Der Bürgermeister — Charakteranalyse
Nachkrieg Prosawerk Abitur Kapitel 6 / 29

Der Bürgermeister — Charakteranalyse

Musteraufsatz · Friedrich Dürrenmatt
Sophie Hartmann
4 Min. Lesezeit · 9. September 2026

In Friedrich Dürrenmatts tragischer Komödie Der Besuch der alten Dame (1956) kehrt die Milliardärin Clara Zachanassian in das verarmte Güllen zurück. Ihr Angebot: Eine Milliarde für das Leben ihres ehemaligen Geliebten Alfred Ill. Der Bürgermeister ist hier weit mehr als eine bloße Randfigur. Er fungiert als das politische Gesicht der Stadt, als Sprachrohr der Masse und vor allem als das moralische Spiegelbild einer käuflichen Gesellschaft.

Äußere Merkmale und erste Einführung

Dürrenmatt präsentiert den Bürgermeister sofort als Mann der offiziellen Form. Er plant den Empfang der Milliardärin, delegiert Aufgaben und sorgt für ein tadelloses Erscheinungsbild der Stadt. Sein Auftreten wirkt gepflegt, seine Sprache ist durch und durch repräsentativ. Er verkörpert keine individuelle Persönlichkeit, sondern die reine Funktion des Staates und des Gemeinwohls. Genau diese amtliche Fassade macht ihn zu einer der gefährlichsten Figuren des Stücks. Hinter der bürgerlichen Maske verbirgt sich ein erschreckend flexibler moralischer Kompass.

Innere Eigenschaften, Motivationen, Widersprüche

Auf den ersten Blick gibt sich der Bürgermeister als unerschütterlicher Hüter von Ordnung und Humanismus. Als Claras mörderisches Angebot auf dem Tisch liegt, schmettert er es im ersten Akt mit großer Geste ab: Im Namen der Stadt Güllen weise ich das Angebot ab. Im Namen der Menschlichkeit. Lieber bleiben wir arm denn blutbefleckt. (Der Besuch der alten Dame, I. Akt). Diese Worte klingen heldenhaft. Doch sie sind eine leere Hülse. Während er noch von Menschlichkeit redet, kaufen die Güllener bereits massenhaft auf Kredit. Seine Rhetorik prallt auf die harte Realität des Konsumrausches.

Hier zeigt sich sein tiefster psychologischer Widerspruch. Der Bürgermeister ist kein klassischer Bösewicht, der bewusst lügt. Er ist ein Meister der Selbsttäuschung. Er glaubt tatsächlich an seine eigenen hehren Worte – solange sie keine echten Opfer fordern. Dürrenmatt entlarvt durch ihn die bürgerliche Doppelmoral: Man schmückt sich mit hohen Werten, wirft diese aber sofort über Bord, sobald der finanzielle Anreiz groß genug ist. Seine Motivation ist nicht Hass auf Ill, sondern schlichte Bequemlichkeit und kollektive Gier.

Entwicklung im Verlauf des Werkes

Im Laufe der Handlung vollzieht der Bürgermeister eine tödliche Metamorphose. Er passt seine Moral schleichend den neuen, goldenen Realitäten an. Im zweiten Akt sucht er Ill auf. Unter dem Deckmantel der Fürsorge will er ihn eigentlich nur loswerden. Später gipfelt diese Feigheit in einer Schlüsselszene: Er bringt Ill ein Gewehr. Der Bürgermeister hofft, Ill möge sich selbst richten. Er will den Mord ohne schmutzige Hände. Als Ill diesen bequemen Ausweg verweigert, muss die Stadt selbst handeln.

Im dritten Akt inszeniert der Bürgermeister die Gemeindeversammlung als demokratisches Meisterstück. Vor der Weltpresse verwandelt er einen eiskalten Auftragsmord in einen Akt der höheren Gerechtigkeit: Güllen hat Clara Zachanassians Angebot angenommen. Nicht des Geldes wegen — aus Gerechtigkeit. (Der Besuch der alten Dame, III. Akt). Das ist der absolute Höhepunkt seiner moralischen Perversion. Er hat die Gier so tief in sein Bewusstsein integriert, dass er Mord und Rechtsprechung nicht mehr unterscheiden kann. Er macht das Verbrechen legal.

Beziehungen zu anderen Figuren

Gegenüber Ill zeigt er eine eisige Distanz, verpackt in amtliche Höflichkeit. Er hasst Ill nicht. Er opfert ihn lediglich, weil es pragmatisch ist. Dabei inszeniert er sich selbst als denjenigen, der die schwerste Last trägt. Clara Zachanassian hingegen durchschaut dieses Theater sofort. Sie behandelt ihn mit ironischer Herablassung. Für die Milliardärin ist der Bürgermeister nichts weiter als eine käufliche Marionette, ein Werkzeug für ihre Rache.

In der Güllener Gemeinschaft nimmt er die Rolle des Dirigenten ein. Er formuliert den dunklen Willen der Masse und nimmt dem Einzelnen die Schuld ab. Er handelt niemals isoliert. Seine Funktion besteht darin, die kollektive Habgier in politische Beschlüsse zu gießen. Er wäscht die Hände der Bürger in Unschuld, indem er die Verantwortung auf die Demokratie abwälzt.

Bedeutung für Themen und Aussage des Werkes

Der Bürgermeister ist Dürrenmatts schärfste Diagnose der Nachkriegsgesellschaft. Er verkörpert die unheimliche Fähigkeit der Menschen, wirtschaftlichen Egoismus als moralische Notwendigkeit zu verkaufen. Er ist kein blutrünstiges Monster. Er ist der nette Nachbar, der Reden hält, den Anstand wahrt und am Ende über Leichen geht, weil die Mehrheit es verlangt. Er steht stellvertretend für eine politische Klasse, die Verbrechen bürokratisiert und legitimiert.

Seine dramaturgische Aufgabe ist brillant: Er verleiht dem moralischen Bankrott Güllens eine offizielle, fast feierliche Stimme. Ohne den Bürgermeister wäre die Tötung Ills ein primitiver Lynchmord. Durch ihn wird sie zu einer demokratischen Abstimmung. Genau das ist Dürrenmatts bitterste Erkenntnis: Institutionen und schöne Worte schützen nicht vor der Barbarei, sie machen sie erst gesellschaftsfähig.

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