Zivilcourage und ihr Scheitern
Nachkrieg Prosawerk Abitur Kapitel 20 / 29

Zivilcourage und ihr Scheitern

Musteraufsatz · Friedrich Dürrenmatt
Sophie Hartmann
5 Min. Lesezeit · 15. September 2026

Friedrich Dürrenmatts Tragikomödie Der Besuch der alten Dame (1956) handelt auf der Oberfläche von Rache: Die steinreiche Clara Zachanassian kehrt in ihre verarmte Heimatstadt Güllen zurück und bietet der Gemeinschaft eine Milliarde — dafür, dass die Güllener Alfred Ill töten, den Mann, der sie einst durch Meineide zur Prostituierten gemacht hat. Was das Stück darunter verhandelt, ist jedoch ein präzises Sezieren moralischen Versagens: Zivilcourage wird eingeführt, kurz als Möglichkeit sichtbar gemacht — und dann Schritt für Schritt demontiert. Dürrenmatt zeigt nicht, wie Menschen unter extremem Druck versagen. Er zeigt, wie sie sich dabei einreden, das Richtige zu tun.

Die erste Weigerung: Zivilcourage als Versprechen

Als Clara ihr Angebot unterbreitet, reagieren die Güllener zunächst mit gespielter Empörung. Der Bürgermeister erklärt im ersten Akt: Im Namen der Stadt Güllen weise ich das Angebot ab. Im Namen der Menschlichkeit. (Der Besuch der alten Dame, I. Akt) Der Satz klingt nach Haltung. Tatsächlich ist er Rhetorik. Dürrenmatt lässt diese Zurückweisung nicht als Ausdruck echter Überzeugung stehen, sondern als Geste — formuliert für eine Öffentlichkeit, nicht aus moralischer Substanz. Schon in der unmittelbaren Reaktion der Gemeinschaft auf Claras Angebot wird deutlich, dass die Weigerung keine Grundlage hat, die dem Druck standhalten könnte: Die Güllener beginnen sofort auf Kredit zu kaufen, als ahnten sie, dass die Milliarde längst beschlossene Sache ist.

Der schleichende Verrat: Wie Zivilcourage erodiert

Das Entscheidende an Dürrenmatts Konstruktion ist, dass die Erosion der moralischen Haltung nicht durch einen dramatischen Bruch geschieht, sondern durch Alltagsgesten. Ill beobachtet, wie seine Mitbürger nach und nach neue Schuhe tragen, neue Güter kaufen, Schulden machen — und er begreift: Die Entscheidung ist bereits gefallen, ohne dass jemand sie offiziell getroffen hat. Im zweiten Akt konfrontiert er den Bürgermeister mit dieser Beobachtung und bittet ihn um Schutz. Die Antwort des Bürgermeisters ist vielsagend: Kein Mensch bedroht Sie. Sie haben Angst vor nichts als vor sich selbst. (Der Besuch der alten Dame, II. Akt) Diese Szene ist kein Zufall — sie macht deutlich, dass die Gemeinschaft die eigene Komplizenschaft systematisch unsichtbar macht. Indem man Ills Bedrohungsgefühl als subjektive Paranoia umdeutet, muss niemand Verantwortung übernehmen. Die Sprache der Zivilcourage — Schutz, Recht, Gerechtigkeit — wird geleert und gegen Ill gewendet.

Besonders aufschlussreich ist die Szene mit Pfarrer und Lehrer, zwei Figuren, von denen das Stück suggeriert, sie trügen institutionelle Verantwortung für moralische Orientierung. Der Lehrer spricht Ill gegenüber aus, was er sieht, und zeigt damit für einen Moment echte Zivilcourage: Er erkennt das kollektive Versagen, benennt es sogar. Doch er handelt nicht danach. Dürrenmatt lässt ihn am Ende schweigen, eingebunden in die Gemeinschaft, die er durchschaut hat. Das ist die schärfste Form des Scheiterns — nicht Unwissenheit, sondern Einsicht ohne Konsequenz.

Ill als gespiegeltes Versagen

Ill selbst ist keine Figur der Zivilcourage — er ist ihr Spiegel. Sein eigenes früheres Versagen, die Verleugnung seiner Vaterschaft an Clara durch erkaufte Falschaussagen, ist der Ursprung der gesamten Handlung. Was die Güllener jetzt an ihm vollziehen, hat er einst selbst vollzogen: Er hat eine Einzelne dem Urteil der Gemeinschaft überlassen, um sich selbst zu schützen. Wenn Ill im dritten Akt seinen Tod akzeptiert und erklärt, die Güllener hätten das Recht auf ihr Urteil, weil er einst ebenso gehandelt habe, ist das keine moralische Kapitulation — es ist Erkenntnis. Ich kann mich nicht mehr fürchten, sagt Ill kurz vor seinem Tod (Der Besuch der alten Dame, III. Akt). Dieser Satz markiert den einzigen Moment echter innerer Haltung im ganzen Stück — und er fällt ausgerechnet jemandem zu, der Zivilcourage sein Leben lang verweigert hat.

Die Funktion des Themas: Dürrenmatt kritisiert eine Gesellschaft, nicht Einzelpersonen

Zivilcourage scheitert in Der Besuch der alten Dame nicht, weil die Güllener besonders schlechte Menschen wären. Das wäre eine einfache Botschaft, und Dürrenmatt verweigert sie. Die Güllener scheitern, weil das Stück zeigt, wie ein Kollektiv unter wirtschaftlichem Druck moralische Kategorien durch ökonomische ersetzt — und dabei die Sprache der Moral beibehält. Gerechtigkeit, Wahrheit, Würde: All das klingt weiterhin in den Reden der Figuren auf, doch es bezeichnet nichts mehr. Der Chor der Güllener am Schluss, der den Wohlstand bejubelt und Claras Zahlung als Erfüllung historischer Gerechtigkeit feiert, ist die konsequenteste Pointe des Stücks: Eine Gesellschaft, die einen Menschen tötet und dabei glaubt, das Richtige getan zu haben.

Dürrenmatt schrieb das Stück in den 1950er Jahren, vor dem Hintergrund einer westdeutschen und westeuropäischen Gesellschaft, die im Wirtschaftswunder aufging und die Frage nach kollektiver Schuld zunehmend verdrängte. Das Güllener Modell — schweigen, mitmachen, rechtfertigen — ist kein literarisches Extrem. Es ist eine Anatomie realer Mechanismen. Zivilcourage scheitert im Stück nicht an ihrer Unmöglichkeit, sondern daran, dass sie nie wirklich gewollt wurde.

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