Materialgestütztes Schreiben: Käufliche Moral — Inwiefern spiegelt Der Besuch der alten Dame die Konsumgesellschaft der Nachkriegszeit wider?
Einleitung
Als Friedrich Dürrenmatt 1956 seine Tragikomödie Der Besuch der alten Dame in Zürich uraufführen ließ, befand sich Westeuropa mitten im sogenannten Wirtschaftswunder. Neue Kühlschränke, Waschmaschinen und Autos versprachen ein Leben, das die Entbehrungen der Kriegsjahre vergessen machen sollte. Genau in diese Aufbruchsstimmung hinein setzt Dürrenmatt eine verarmte Kleinstadt namens Güllen, der eine Milliardärin eine Milliarde anbietet – unter der Bedingung, dass die Bürger einen der ihren töten. Das Stück ist damit kein historisches Drama über eine ferne Gesellschaft, sondern ein Spiegel jener Welt, in der materieller Aufstieg zum kollektiven Ziel geworden war. Meine These lautet: Dürrenmatt zeigt die Konsumgesellschaft der Nachkriegszeit nicht als bloßen Hintergrund, sondern als das eigentliche moralische Problem. Wohlstand erscheint hier nicht als Folge ehrlicher Arbeit, sondern als Preis, den eine Gemeinschaft für die Aufgabe ihrer Werte bezahlt. Die Pointe ist: Die Güllener kaufen sich ihren Mord auf Pump – und das Stück deutet damit, dass auch das reale Wirtschaftswunder seine moralischen Schulden noch nicht beglichen hatte.
Hauptteil
Güllen als Zerrbild der Nachkriegsgesellschaft
Die Stadt Güllen, deren Name bereits an Jauche denken lässt, wird zu Beginn als heruntergekommen geschildert: Fabriken stehen still, die Bürger sind verarmt, der Bahnhof zerfällt. Der Bürgermeister, der Lehrer, der Pfarrer und der Polizist – die Repräsentanten von Politik, Bildung, Religion und Recht – warten gemeinsam mit dem Krämer Alfred Ill auf die Ankunft Claire Zachanassians, einer ehemaligen Mitbürgerin, die als Milliardärin zurückkehrt. Schon diese Ausgangskonstellation ist programmatisch: Eine ganze Gemeinschaft setzt ihre Hoffnung auf das Geld einer Einzelnen. Güllen erscheint damit als verkleinertes Modell jener Trümmerlandschaft, aus der Westdeutschland, Österreich und die Schweiz nach 1945 herauswollten. Die Stadt sehnt sich nach Aufschwung, nach Konsum, nach Normalität.
Bezeichnenderweise legitimieren sich die Güllener vor sich selbst durch den Verweis auf eine ruhmreiche Vergangenheit. Sie verweisen auf Goethe, der angeblich einmal hier übernachtet habe, und auf Brahms, der ein Quartett komponiert haben soll. Diese kulturelle Selbstvergewisserung erinnert an die Strategie der Nachkriegsgesellschaft, sich auf eine vermeintlich saubere humanistische Tradition zu berufen, während die jüngste Vergangenheit verdrängt wird. Dürrenmatt stellt diese Bildungsfassade von Anfang an als brüchig dar: Die Stadt ist pleite, die Kultur nur noch Behauptung.
Die Bedingung – Moral als Verhandlungsmasse
Der entscheidende Bruch erfolgt mit Claires Angebot: Eine Milliarde für die Stadt, eine halbe für jede Familie – wenn jemand Alfred Ill tötet, der sie als junge Frau geschwängert, dann verleugnet und durch einen Meineid in die Prostitution getrieben hat. Der Bürgermeister weist das Angebot zunächst pathetisch zurück und erklärt im Namen der Menschlichkeit, lieber arm bleiben zu wollen als blutbefleckt. Diese Geste ist hochsymbolisch, denn sie markiert genau den Punkt, an dem moralische Sprache und tatsächliches Handeln auseinandertreten werden. Bereits in der nächsten Szene beginnen die Güllener nämlich, auf Kredit zu kaufen.
Hier liegt der vielleicht raffinierteste Zug des Stücks: Der Mord wird nicht beschlossen, er wird konsumiert. Ill bemerkt mit wachsendem Entsetzen, dass seine Kunden plötzlich gelbe Schuhe tragen, dass im Laden teurere Zigaretten verlangt werden, dass die Frau des Polizisten einen Pelzmantel trägt. Niemand sagt offen, dass Ill sterben soll. Aber alle leben bereits so, als sei die Milliarde schon da. Die Schulden, die die Güllener machen, sind ökonomisch und moralisch zugleich: Sie verpfänden ihre Integrität an eine Zukunft, die nur durch Ills Tod eintreten kann. Dürrenmatt zeigt damit, wie Konsum als Mechanismus der Schuldverdrängung funktioniert. Wer neue Schuhe trägt, kann nicht mehr zurück.
Die Sprache der Moral als Verkleidung des Geschäfts
Besonders entlarvend gestaltet Dürrenmatt die Rhetorik, mit der die Güllener ihren Wandel rechtfertigen. Der Lehrer, eigentlich der Hüter humanistischer Bildung, betrinkt sich und gesteht Ill in einem Anflug von Klarheit, dass auch er den Mord kommen sieht und nicht verhindern können wird. Der Pfarrer, an den Ill sich hilfesuchend wendet, rät ihm, zu fliehen, statt ihm Schutz zu bieten. Der Polizist verweigert die Verhaftung Claires, obwohl sie offen einen Mord in Aussicht stellt. Jede dieser Figuren formuliert ihre Kapitulation in der Sprache der Vernunft, der Gerechtigkeit, der Gemeinwohlverpflichtung. Der Bürgermeister erklärt schließlich in der berühmten Bürgerversammlung, es gehe nicht um Geld, sondern um Gerechtigkeit – um die Wiederherstellung jenes Rechts, das Ill einst gebrochen habe.
Diese Verschiebung ist analytisch entscheidend: Die Güllener begehen ihren Mord nicht als Mord, sondern als Akt der Gerechtigkeit. Sie tarnen das Geschäft als moralische Tat. Dürrenmatt selbst hat in seinen Anmerkungen zum Stück betont, dass die Güllener Menschen wie wir alle seien und gerade nicht Bösewichte. Genau darin liegt die Schärfe seiner Gesellschaftskritik: Die Konsumgesellschaft produziert keine Bestien, sondern anständige Bürger, die ihren Verrat als Pflichterfüllung erleben. Dieser Mechanismus erinnert unmittelbar an die Schwierigkeit der Nachkriegsgesellschaft, mit der eigenen Mitschuld am Nationalsozialismus umzugehen. Wer profitiert, will sauber dastehen.
Claire Zachanassian – das Kapital als Rachegöttin
Claire selbst ist mehr als eine Figur, sie ist die personifizierte ökonomische Macht. Mit ihren Prothesen aus Elfenbein und Elfenbein, ihrem Gefolge aus Eunuchen, Butler und Särgen wirkt sie selbst nicht mehr menschlich, sondern wie ein Götzenbild des Kapitals. Sie kann die Stadt aufkaufen, ohne dass es jemand merkt – tatsächlich gehört ihr Güllen längst, sie hat die Fabriken gezielt stillgelegt, um die Bewohner gefügig zu machen. Damit zeigt Dürrenmatt, dass der Markt, dem die Güllener vertrauen, keineswegs neutral ist. Die ökonomische Krise, die das Stück eröffnet, ist keine Naturkatastrophe, sondern eine Inszenierung. Die Konsumgesellschaft, die hier porträtiert wird, ist nicht das Reich der freien Wahl, sondern ein Bühnenraum, in dem die Spielregeln längst von außen gesetzt wurden.
Man könnte einwenden, Claire sei eine märchenhaft überzeichnete Figur, die mit realer Wirtschaft wenig zu tun habe. Dieser Einwand greift zu kurz. Gerade die Übertreibung erlaubt es Dürrenmatt, den Strukturkern moderner Ökonomie sichtbar zu machen: dass Geld Beziehungen schafft, in denen die formale Freiheit der Beteiligten zur Fiktion wird. Die Güllener stimmen am Ende einstimmig für Ills Tod – formal eine demokratische Entscheidung, faktisch ein erpresster Beschluss.
Ill – die Verwandlung des Opfers
Bemerkenswert ist, wie Ill sich im Verlauf des Stücks verändert. Zunächst versucht er zu fliehen, sucht Schutz bei den Institutionen, beschuldigt die Bürger. Im dritten Akt aber akzeptiert er sein Schicksal. Er erkennt seine Schuld an Claire an und nimmt das Urteil an, ohne sich zu verteidigen. Diese Wandlung ist ambivalent. Einerseits gewinnt Ill dadurch eine tragische Würde, die ihn von der Masse der Güllener abhebt. Andererseits enthebt seine Selbstanerkennung als Schuldiger die Stadt nicht ihrer eigenen Verantwortung – im Gegenteil, sie macht sie umso deutlicher. Denn die Güllener töten ja nicht, weil Ill sich schuldig bekennt, sondern weil sie das Geld wollen. Seine Reue dient ihnen lediglich als willkommene Legitimation.
Hier zeigt sich Dürrenmatts dramaturgische Klugheit: Er macht es dem Publikum unmöglich, sich auf die einfache Position des moralischen Zuschauers zurückzuziehen. Ill ist kein unschuldiges Opfer, die Güllener sind keine eindeutigen Täter. Stattdessen entsteht ein Geflecht aus Schuld, das die ganze Gemeinschaft – und mit ihr das Publikum – einbezieht. Dürrenmatts Tragikomödie verlangt vom Zuschauer, sich zu fragen, was er selbst für eine Milliarde tun würde.
Schluss
Der Besuch der alten Dame ist mehr als ein moralisches Lehrstück über Geldgier. Das Stück seziert die Mechanik einer Gesellschaft, die ihren Wohlstand auf verdrängter Schuld errichtet. Güllen ist nicht das Gegenbild der Nachkriegsmoderne, sondern ihr Modell. Die schrittweise Korruption der Bürger, die Verkleidung des Mordes als Gerechtigkeit, die Inszenierung einer scheinbar freien Abstimmung – all das zeigt, wie Konsum und Moral in der Nachkriegszeit ineinandergreifen. Wer den Wohlstand will, muss bereit sein, Fragen nicht zu stellen. Wer Fragen stellt, wird zum Ill.
Entscheidend ist: Dürrenmatt belässt es nicht bei der Diagnose, er konfrontiert sein Publikum mit der eigenen Käuflichkeit. Sein Stück ist auch heute, im Zeitalter globaler Lieferketten, billiger Kleidung und verdrängter Klimaschulden, von beunruhigender Aktualität. Die Konsumgesellschaft hat die Mechanik, die Dürrenmatt auf der Bühne zeigt, nicht überwunden, sondern professionalisiert. Genau das macht den Besuch der alten Dame zu einem der großen Werke der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur: Es zeigt, dass das Wirtschaftswunder einen Preis hatte – und dass dieser Preis, wenn man genau hinsieht, in Menschen bemessen war.
