ausweichen, Beschwichtigen, Verweisen. Der Polizist, der neue gelbe Schuhe trägt, beruhigt Ill mit dem Hinweis, es gebe noch keine strafbare Handlung. Der Bürgermeister schlägt Ill vor, die Stadt zu verlassen. Der Pfarrer, der Ill zunächst zur Flucht zu raten scheint, zieht seine Empfehlung zurück. Keiner dieser Männer ist ein Schurke im klassischen Sinne — sie sind Bürger in einem System, das sie bereits korrumpiert hat, ohne dass sie es gemerkt haben wollen.
Hier trifft sich das Motiv der Käuflichkeit mit dem der Kollektivschuld. Dürrenmatt interessiert sich nicht für den einzelnen Täter, sondern für die Mechanismen, durch die eine ganze Gesellschaft schuldig werden kann. Die Institutionen — Recht, Kirche, Staat — bieten keinen Schutz, weil sie selbst Teil der kaufbaren Gemeinschaft sind. Das ist der pessimistische Kern des Stücks: Nicht Einzelne sind korrupt, sondern das System selbst ist korruptibel.
Clara Zachanassian: Käuflichkeit als Weltprinzip
Clara selbst steht außerhalb jeder Moral, weil sie das Prinzip der Käuflichkeit absolut verkörpert und es nicht mehr kaschiert. Sie hat in ihrem Leben alles gekauft — Männer, Gerichte, Richter, ganze Staaten — und handelt dementsprechend. Für sie ist Güllen nur ein weiteres Objekt, das sich kaufen lässt, weil sich alles kaufen lässt. Die Welt machte mich zu einer Hure, nun mache ich die Welt zu einem Bordell.
(Der Besuch der alten Dame, III. Akt) Dieser Satz ist das Herzstück der Figur: Clara beschreibt nicht nur ihre persönliche Biografie, sondern formuliert ein Weltbild. Sie hat die Logik, mit der sie einst zerstört wurde — Geld regiert alles — internalisiert und kehrt sie nun gegen die Welt zurück.
Dürrenmatt lässt Clara dabei kalt und präzise wirken, nicht rachsüchtig und hysterisch. Das ist entscheidend: Wäre sie eine Furie, könnte man sie als Ausnahme abtun. So aber ist sie ein Spiegel. Sie zeigt Güllen — und dem Publikum — was Käuflichkeit als Prinzip bedeutet, wenn man es konsequent zu Ende denkt. Die Güllener, die empört Nein sagen und dann auf Kredit kaufen, unterscheiden sich von ihr nur im Ausmaß, nicht in der Logik.
Die Bedeutung für die Gesamtaussage
Das Motiv der Käuflichkeit ist bei Dürrenmatt kein moralisches Menetekel, das mahnt und anklagt. Es ist präziser als das: Es beschreibt einen Mechanismus. Eine Gesellschaft, die arm genug und gleichzeitig reich genug konditioniert ist, wird sich kaufen lassen — nicht weil sie böse ist, sondern weil sie genug Gründe findet, das Kaufenlassen mit Vernunft, Gerechtigkeit und Notwendigkeit zu verwechseln. Die öffentliche Versammlung im dritten Akt, in der die Güllener einstimmig für Ills Tod votieren und dabei betonen, es gehe ihnen nicht um das Geld, sondern um die Gerechtigkeit, ist der bitterste Moment des Stücks — und der aufschlussreichste. Im Namen der Menschlichkeit
töten sie — genau die Formel, mit der der Bürgermeister im ersten Akt noch das Angebot abgelehnt hatte. Die Sprache der Moral ist inzwischen vollständig in den Dienst der Käuflichkeit getreten.
Dürrenmatt schreibt das Stück 1956, wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und mitten in der Hochphase des westdeutschen Wirtschaftswunders. Die Parallele ist schwer zu übersehen: eine Gesellschaft, die sich durch Wohlstand neu definiert, die Schuld und Scham gegen Konsumgüter eintauscht, die Sprache der Menschlichkeit benutzt, um Kollaboration zu rechtfertigen. Der Besuch der alten Dame ist in diesem Sinne ein Stück über die Nachkriegsgesellschaft — nicht als historisches Dokument, sondern als Parabel über die Bedingungen, unter denen Menschen käuflich werden. Und darüber, dass diese Bedingungen immer schon herstellbar sind.
