Roby und Toby — Charakteranalyse
Erste Einführung: Zwei Gesichter ohne Gesicht
Wenn Roby und Toby an der Seite von Claire Zachanassian das verarmte Güllen betreten, weht sofort ein Hauch von Bedrohung durch die Kleinstadt. Die beiden massigen Männer kauen ununterbrochen Kaugummi. Sie schweigen fast immer. Dürrenmatt zeichnet sie bewusst nicht als echte Menschen, sondern als stumpfe, völlig austauschbare Werkzeuge. Schon ihre Namen klingen wie ein makabrer Kinderreim. Roby und Toby verschmelzen zu einer einzigen Funktion: Sie sind kein Individuum, sondern ein funktionierender Apparat der Rache.
Der Blick hinter diese stumme Fassade offenbart ihr wahres Wesen. Beide saßen als verurteilte Mörder in der Todeszelle, bis Claire sie buchstäblich freikaufte. Sie haben keine eigene Geschichte mehr, die sie antreibt. Sie sind reiner Besitz. Dürrenmatt führt uns hier keine fühlenden Wesen vor, sondern gekaufte Marionetten, die nur noch existieren, um Befehle auszuführen.
Innere Eigenschaften: Die Gleichgültigkeit als Prinzip
Wer bei Roby und Toby nach einem moralischen Kompass sucht, greift ins Leere. Sie kauen, sie warten, sie gehorchen. Genau diese totale innere Leere macht sie so unheimlich. Sie haben ihre Menschlichkeit in der Todeszelle zurückgelassen. Ihre Psyche ist auf einen einzigen Überlebensinstinkt reduziert: absolute Unterwerfung unter die Frau, die sie vor dem elektrischen Stuhl rettete. Claire hat sie nicht geläutert. Sie hat schlichtweg ihre Seelen gekauft. Ihre Treue entspringt keiner Zuneigung, sondern einem eiskalten Vertrag.
Ihre Gewalt ist niemals leidenschaftlich oder hasserfüllt. Wenn sie handeln – etwa als sie auf Claires Befehl den schwarzen Panther erschießen, der symbolisch für Alfred Ill steht, oder wenn sie am Ende den Sarg für Ills Leiche hereintragen –, tun sie das völlig emotionslos. Die knappe Regieanweisung Roby und Toby bringen den Sarg
ist Programm. Keine Zögerung, kein Gespräch, keine Emotion. Ihre Grausamkeit ist rein administrativer Natur. In ihrer Welt hat alles und jeder ein Preisschild. Sie verkörpern die logische Endstufe eines Kapitalismus, der selbst über Leben und Tod entscheidet.
Beziehung zu Claire Zachanassian
Für Claire Zachanassian sind Roby und Toby nichts weiter als lebendes Mobiliar. Sie schleppt die beiden als groteske Accessoires durch die Handlung, genau wie ihre Sänfte oder ihren Butler Boby. Diese Gleichstellung ist genial gewählt: Dürrenmatt stellt Claires gesamtes Gefolge als lebende Beweise für die absolute Macht des Geldes aus. Boby war einst der Richter, der sich im Vaterschaftsprozess bestechen ließ. Koby und Loby wurden mit Geld zu Meineidigen gemacht und später von Roby und Toby im Auftrag Claires geblendet und kastriert. Sie alle zeigen uns auf brutale Weise, was aus Menschen wird, wenn Geld die einzige Währung für Loyalität ist.
Claire spricht kaum mit ihren Handlangern. Es fallen nur knappe, scharfe Befehle. Eine menschliche Bindung fehlt komplett, es herrscht pure Hierarchie. Das verrät uns viel über Claires eigene Psyche: Sie selbst ist durch ihren tiefen Schmerz und den Verrat in ihrer Jugend zu einer unerbittlichen Maschine erstarrt. Konsequenterweise umgibt sie sich nur noch mit Maschinen in Menschengestalt, die sie niemals wieder enttäuschen können.
Dramatische Funktion: Das Böse als Mechanismus
Obwohl Roby und Toby oft im Hintergrund bleiben, sind sie Dürrenmatts scharfsinnigste Konstruktion. Während die Bürger von Güllen endlos diskutieren, zweifeln und ihre Gier moralisch verkleiden, bis sie schließlich Ills Ermordung durch die Dorfgemeinschaft rechtfertigen, schweigen die beiden Kaugummikauer. Sie diskutieren nicht. Sie machen einfach. Damit halten sie der Stadtgemeinschaft einen gnadenlosen Spiegel vor: Auch die Güllener handeln am Ende nicht aus Gerechtigkeitssinn, sondern aus purem, kalkuliertem Eigeninteresse. Der Unterschied zwischen dem zögernden Bürgermeister und den stummen Handlangern ist nur noch graduell, nicht mehr prinzipiell.
Dürrenmatt verpackt in diesen beiden Figuren eine zeitlose Warnung. Das wahre Böse braucht keine brüllenden Monster. Es braucht lediglich Gleichgültigkeit, einen klaren Befehl und jemanden, der die Rechnung bezahlt. Dass der Autor diese düstere Botschaft in zwei fast komisch wirkenden, reimenden und kaugummikauenden Figuren versteckt, macht die Genialität des Stücks aus. Das Lachen bleibt uns sofort im Hals stecken, sobald wir begreifen, dass Roby und Toby die entmenschlichte Zukunft der Güllener Bürger bereits vorwegnehmen.
