Wie endet das Stück formal und inhaltlich, und welche Bedeutung hat die abschließende Verwandlung Güllens für die Aussage des Dramas?
Nachkrieg Prosawerk Abitur

Wie endet das Stück formal und inhaltlich, und welche Bedeutung hat die abschließende Verwandlung Güllens für die Aussage des Dramas?

Musteraufsatz · Friedrich Dürrenmatt
Sophie Hartmann
4 Min. Lesezeit · 16. September 2026

Der Besuch der alten Dame (1956) von Friedrich Dürrenmatt zeigt, wie die Milliardärin Clara Zachanassian in ihre verarmte Heimatstadt Gülle zurückkehrt und den Bürgerinnen und Bürgern ein ungeheuerliches Angebot macht: eine Milliarde — aufgeteilt auf die Stadt und die Bürger — im Tausch für das Leben Alfred Ills, ihres einstigen Geliebten, der sie durch einen erkauften Meineid vor Gericht in die Armut und Prostitution getrieben hatte. Das Stück endet im dritten Akt mit der Einlösung dieses Handels.

Der formale Schluss: Chorgesang und antikes Erbe

Dürrenmatt beendet das Stück mit einem Schlusstableau, das deutlich auf die antike Tragödie verweist. Nach der Tötung Ills — die Bürger umringen ihn auf der Bühne, und er bricht unter ihren Händen zusammen, offiziell stirbt er angeblich an einem Herzschlag — übernimmt ein Chor der Güllener das Wort. Die Bürger sprechen gemeinsam, rhythmisch und stilisiert, und preisen den neugewonnenen Wohlstand ihrer Stadt. Dieser Sprechgesang funktioniert wie der Schlusschor einer griechischen Tragödie: Er kommentiert das Geschehen, ordnet es scheinbar in eine Ordnung ein — doch bei Dürrenmatt kippt diese Form ins Groteske. Statt einer moralischen Einsicht wird der Luxus besungen, den der Mord erst ermöglicht hat.

Clara Zachanassian lässt den Sarg mit Ills Leiche abtransportieren — sie nimmt ihn mit nach Capri, zu seinem letzten Ruheplatz. Dieser Zug hat etwas Eiskaltes und zugleich Konsequentes: Was sie von Anfang an angekündigt hat, führt sie durch. Die Milliarden werden ausgezahlt. Der Vorhang fällt auf ein wohlhabendes, satt wirkendes Gülle.

Güllens Verwandlung: vom Verfall zum Wohlstand

Die Verwandlung der Stadt ist kein plötzliches Ereignis am Schluss — Dürrenmatt bereitet sie sorgfältig vor. Bereits im zweiten Akt beginnen die Güllener, auf Pump einzukaufen: neue Schuhe, teurere Zigarren, Alkohol. Die Schulden wachsen, während die Entscheidung über Ills Schicksal noch offiziell offen ist. Diese schleichende materielle Verwandlung zeigt, dass das moralische Urteil in Wirklichkeit längst gefallen ist, bevor die Bürger öffentlich darüber abstimmen.

Am Ende des Stücks ist Gülle nicht wiederzuerkennen. Die Bürger tragen elegante Kleidung, die Stadt strahlt Wohlstand aus. Dürrenmatt setzt diesen glänzenden Schein direkt neben das Verbrechen, das ihn ermöglicht hat — ohne jede Abschwächung. Das ist die eigentliche dramaturgische Pointe des Schlusses: Die Verwandlung ist vollständig, und niemand zeigt Reue.

Die kollektive Schuld als Aussage

Der Schluss macht unmissverständlich klar, dass Ill nicht von einer einzelnen Person getötet wird, sondern von der Gemeinschaft als Ganzem. Die Verantwortung verteilt sich auf alle — und verschwindet damit paradoxerweise für jeden Einzelnen. Jeder hat mitgemacht, keiner hat gemordet: So funktioniert die kollektive Schuld, die Dürrenmatt vorführt.

Dabei lässt das Stück keine entlastende Lesart zu. Die Güllener reden sich ein, im Namen der Gerechtigkeit zu handeln — Ill habe seinerzeit Unrecht getan, und nun werde das Recht wiederhergestellt. Doch Dürrenmatt zeigt, dass diese Sprache der Gerechtigkeit nur eine Verkleidung für käufliche Moral ist. Der Preis für das Leben eines Menschen wurde verhandelt, akzeptiert und bezahlt.

Dürrenmatt und die „tragische Komödie"

Dürrenmatt bezeichnete das Stück im Untertitel als tragische Komödie — und der Schluss verdeutlicht, warum diese Gattungsbezeichnung so treffend ist. Es gibt keine kathartische Läuterung, keine moralische Umkehr, keine tragische Einsicht im klassischen Sinne. Was bleibt, ist das Bild einer strahlenden, wohlhabenden Stadt, die auf einem Mord gegründet ist. Das Groteske liegt darin, dass diese Pointe vollkommen logisch wirkt: Die Welt, die Dürrenmatt zeigt, funktioniert genau so — und das ist das Erschreckende.

Der Schluss richtet sich damit auch an das Publikum. Die Zuschauer haben den Kauf mitverfolgt, Schritt für Schritt — und das Schlusstableau verweigert ihnen jeden Trost. Gülle ist reich. Ill ist tot. Die Ordnung ist wiederhergestellt.

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