Wie verändert sich die materielle Situation der Güllener im Verlauf des Stücks, und welche Rückschlüsse lässt diese Entwicklung auf ihr moralisches Verhalten zu?
Als Klara Zachanassian — einst als Klara Wäscher aus Güllen verstoßen, heute steinreiche Milliardärin — in ihre verarmte Heimatstadt zurückkehrt, ist deren wirtschaftlicher Verfall mit Händen zu greifen. Dürrenmatt zeichnet Güllen zu Beginn als eine Stadt, die buchstäblich am Boden liegt: Die Fabrik steht still, Züge halten kaum noch, die Einwohner hungern. Alfred Ill, der angesehenste Bürger und Kandidat für das Bürgermeisteramt, soll als alter Vertrauter Klaras bei ihr ein gutes Wort einlegen. Die erhoffte Spende soll Güllen retten.
Das Angebot, das Klara schließlich macht, ist ungeheuerlich: Sie bietet der Stadt eine Milliarde — eine Hälfte für die Gemeinde, eine Hälfte für die Bürger — unter einer einzigen Bedingung: Güllen soll Ill töten, den Mann, der sie einst schwanger zurückließ, durch erkaufte Falschzeugen vor Gericht als Lügnerin dastehen ließ und sie so in Prostitution und Elend trieb. Der Bürgermeister lehnt zunächst empört ab. Güllen, so versichert er, verkaufe seine Seele nicht.
Konsum auf Pump: Die stille Vorentscheidung
Dürrenmatt zeigt nun eine für das Stück entscheidende Entwicklung: Noch bevor irgendeine offizielle Abstimmung stattgefunden hat, beginnen die Güllener, auf Kredit zu kaufen. Ill selbst beobachtet es als Erster — und mit wachsendem Schrecken. In seinem eigenen Laden sieht er, wie seine Frau plötzlich einen teuren Pelzmantel trägt. Der Sohn hat ein neues Auto, die Tochter spricht vom Tennisspielen. Alle kaufen, alle leben besser, und niemand erklärt, woher das Geld kommen soll.
Diese Beobachtung ist dramaturgisch entscheidend: Der materielle Wandel läuft dem formalen Urteil voraus. Die Güllener haben ihre Entscheidung längst getroffen — nicht durch Abstimmung, sondern durch Konsum. Indem sie Schulden machen, die nur durch Klaras Milliarde gedeckt werden können, binden sie sich selbst. Das neue Schuhwerk, das Ill an immer mehr Füßen seiner Mitbürger bemerkt, wird zum wiederkehrenden Motiv: gelbe Schuhe, die aus dem örtlichen Laden stammen und die niemand bezahlt hat. Was wie eine Kleinigkeit wirkt, ist in Wahrheit die sichtbare Markierung einer kollektiven moralischen Vorentscheidung.
Die Versammlung als Theater
Als die Bürgerversammlung schließlich über Ills Schicksal abstimmt, ist das Ergebnis deshalb keine offene Frage mehr. Die Rede des Bürgermeisters, in der er Gerechtigkeit und nicht Geld als Motiv beschwört, ist pure Heuchelei — alle im Saal wissen das, Ill eingeschlossen. Dürrenmatt führt die demokratische Form als leere Hülle vor: Die Abstimmung ist eine nachträgliche Legitimation einer längst vollzogenen kollektiven Entscheidung. Die moralische Kapitulation fand nicht auf dem Podium statt, sondern in den Läden, an den Theken, in den Wohnzimmern.
Armut als Entschuldigung?
Dürrenmatt legt nahe, dass die wirtschaftliche Not der Güllener ihre Entscheidung zwar erklärbar, aber nicht entschuldbar macht. Das Stück zeigt keine Monster, sondern gewöhnliche Menschen, die sich schrittweise an den Gedanken gewöhnen, einen unter ihnen zu opfern. Genau darin liegt die eigentliche Schärfe der Parabel: Nicht böser Wille, sondern materielle Abhängigkeit und die allmähliche Normalisierung des Undenkbaren treiben das Geschehen. Die Güllener reden sich ein, Gerechtigkeit zu üben — aber der Pelzmantel, das Auto, die gelben Schuhe sprechen eine andere Sprache.
Ills Wandel als Gegenbewegung
Bemerkenswert ist, dass ausgerechnet Ill — das Opfer — eine gegenläufige Entwicklung durchmacht. Während die Gemeinschaft moralisch verfällt, wächst in ihm so etwas wie Einsicht und Verantwortungsbewusstsein. Er akzeptiert am Ende sein Schicksal, nicht weil er aufgibt, sondern weil er erkennt, dass er schuldig wurde. Seine innere Entwicklung steht in scharfem Kontrast zum äußeren Aufstieg der Güllener — und macht die Kollektivschuld der Stadt umso deutlicher sichtbar.
