Welche Ereignisse führen dazu, dass die Güllener am Ende bereit sind, Alfred Ill zu töten, obwohl sie seine Schuld zunächst vehement ablehnen?
Nachkrieg Prosawerk Abitur

Welche Ereignisse führen dazu, dass die Güllener am Ende bereit sind, Alfred Ill zu töten, obwohl sie seine Schuld zunächst vehement ablehnen?

Musteraufsatz · Friedrich Dürrenmatt
Sophie Hartmann
3 Min. Lesezeit · 15. September 2026

Friedrich Dürrenmatts Theaterstück Der Besuch der alten Dame (1956) zeigt, wie eine verarmte Kleinstadt namens Güllen zum Schauplatz eines kollektiven Mordes wird. Die steinreiche Clara Zachanassian — einst als Klara Wäscher von Alfred Ill geschwängert und verleugnet, dadurch zur Prostituierten geworden — kehrt zurück und bietet der Stadt eine Milliarde an: eine halbe für die Stadt, eine halbe für jede Bürgerfamilie. Die Bedingung: Ills Tod. Der Bürgermeister lehnt im Namen aller empört ab. Was dann folgt, ist kein plötzlicher Sinneswandel, sondern ein langsam ablaufender Mechanismus aus wirtschaftlichem Druck, Selbsttäuschung und sozialer Konformität.

Der erste Schritt: Kaufen auf Pump

Noch bevor irgendjemand offiziell der Forderung zustimmt, beginnen die Güllener, auf Kredit einzukaufen. Ill beobachtet es als Erster: Der Bürgermeister trägt neue Schuhe, der Pfarrer hat neue Kirchenglocken bestellt, die Frauen kaufen teure Lebensmittel. Alle handeln so, als sei das Geld bereits sicher — als stehe Ills Tod bereits fest. Das ist der entscheidende Kippmoment. Die Güllener binden sich durch Schulden an ein Ergebnis, das sie gleichzeitig nach außen hin ablehnen. Kognitive Dissonanz und materielle Abhängigkeit entstehen Hand in Hand.

Ill erkennt die Falle — und bleibt

Ill versucht zunächst zu fliehen. Er geht zum Bahnhof, steigt fast in einen Zug — doch die versammelten Güllener hindern ihn nicht mit Gewalt, sondern durch bloße Anwesenheit. Er bleibt wie gelähmt. Dieser Moment zeigt, dass er die Logik der Situation versteht: Nicht ein einzelner Mensch ist sein Feind, sondern das kollektive Schweigen. Die Güllener sagen ihm nicht, dass sie ihn töten werden. Aber sie wissen es, und er weiß, dass sie es wissen.

Die Sprache der Gerechtigkeit als Verklärung

Je tiefer die Güllener in Schulden geraten, desto mehr wandelt sich ihre Rhetorik. Was als klare Ablehnung eines Mordangebots begann, wird schrittweise umgedeutet. Aus Wir verkaufen uns nicht wird Die Gerechtigkeit muss ihren Lauf nehmen. Dürrenmatt lässt die Figuren dabei nicht böse wirken — sie überreden sich selbst. Der Bürgermeister spricht am Ende von Pflicht gegenüber der Gerechtigkeit, der Pfarrer versteckt sich hinter religiösen Formeln. Die eigentliche Ursache — Gier und Schulden — wird durch moralische Sprache unsichtbar gemacht. Genau darin liegt Dürrenmatts gesellschaftskritische Pointe: Der Mord wird nicht trotz, sondern mithilfe von Gerechtigkeitsvokabular vollzogen.

Der soziale Druck als unsichtbarer Zwang

Ill ist zunehmend isoliert. Niemand beschimpft ihn offen, niemand droht ihm. Aber der Polizist, der Bürgermeister, der Pfarrer — alle verweigern ihm Schutz, alle weichen seinen Bitten aus. Diese passive Ausgrenzung ist wirkungsvoller als jede direkte Bedrohung. Wer in einer Gemeinschaft lebt und merkt, dass alle anderen stillschweigend auf seinen Tod warten, verliert jeden Halt. Ill selbst beginnt, seine eigene Schuld — die tatsächliche, moralische Schuld der Vergangenheit — anzuerkennen. Diese innere Wandlung macht ihn nicht zum Opfer im gewöhnlichen Sinne: Er geht am Ende dem Urteil entgegen, ohne zu fliehen.

Die Volksversammlung als Schlussakt des kollektiven Selbstbetrugs

In der finalen Szene stimmt die versammelte Gemeinde für Ills Tod — nicht explizit, sondern unter dem Deckmantel einer Abstimmung über Gerechtigkeit. Journalisten sind anwesend, die Inszenierung ist perfekt: Die Welt soll nicht einen Mord sehen, sondern einen Akt zivilisatorischer Reife. Ill wird im Gedränge getötet, der Arzt bescheinigt einen Herzinfarkt. Die kollektive Lüge ist vollständig. Was als wirtschaftliche Not begann, hat sich durch Kredit, Schweigen, moralische Umdeutung und sozialen Druck in eine gemeinschaftlich getragene Tat verwandelt — und genau das macht Der Besuch der alten Dame zu einem Stück, das weit über den Einzelfall hinausweist.

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