Warum kehrt Claire Zachanassian nach Güllen zurück, und welches Ziel verfolgt sie mit ihrem Angebot an die Stadt?
Friedrich Dürrenmatts Tragikomödie Der Besuch der alten Dame (1956) beginnt mit einer scheinbar freudigen Nachricht: Die steinreiche Claire Zachanassian, geborene Klara Wäscher, kehrt in ihre Heimatstadt Güllen zurück. Die Stadt liegt wirtschaftlich am Boden, und die Bürger hoffen, dass ihre berühmte Tochter großzügig spendet. Doch Claires Rückkehr folgt einem ganz anderen Plan.
Die Vorgeschichte: Verrat in der Jugend
Als junges Mädchen war Klara Wäscher mit Alfred Ill liiert, dem heutigen Gemischtwarenhändler Güllens. Als Klara schwanger wurde und Ill vor Gericht auf Vaterschaft verklagt wurde, bestach er zwei Zeugen – Koby und Loby – dazu, falsch auszusagen. Sie behaupteten vor Gericht, ebenfalls mit Klara geschlafen zu haben. Ill wurde freigesprochen, Klara als Prostituierte diffamiert. Das Gericht erkannte ihr Kind nicht an; das Kind starb kurz nach der Geburt. Klara wurde aus Güllen vertrieben und landete tatsächlich in einem Bordell in Hamburg. Erst durch eine Beziehung zu dem Milliardär Zachanassian gelangte sie zu Reichtum und Macht.
Das Angebot: Gerechtigkeit als Ware
Vor versammelter Bürgerschaft macht Claire ihr Angebot: Sie schenkt der Stadt Güllen eine Milliarde – fünfhundert Millionen der Stadt, fünfhundert Millionen den Bürgern aufgeteilt – unter einer einzigen Bedingung: Ich gebe euch eine Milliarde und kaufe mir dafür die Gerechtigkeit.
(Der Besuch der alten Dame, I. Akt). Mit „Gerechtigkeit" meint sie den Tod von Alfred Ill. Claire verlangt nicht, dass jemand Ill heimlich ermordet; sie will, dass die Gemeinschaft das Urteil fällt und vollstreckt.
Diese Formulierung ist dramaturgisch entscheidend. Claire nennt es ausdrücklich Gerechtigkeit, nicht Rache. Damit verschiebt sie die moralische Verantwortung: Nicht sie tötet Ill, sondern die Bürger Güllens sollen es tun – und sie tun es, wenn auch zögerlich, am Ende tatsächlich.
Das eigentliche Motiv: Demütigung und Kontrolle
Claires Rückkehr ist das Ergebnis jahrzehntelanger Planung. Sie hat Koby und Loby aufspüren lassen, kastrieren und blenden lassen – sie trägt sie als lebende Trophäen mit sich. Sie hat den korrupten Richter, der damals das Urteil sprach, bereits gefunden. Güllen selbst hat sie systematisch ruiniert: Alle Betriebe der Stadt hat sie aufgekauft und stillgelegt, um die Bürger in jene wirtschaftliche Not zu treiben, die sie gefügig macht. Die Armut Güllens ist kein Zufall, sondern Claires Werk.
Ihr Ziel ist damit mehrdimensional. Auf der persönlichen Ebene will sie sehen, dass Ill stirbt – dass derjenige, der ihr Leben zerstört hat, dafür zur Rechenschaft gezogen wird. Auf der gesellschaftlichen Ebene will sie beweisen, dass jeder Mensch und jede Gemeinschaft käuflich ist. Der Preis ist hoch genug, und die Not tief genug – dann beugen sich auch Menschen, die sich für moralisch halten.
Claire als Figur: Kalt, konsequent, unerbittlich
Dürrenmatt zeichnet Claire nicht als eine Frau, die in Wut oder Schmerz handelt. Sie ist ruhig, fast heiter. Sie raucht, heiratet zum wiederholten Mal, beobachtet die Entwicklung in Güllen mit einer Distanz, die eher an einen Schachspieler erinnert als an ein Opfer. Diese Kälte ist Teil ihrer Figur: Claire hat ihren Schmerz in etwas Strategisches verwandelt. Was sie antreibt, ist nicht mehr bloßes Gefühl, sondern ein über Jahrzehnte gereifter Wille zur totalen Kontrolle über das Geschehen.
Damit stellt Dürrenmatt eine unbequeme Frage: Wenn eine Gesellschaft käuflich ist – wer trägt dann die eigentliche Schuld? Claire bietet nur an. Die Entscheidung treffen die Bürger Güllens selbst.
